Einweckgläser im Keller, da ist doch eigentlich nichts dabei.
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Einweckgläser im Keller, da ist doch eigentlich nichts dabei.

Erzählungen

Xaver Bayer: „Geschichten mit Marianne“ – Kaninchen mit Taschenuhr

  • vonCornelia Geißler
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Unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar: „Geschichten mit Marianne“ von Xaver Bayer.

Die Orte wechseln vom Wald in die Stadt, vom Zirkus zum Swingerclub, vom Fahrstuhl zur Putzkammer. In den zwanzig „Geschichten mit Marianne“ ohne Überschrift, nur mit römischen Ziffern versehen, ist immer ein Ich-Erzähler anwesend. Die Gegenwart von Marianne als wohlhabende Freundin, Frau mit erlesenem Geschmack oder als verlassene Gefährtin variiert von der Anwesenheit im selben Raum zur Stichwortgeberin oder Gesprächspartnerin am Telefon oder im Kopf des Erzählers.

Der Autor, geboren 1977, ist Österreicher, das merkt man manchmal, wenn es etwa um eine „Türschnalle“ geht. Er hat schon mehrere Bücher veröffentlicht, Romane und Erzählungen. Seine Kurzgeschichten nun sind nicht realistisch, aber sie tun so.

Xaver Bayer ist so schlau, dass er nicht nur die Themen und die möglichen guten oder schlechten Enden seiner Texte variiert; er schreibt an einer Stelle auch davon, dass er Traum und Wirklichkeit nicht auseinander halten kann. Dabei folgt er zum Beispiel dem Prinzip von Lewis Carroll in „Alice im Wunderland“: Die schläfrige Alice sieht ein Kaninchen mit einer Taschenuhr, folgt ihm und fällt und fällt und fällt, bis sie in einem Gang mit seltsamen Türen ankommt. Von Marianne in den Keller geschickt, Einmachgläser fürs Marmeladekochen zu holen, rutscht bei Bayer der Ich-Erzähler in die Tiefe. Ein andermal tritt er aus dem Badezimmer und sieht nicht die vertrauten Räume, sondern einen Gang mit fremden Türen.

Das Buch

Xaver Bayer: Geschichten mit Marianne. Jung und Jung, Salzburg 2020. 184 Seiten, 21 Euro.

Bayer hat eine Menge Ideen, verblüffend oft, weil sie naheliegend scheinen. Viele Geschichten lassen sich gut vorlesen, etwa, wenn sich die Landschaft beim Autofahren verändert wie in einem Computerspiel. Oder wenn das Paar in ein Floating-Bad geht und er im Wasser schrumpft, bis ihn das Schicksal des Fischleins in „Findet Nemo“ ereilt. Weil der Autor weiß, dass man beifällig sagen wird, das sei ja kafkaesk, schickt er in der nächsten Geschichte seinen Helden auf die Suche nach einer besonderen Ausgabe von Franz Kafkas Roman „Das Schloss“ – in einem Schloss. Wie belesen er ist, zeigt er auch mit dem Whats-App-Zitatenwettstreit zwischen dem Erzähler und Marianne.

Man sollte nicht meinen, er fliehe vor der Wirklichkeit, seine Straßenszene am Anfang liest sich gruselig nach Terroranschlag und SEK-Einsatz, verstörend daran erscheint der Beobachterspaß des Erzählers und Marianne. Durchaus vorstellbar wirkt die Bedrohung durch zwei Drohnen, die unaufhaltsam dem Erzähler folgen, bis in die Wohnung hinein. Die Stimmung kippt hier auf geradezu rührende Weise.

Es ist ein prima Buch für unterwegs, für die U-Bahn oder den Bus, vielleicht auch für eine Pause vom Alltag auf der Wiese. Wenn man viele Geschichten hintereinander liest, ermüdet man allerdings. Zwar haben sie fast alle einen überraschenden Dreh, der sie ins Gruselige oder Fantastische oder in Momente der Gewalt rutschen lässt. Aber dadurch, dass die Wendungen meist hochdramatisch sind, der Ich-Erzähler in Stress- und Angstsituationen kommt, die sich in ihrer Gefährlichkeit, Brutalität oder Unwahrscheinlichkeit steigern, wird man beim Lesen allein durchs Warten auf den Kippmoment zermürbt.

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