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Yukiko Motoya.  Foto: Rana Shimada
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Yukiko Motoya.

Geschichten aus Japan

Yukiko Motoya: „Die einsame Bodybuilderin“ – Strohmanns Heilung

  • VonMartin Oehlen
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Markante Ehen und explosive Fantasie in Yukiko Motoyas Deutschland-Debüt „Die einsame Bodybuilderin“.

Tomokos Freunde und Familie waren überhaupt nicht einverstanden mit ihrer Wahl des Ehemannes. Doch die junge Frau zweifelte nicht an ihrem Lebenspartner. Und sie hat die Vermählung auch nach einem halben Jahr noch nicht bereut. Dabei ist ihr Ehemann aus Stroh. Ja, so etwas kommt vor, wenn man sich auf die unter dem Titel „Die einsame Bodybuilderin“ versammelten Storys von Yukiko Motoya einlässt. Da geht es kopfüber in eine bizarre, gleichwohl nicht sorgenfreie und allemal kunstvoll präsentierte Welt.

Die vorliegende Auswahl aus zwei Erzählbänden ist das erste Buch der 1979 geborenen Japanerin, das auf Deutsch erscheint. Im literarischen Leben ihrer Heimat ist sie allerdings längst etabliert. So hat sie schon einige Preise gewonnen, darunter den Akutagawa-Preis, der als Japans höchste literarische Ehrung gilt, sowie den Kenzaburo-Oe-Preis für die hier vorliegenden, meist kurzen Geschichten. In ihnen findet sich vom Großmeister Haruki Murakami das Mysteriöse und von der Altersgenossin Sayaka Murata das Ausloten der Extreme. Gleichwohl schlägt Yukiko Motoya einen ganz eigenen Ton an.

Ihr Zugriff ist schnell und entschlossen. Und ihre Fantasie ist explosiv. Um nur noch einmal auf den Gatten aus Stroh zurückzukommen. Nachdem Ehefrau Tomoko dem BMW des Paares einen Kratzer zugefügt hat, kann er von seiner Verärgerung nicht lassen und verstummt schließlich vor lauter Bockigkeit. Das geht einher mit dem Verlust seiner Körperspannung – unablässig fallen miniaturisierte Musikinstrumente aus seinem Strohhalmkörper. Die ersten versinken noch im flauschigen Teppich. Doch bald türmen sie sich zu einem Hügel auf. Schon fürchtet Tomoko um das Wohlbefinden des Gemahls: „Sein vertrauter Duft nach in der Sonne getrockneten Handtüchern, den sie so liebte, hatte sich unversehens in den Geruch von Viehfutter verwandelt.“ Doch nachdem sie die winzigen Instrumente – Posaune, Trommel, Cembalo etc. – behutsam zwischen die Halme zurückgeschoben hat, ist er bald wieder ganz der alte Strohmann.

Das Buch

Yukiko Motoya: Die einsame Bodybuilderin. Storys. A. d. Japan. v. Ursula Gräfe. Blumenbar, Berlin 2021. 236 S., 20 Euro.

Es geht um die Einsamen und Isolierten in diesen überhaupt nicht harmlosen Grotesken. Zumal die Ehe ist hier ein faszinierendes Feld, um die Frage nach Identität und Selbstbehauptung zu beantworten. Was wir sehen: Meistens geht es schief. Mal kommt es zu einer Angleichung bis in die Gesichtszüge, mal ist aus dem glücklichen Miteinander ein interesseloses Nebeneinander geworden. Das wird allerdings nicht in Ingmar-Bergman-Manier durchdekliniert, sondern pointiert auf die irrwitzige Spitze getrieben.

Tag & Nacht neue Kleidung

Konsequent behandelt die Erzählerin all die schrillen Merkwürdigkeiten wie die schiere Selbstverständlichkeit. Das ist zuweilen sehr amüsant und dem Slapstick nahe, wenn eine Gestalt (ist es ein Mensch, ein Außerirdischer?) nicht aus der Umkleidekabine weichen will und von der pflichtbewussten Verkäuferin Tag und Nacht mit neuen Kleidungsstücken zur Anprobe versorgt wird. Allerdings ist die Beklemmung selten fern. So in „Ehe mit einer fremden Spezies“, der mit Abstand längsten Story. Ein Mann zerplatzt vor den Augen seiner Frau in zahllose Einzelteile und landet als Pfingstrose auf dem Boden: „Wie zum Beweis, dass sie mein Mann gewesen war, wuchs ihr ein Stängel direkt aus seiner Unterhose.“

Solche Mutationen sind zahlreich. Sie muten an wie ein Erzählprinzip, um den Grad der seelischen Zerstörung anzudeuten. Die Zahl der Aliens unter den Menschen, das steht nach der Lektüre der elf Geschichten fest, ist erheblich größer als vermutet. Davon erzählt die Autorin in einer leicht zugänglichen Sprache, die die eine oder andere rare Metapher aufweist. So lesen wir in der Erzählung „Die Hunde“: „Seine mühelose, unverkrampfte Art zu sprechen, erweckte in mir stets die Vorstellung von eingefetteten gekochten Eiern, die aus seinem Mund flutschten, und ließ mich beinahe vergessen, dass er wie ich ein Menschenfeind war.“ Übersetzt hat das Ursula Gräfe, die die gefeierte deutsche Stimme von Haruki Murakami und Sayaka Murata ist – und nun auch von Yukiko Motoya. Ihre „Einsame Bodybuilderin“ ist ein Buch des schönen Schreckens und eine neue Leseattraktion aus Japan.

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