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Yade Yasemin Önder „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“: Die Nachbarin von Hannelore Kohl

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Von: Cornelia Geißler

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Yade Yasemin Önder. Foto: Carolin Saage
Yade Yasemin Önder. © Carolin Saage

Yade Yasemin Önder erzählt eine Mädchengeschichte als Sprach-Abenteuer

Die Themen in Yade Yasemin Önders Roman kann man so zusammenfassen: Es geht um das Aufwachsen eines Mädchens im Westen Deutschlands in den 90er Jahren. Erfahrungen, die viele andere in dieser Zeit gemacht haben, sind verschränkt mit individuellem Erleben. Der eine Teil der Familie stammt aus Deutschland, der andere aus der Türkei, was Konflikte birgt. Der Vater, stark übergewichtig, stirbt früh. Das Mädchen kämpft sich durch die Pubertät und durch eine Bulimie.

Aber das beschreibt das Buch nicht. Immerhin deutet der Titel „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ darauf hin, dass es hier einiges zu denken und sortieren gibt. Nicht die Handlung macht diesen Roman besonders, sondern seine Sprache, sein Aufbau aus Fragmenten, deren Zusammenhang sich langsam herstellt, sein ungewöhnlicher Blick auf die Welt.

Unzuverlässig, aber logisch

Das Buch:

Yade Yasemin Önder: Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 256 S., 20 Euro.

Ein Beispiel sei hier vom Anfang des Buches genannt: „Ich hatte ein eigenes Zimmer, das Hannelore Kohl, unsere Nachbarin, die damals mit ihrem dicken Mann neben uns einzog, als das schönste Kinderzimmer bezeichnete, das sie jemals gesehen habe.“ Kurz darauf beobachtet sie, wie der Vater im Garten zu Tode kommt. Das hat mit der Kreissäge in seiner Hand zu tun und auch mit den gelben Bröckchen aus dem Mund des Mädchens. „An diesem Abend gab es keinen Salat, aber einen Schuldigen, und das war ich. Ich hatte nun meinen Vater auf dem Gewissen, und man weiß ja, wie schwer so ein Vater ist.“ Önders Ich ist eine unzuverlässige, aber eine in der Logik des Textes überzeugende Erzählerin.

Nach dem Leichenschmaus gehen Vater, Mutter, Kind auf Reisen und besuchen die eine Familie in der Türkei, später werden sie von der anderen vor die Tür gewiesen. Also stimmt auch die Chronologie nicht. Es gibt den ersten Freund, Mobbing in der Schule, einen Klinikaufenthalt wegen der Essstörung, ein verlorenes Kuscheltier. Yade Yasemin Önder lässt die Erzählerin ein Verhältnis zu ihrer Bulimie entwickeln wie zu einem Mitbewohner oder Haustier. „Mein Symptom“ ist stets schon da, wenn sie irgendwo hinkommt. So fasst sie das dramatische Ausmaß der Krankheit.

Die Autorin stellte 2018 eine Keimzelle des Textes beim Literaturwettbewerb Open Mike in Berlin vor und gewann. Den expressiven Duktus von damals hat sie beibehalten. Im Roman ist es zwar manchmal schwierig, sich zu orientieren, in welcher Situation die Erzählerin gerade spricht. Er verfängt aber immer wieder durch den Rhythmus der Sprache, die Wiederholungen kennt, Wortakrobatik und Reime. Exemplarisch zeigt sich das, wenn das Mädchen ihre Defloration in Varianten erlebt, „Hymen als Hindernis“. Sie nimmt das Modell der „Stilübungen“ des französischen Schriftstellers Raymond Queneau auf. War es bei ihm eine Alltagsbegegnung, zeigt sich bei ihr die Zurichtung einer jungen Frau zum Beispiel nüchtern, überrascht, als Traum oder in bürokratischer Genauigkeit.

Yade Yasemin Önder präsentiert sich in ihrem Debüt als kühne Stilistin, mit der hoffentlich bald noch mehr Sprachabenteuer zu erleben sind.

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