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Yevgenia Belorusets über den Krieg – Kiew, offene Wunde

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Von: Christian Thomas

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14. März 2022: Zwei Tote werden nach russischen Raketenangriffen auf Wohnblocks in Kiew gemeldet.
14. März 2022: Zwei Tote werden nach russischen Raketenangriffen auf Wohnblocks in Kiew gemeldet. © AFP

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (20): Yevgenia Belorusets: „Glückliche Fälle“ und „Anfang des Krieges“.

Augenscheinlich war der 26. März 2022 ein trüber Tag, an dem ein Mensch mit dem Rücken zu einem Fotoapparat vor der Kulisse von Kiew stand, mit Blick auf die Hauptstadt der Ukraine, gegen die seit einem Monat Krieg geführt wurde, seit fast einem Monat, damals. Was aber dem Foto der Dreimillionen-Metropole nicht anzusehen war, nicht der Skyline der Stadt, nicht ihrem Weichbild. Wäre da nicht dieser Mensch mit einem Helm, stünde da nicht, womöglich ein mittelalter weißer Mann, mit einer Schutzweste, unübersehbar auf dem Umschlag von Yevgenia Belorusets Buch „Anfang des Krieges“.

Geradeheraus zeigt sich ein Bild der Stille, aber auch eine Idylle? Nicht doch, denn vom ersten Satz an in ihren „Tagebüchern aus Kyjiw“ wird gesagt, dass nicht erst am 24. Februar 2022 gegen die Ukraine Krieg geführt wird, auch wenn die Autorin einräumt: „Als der Krieg zum ersten Mal begann, im Jahre 2014, war tatsächlich nicht klar, dass er wirklich begonnen hat.“ Klar war der Krieg allerdings für Putin, er verschaffte ihm einen Vorsprung mit der Folge: „In Deutschland hat man damals die Panzer sowie die schwere Artillerie übersehen.“

Aus diesem Putin eingeräumten achtjährigen Vorteil ergab sich, dass im Deutschland der „Zeitenwende“ seit über acht Monaten die für die Ukraine existentielle Grundversorgung mit Panzern und Artillerie kritisch geprüft wird.

Das alles trug sich zu im Jahr 2022, „als eine lange historische Ära zu Ende ging“, wie es bei Yevgenia Belorusets heißt – sicherlich in einem anderen historischen Zusammenhang, aber in ihrem Buch „Glückliche Fälle“, 2019 erschienen, worin Geschichten zu Ende gehen. Persönliche Epochen. Eine individuelle Ära nach der anderen. Abrupt sogar ein historisches Zeitalter abbricht. Die Prosatexte, damals, erzählten vom freien Fall zahlreicher Gewissheiten. Schon im Vorwort wurden Leserinnen und Leser darauf aufmerksam gemacht, „dass man an nichts endgültig glauben kann“. Und die Autorin ergänzte unter Berufung auf die Wirklichkeit: „In Wirklichkeit tun wahrscheinlich alle nur so, als würden sie glauben.“ Wie auch immer man die Form des Konjunktivs beurteilen mag – die Wirklichkeit ist ebenfalls eine Möglichkeitsform unter mehreren Möglichkeiten, die in Form von Tatsachen auftreten.

In einem dermaßen hybriden Aggregatzustand siedelte Belorusets 2019 ihre „Glücklichen Fälle“ an, Berichte über eine Ukraine, in der der Zufall regiert. Über ein Land, in dem der Boden schwankt. Über einen Boden, der unter den Füßen der Ukrainerinnen und Ukrainer immer wieder weggezogen wird. Über Ukrainer und Ukrainerinnen, die sich einer unvorhergesehenen Situation gegenübersehen: „2014, als alles gerade anfing, hat ein ukrainischer Soldat zu mir gesagt, er sei mit dem Krieg verheiratet.“ Eine verstörende Formulierung, eine bestürzende Einsicht, wie so oft in Belorusets’ Prosatexten, die wegen der Übersetzung durch Claudia Dathe ebenfalls ein Ereignis sind. Ein noch größerer Coup, dass die 1980 geborene Ukrainerin Belorusets ihr jüngstes Buch auf Deutsch geschrieben hat.

Von der tiefen Bedeutung des „Unbedeutenden und Kleinen“ sprach Belorusets unter Bezug auf Walter Benjamin in „Glückliche Fälle“ – und nicht von ungefähr vermeintlich genügsam kamen ihre Texte daher, was schlicht daran liegt, dass sie die artifizielle Anspruchslosigkeit eines Johann Peter Hebel ebenso aufweisen wie die verstörenden Verrücktheiten eines Daniil Charms. Die entwaffnende Geistesgegenwart der Grotesken, auch im Gefolge von Gogol, ist in dem Kriegstagebuch bewusst abgestellt trotz der alles überschattenden Absurdität, dass „das Wort Krieg im Krieg noch weniger verständlich ist als in Friedenszeiten“.

Zur Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Yevgenia Belorusets: Glückliche Fälle. Aus dem Russischen von Claudia Dathe. Matthes & Seitz 2019. 160 S., 20 Euro.

