Yoko Tawada.
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Yoko Tawada.

Yoko Tawada, Paul Celan

Auf der Umlaufbahn der Fadensonne

  • Judith von Sternburg
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Yoko Tawadas bestrickender Roman „Paul Celan und der chinesische Engel“ - eine Hommage an Paul Celan.

Zum 100. Geburtstag des Dichters Paul Celan am heutigen Montag, zum zweiten Jahrestag in diesem doppelten Celan-Jahr, das im April mit seinem 50. Todestag begann, hat Yoko Tawada die ungewöhnlichste aller denkbaren Hommagen geschrieben. In ihrem Roman „Paul Celan und der chinesische Engel“ verliert ein junger Literaturwissenschaftler den Boden unter den Füßen, was aber nicht an Celan liegt, sondern an dem Boden, der die Welt bedeutet. Angefangen mit einem Institut, das sich nur eine halbe Stelle für ihn leisten will. Es gibt oder gab außerdem noch eine Freundin, sie „muss gesagt haben, dass er ein langhaariger Verlierer sei, der tote Gattungen pflege. Was sind tote Gattungen? Die Lyrik? Die Oper? Die Liebe?“

Der Literaturwissenschaftler und Opernhörer, der sich bereits ein gutes Stück von sich und den Dingen entfernt hat – oder ist er vielmehr zu nah an den Dingen dran? –, scheint in einem Literaturclub randaliert und die Scheibe zum Schaukasten eingeschlagen zu haben. Als die Polizei kommt, erklärt er, er habe Bücher stehlen wollen. „Lieber wollte ich ein Dieb sein als ein Verrückter.“ Da sieht er, dass ausschließlich Bücher von Gottfried Benn im Kasten stehen. „Ich sagte schnell, ich hätte mich geirrt, von diesem Dichter wolle ich kein Buch klauen.“

Das Komische im Traurigen, Tragischen und Tödlichen entgeht Yoko Tawada auch in ihrem neuen Buch nicht. Die 1960 in Japan geborene, seit Jahrzehnten in Deutschland lebende und außergewöhnliche Bücher schreibende Schriftstellerin hat sich schon mehrfach zu Celan als einem ihrer lebenslangen Dichter bekannt. „Paul Celan und der chinesische Engel“ ist von Celan-Wörtern und -Zeilen durchzogen, und von der Hellwachheit und permanenten Irritation, die ihre Lektüre zeitgleich hervorbringt, dazu von Gesprächen über Celan, die der Literaturwissenschaftler bald mit einem neuen Freund führt.

Das Buch:

Yoko Tawada: Paul Celan und der chinesische Engel. Roman. Konkursbuch / Verlag Claudia Gehrke. Tübingen 2020. 142 S., 12,90 Euro.

Leo-Eric Fu macht sich recht umstandslos mit ihm bekannt und kommt ihm „transtibetanisch“ vor, da der Literaturwissenschaftler alles am klarsten durch Celans Wörter sehen kann. Der Literaturwissenschaftler heißt Patrik, seine Eltern stammen sinniger-, aber nicht logischerweise aus der Ukraine, und wenn er mit sich monologisiert, nennt er sich zum besseren Schutz „Patient“. Wie man sieht, sind die „Überlebensstrategien“ des Literaturwissenschaftlers seinem beherzten Namen und interessanten Beruf zum Trotz schwach ausgebildet. Nur in Celans Werk tiefer hineinzukommen, gelingt ihm ohne weiteres (anstatt dass er seinen Vortrag für die Celan-Tagung vorbereiten würde).

Der transtibetanische Freund

Verbindungslinien verlaufen überall und sind durch Leo-Eric Fu asiatischer Natur, wenn es von den „Fadensonnen“ zum mit Garn und Nägelchen erstellten Mandala, vom „Meridian“ zu den Leitbahnen bei der Akupunktur geht. Während dem rührend offenherzigen Patrik selbst in seinem sogenannten normalen Leben Verbindungen nicht mehr möglich sind. Er denkt immer noch an eine Seele, aber „eine Seele ist zu altmodisch, so ähnlich wie ein Telegramm“.

Der Roman spielt in unseren Tagen, Theater und Konzertsäle sind geschlossen, und Patrik schaut daheim Opern-DVDs. Den Theaterpausen trauert er nicht nach. „Der Patient genießt das neue Leben in der ersten Reihe. Er genießt ein Leben ohne Pause.“ Neben dem Celan-Geflecht ist es die Oper, die seine Gefühlswelt bestimmt und die des Romans, die davon nicht zu trennen ist.

Mit Leichtigkeit und unvermittelt lässt Tawada die Mitlesenden in Patriks Welt ein, seine Schwierigkeiten, seine Albträume und seine kabbalistische Zahlenmanie, wenn er vierbuchstabige Körperteile aus den Gedichten zusammenträgt. Am Ende begreift man, weshalb alles so sonderbar und halbwirklich sein muss. Dazwischen hat man bei aller Traurigkeit seine Freude am Verqueren und an der auch büchnerhaften sprachlichen Aufmerksamkeit Tawadas, die Patrik etwa (vergebens) planen lässt, „wie ein Chirurg mit dem Garn des Sonnenstrahls die auseinandergefallenen Körperteile des Dichters wieder zusammenzunähen“.

Macht Lyrik labil? Labil macht eine Welt, die halbe Akademiker einstellt und in der noch ganz andere Dinge geschehen und geschehen sind, wie Patrik nicht entgeht. „Die Kunst ist immer eine Überreaktion“, erklärt er.

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