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Protest in Port-au-Prince, wo Menschen den Rücktritt von Präsident Moise fordern – hier ein Foto von 2019.
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Protest in Port-au-Prince, wo Menschen den Rücktritt von Präsident Moise fordern – hier ein Foto von 2019.

Karibik

Yanick Lahens und ihr düsterer Haiti-Roman „Sanfte Debakel“ – Gegen die „Exotisierung von Unglück“

  • VonAndrea Pollmeier
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Yanick Lahens’ Roman „Sanfte Debakel“ entwirft in einem Mosaik das komplexe Porträt der haitianischen Gesellschaft.

Existenzbedrohliche Erlebnisse gehören in Haiti fast zum täglichen Leben. Grund hierfür sind nicht ausschließlich Naturkatastrophen, die die Karibikinsel in immer dichteren Abständen und mit immer größerer Wucht heimsuchen. Verursacht wird die tägliche Bedrohung, die jeden treffen kann, auch durch eine von Außen und Innen betriebene, tiefgreifende Verrohung des politischen Systems, in dem nach Gerechtigkeit strebende zivilgesellschaftliche Kräfte und Institutionen zunehmend ausgegrenzt werden.

Die haitianische Autorin Yanick Lahens hat auf der Basis einer soziologisch weit gespannten Analyse diesen Prozess der Verrohung in ihrem Roman „Sanfte Debakel“ frappierend vorausschauend sichtbar gemacht. In Frankreich ist das Buch im Herbst 2018 herausgekommen, auf dem Höhepunkt der Protestbewegung gegen den damaligen Präsidenten Jovenel Moise. Lahens nimmt in fiktiver Form brisante Ereignisse vorweg und schildert ein Milieu, in dem Attentate wie das auf den Präsidenten vom 7. Juli oder die Ermordung des Verfassungsexperten und Vorsitzenden der Anwaltskammer Monferrier Dorval im August 2020 nachvollziehbar werden. Der Text könnte heute nicht aktueller geschrieben sein. Er zeigt die schleichende Zerstörung einer an demokratischen und humanitären Werten orientierten Gesellschaft.

Der Erzählung ist ein Brief vorangestellt. Darin verabschiedet sich der Richter Raymond Berthier von seiner Frau – er ahnt, dass sein Leben durch seine Recherchen im korrupten Milieu unmittelbar bedroht ist. Die Erzählung, die folgt, setzt zu einem Zeitpunkt ein, als diese vorhersehbare Ermordung bereits erfolgt ist. Es geht jedoch nicht wie in einem Krimi darum, den Täter zu finden und den Fall zu lösen, die Tat wird vielmehr zum Ausgangspunkt für eine Analyse, die sichtbar macht, in welchem Umfeld eine solche Tat möglich ist.

Als prägende Erlebnisse beschreibt Yanick Lahens schon die alltägliche Lage auf den Straßen von Port-au-Prince. Dort reihen sich seit dem Erdbeben 2010 zahllose luxuriöse SUVs hintereinander. Cyprien Novelius, der junge Praktikant einer Rechtsanwaltskanzlei, Schüler des ermordeten Richters und Geliebter von dessen Tochter Brune, sitzt am Steuer seines kleinen Wagens und träumt davon, sich einmal per Audi in der als „kochender Kessel“ bezeichneten Stadt zu behaupten. „Du bist Audi! Du bist Haiti!“ tönt die Werbung aus dem Radio.

Momente später drängt mit Warnsignal ein Konvoi durch den Stau. Die, die hinter den getönten und schusssicheren Fenstern sitzen, verbreiten eine Aura von Allmacht, sind „zum Warten zu mächtig“. Wer Pech hat, und an einer Kurve an die Seite gezwungen wird, riskiert es, in den Abgrund gestoßen zu werden.

Lahens beschreibt anhand mosaikartig ineinander gefügter Szenen das Leben von Personen unterschiedlicher Generation und sozialer Herkunft. Schnell, manchmal abrupt wechselt die Erzählperspektive. Ein „Ich“ erzählt von den eigenen Träumen, bereits im nächsten Satz analysiert eine allwissende Erzählerin die subjektive Gefühlswelt aus der Vogelperspektive und fügt sie in einen größeren Zusammenhang ein. Der Erzählfaden wird also stets in eine Vielschichtigkeit eingewoben. Viele Stimmen führt Lahens zusammen und kann dadurch die komplexe Lage einer vielseitig manipulierten Gesellschaft spiegeln.

Das Buch

Yanick Lahens: Sanfte Debakel. Roman. A. d. Franz. v. Peter Trier. Litradukt, Trier 2021. 160 Seiten, 14 Euro.