Yevgenia Belorusets: Anfang des Krieges. Tagebücher aus Kyjiw. Matthes & Seitz 2022. 192 S., 22 Euro.

Zuletzt ins Regal gestellt: Markijan Kamyschs „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“, Gwendolyn Sasses „Der Krieg gegen die Ukraine“, Julia Kissinas „Frühling auf dem Mond“, Erzählungen von Nikolai Gogol, die Bände „Herbstfeuer“ und „Samson und Nadjeschda“ von Andrej Kurkow sowie Artem Tschechs „Nullpunkt“.

Als Nr. 21 der Bibliothek wird das Themenheft „Widerstand. Ukrainische Kultur in Zeiten des Krieges“ der Zeitschrift „Osteuropa“ vorgestellt.

Zum Alltag im Ausnahmezustand gehört, dass der Weg, „einfach nur die Straße herunter“, nicht mehr selbstverständlich ist oder ein „Guten Abend“ als Provokation aufgefasst wird. Einrichten muss sich auch Belorusets wie Millionen hinter abgedunkelten Fenstern und abgeklebten Scheiben. Bei Raketenalarm verharrt sie im Korridor, unterkriechen muss sie in einem Kiew, ihrem Kyjiw unter Beschuss, ohne Strom, ohne Wasser, noch dazu den Bedingungen von Corona. Und was kommt noch hinzu? „,Der Winter – das ist das Einzige, was uns wirklich Sorgen macht‘“, hört Belorusets immer wieder.

Als hätte sie nicht die ruinierten Häuser gesehen, nicht die Schlangen vor den Apotheken, nicht die Sirenen gehört, fragt eine eingereiste Journalistin: „Wie merkt man überhaupt, dass der Krieg wirklich da ist?“ Tatsächlich unterliegt Kiew einem aberwitzigen Nebeneinander von terrorisierten Stadtteilen und „Inseln der temporären Ruhe“, durch die Saboteure streifen, um für russische Raketen zukünftige Ziele zu markieren, Wohnhäuser, Geschäfte – zivile Ziele.

Nicht anders als Serhij Zhadan in seinem Tagebuch „Himmel über Charkiw“ erlebt Belorusets, wie der Krieg „die Realität in Teile, Inseln, Stücke“ zerfetzt. Die „Zerrissenheit der Erfahrungen“ ist es, die überallhin mitgeschleppt wird wie eine offene Wunde durch eine Metropole, aus der Tausende flüchten, und in die Tausende vor den russischen Kriegsverbrechern sich flüchten. Allein dazu fällt einem das Wort von der „zählebigsten Stadt der Ukraine“ ein, wie der Dichter Ossip Mandelstam vor 100 Jahren Europas Kriegsschauplatz schlechthin bezeichnete, Kiew.

Eine Möglichkeit der Orientierung bietet Belorusets das Fotografieren. Die zusammenstellte Fotostrecke illustriert nicht die Prosatexte, sie erzählen eigene Geschichten, beklagenswerte – nennen wir sie dennoch neutralisierte Schicksale. Keine Gesichter! Denn es könnte lebensgefährlich sein für die Porträtierten. Dennoch gibt es einige, ebenso Ansichten aus einer Stadt, in der die Touristen-Stadtpläne unkenntlich gemacht wurden. Naheliegend, dass der heiklen Fotografin Belorusets nicht selten Misstrauen entgegenschlug, vorauseilende Vorsicht bis hin zur vorübergehenden Festnahme.

Grauenvoll die Nachrichten aus anderen Landesteilen, über Putins Urbizid in der Ukraine, nicht nur in Mariupol. Ebenso gehört zur Kriegsstrategie Russlands, dass jede der zwischenzeitlichen Verhandlungen durch gesteigerten Terror gegen die Zivilbevölkerung sekundiert wird, durch Mord in Flüchtlingsbussen, durch Massenmord in Krankenhäusern, durch Raketen auf Schulen. Bereits am zweiten Tag des Krieges steht für Belorusets die Frage gellend im Raum: „Lässt sich dieser Krieg noch eine Minute länger aushalten?“ Butscha, Irpin, Vorzel, Borodjanka – auch wenn sich Belorusets lange nicht auf den Begriff einlassen wollte, so hat ihr Buch schließlich Hinweise auf „genozidale Verbrechen“ zusammengetragen.

Dies, unübersehbar, trug sich zu einer Zeit zu, als mit sich selbst total im Reinen lebende Linke das Wort Vernichtungskrieg total unangebracht fanden. Auch deswegen kommt Belorusets in ihrem lediglich „abgebrochenen Tagebuch“ nicht umhin, zu schreiben: „Ich kann mich nur wiederholen: Der Himmel über der Ukraine muss geschützt werden. Und wenn internationale Politiker und Staatschefs zu vorsichtig sind, um es zu tun, dann können sie uns wenigstens die Mittel verschaffen, damit wir es selbst tun können.“

Hier finden Sie die letzte Folge der Serie: Artem Tschechs „Nullpunkt“.

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