In den Blick tritt vor allem Pierre, der Schwager des ermordeten Richters. Er gehört zur einst wohlhabenden Bourgeoisie, in der er als Homosexueller jedoch Außenseiter blieb. Seine Freunde und deren Umgebung formen das Porträt, das Lahens von der haitianischen Gesellschaft zeichnet. Es zeigt, wie sich in Kreisen, „die trotz der Ängste, der Diktatur und der Verstörung der Glaube an etwas Besseres bewohnte“, die Bereitschaft zu Korruption und sogar zum Töten einschleicht.

Ungewöhnlich ist, dass auch der Blick auf eine Gruppe von Oligarchen gelenkt wird, die gegenwärtig die Irrwege im Innern Haitis entscheidend steuern. Es sind „als Geschäftsleute getarnte Schmuggler, die das Blut des Volkes aussagen, genau das Profil von Monsieur Sami Hamid“. Sami Hamid importiert Zement aus Kolumbien. Ihm ist es als Mann syrisch-libanesischer Herkunft gelungen, die „soziale Schranke“ zu durchbrechen und eine Frau zu heiraten, die zur Gruppe der an Frankreich und den USA orientierten Bourgeoisie gehört. „Heute tragen alle dieselbe Maske“ kommentiert die allwissende Erzählerin. „Man arbeitet aktiv auf das Unglück hin und sieht zu, dass man ihm entkommt.“

Auch eine Kamera ist Teil des Erzählfiguren-Ensembles. Sie gehört dem aus Frankreich eingereisten Journalisten „Francis“ und repräsentiert die Perspektive der westlichen Medien auf Haiti. Lahens zitiert stereotype Zuweisungen, die für eine sich steigernde Herablassung des westlichen Blicks auf die Karibikinsel charakteristisch sind und von Haiti beispielsweise als „Hinterhof“ Amerikas (Bill Clinton) oder „shithole country“ (Donald Trump) sprechen. In Medienbeiträgen wie jüngst in „Le Monde“ (8. August) hat sich Yanick Lahens mehrfach gegen diese Art der „Exotisierung von Unglück“ zur Wehr gesetzt. Tödliche Risiken nehmen auch in scheinbar sicheren Zonen der Welt immer mehr zu, „hier und anderswo“, heißt es im Roman. Es gebe immer mehr Leute, die in der Lage seien, die Ängste der Menschen zu steuern. So entstehe eine weltweite „Synchronisierung der Angst“.

Francis ist nach dem Attentat auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ nach Haiti gereist, um dort nach Erklärungen für den Hass zu suchen. Als er von seiner Recherche zurückkehrt, laufen am Flughafen Bilder der blutigen Nacht am Bataclan in Paris über die Bildschirme.

Es gibt jedoch auch Zeichen der Hoffnung, die der in der Entwicklungspolitik dominierenden Vorstellung von einem „failed state“ (gescheiterten Staat) entgegenwirken. In Haiti gibt es eine breite Bewegung der Zivilbevölkerung, die gegen die durch „internationale Einmischung und lokale Komplizenschaft“ entstandenen, korrupten Strukturen ankämpft. Lahens führte diese Stimmen über Radiobeiträge und die Proteste der Studentenbewegung in ihr Werk ein. Sie beschreibt, wie durch diesen Widerstand ein von Präsident Moise angestrebtes Verfassungsreferendum, das diktatorische Vollmachten der Regierung verstärken sollte, zunächst verhindert wurde.

Dieses Thema ist hochaktuell. Denn bis heute steht das angesprochene Verfassungsreferendum auf der Agenda der von der internationalen Gemeinschaft unterstützten Interimsregierung. „Man baut an einer Ordnung, die den eigenen Interessen zupass kommt“, heißt es im Buch. Diese Ordnung werde jedoch nicht im Einklang mit der Zivilgesellschaft entwickelt. Bereits 2019 haben sich zahlreiche haitianische Schriftsteller und Schriftstellerinnen, unter ihnen auch Yanick Lahens, in einem öffentlichen Protestschreiben gegen diesen Weg zur Wehr gesetzt.

Mit Hilfe von Musik und Literatur könne die Vision von einer gerechten und humanitären Ordnung lebendig gehalten werden. Musik habe ihn in alle Häfen der Welt geführt, schreibt Richter Raymond Berthier in seinem Abschiedsbrief. Den „Traum von der großen Weite“ lebt seine Tochter Brune als Sängerin weiter. Denn, so heißt es bei einem ihrer Auftritte: „Der poetische Zustand ist der einzige Zustand des Lebens, in dem man mit bloßen Füßen kilometerweit über glühende Kohlen und Scherben gehen kann.“

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