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"Gustavs Traum"

Wunschmaschine Idylle

In Christian Zehnders Erzählung waltet Stifters sanftes Gesetz als epigonales Geschick.

Von ROLF-BERNHARD ESSIG

In diesem Büchlein steht ein Mann da, weist seiner Frau einen verwelkten Rosenstrauß und sagt: "Sieh, die Vergänglichkeit." Viele Seiten später weist ein ganz anderer Mann seiner Tochter einen Fluss und sagt: "Sieh, die Zeit!" Angemessen sind die Fingerzeige in dem einen wie in dem anderen Fall, denn in "Gustavs Traum" geht es durchgehend um das Phänomen der unablässigen Veränderung, um Rollen und Rollentausch zwischen Eltern, Kindern und Liebenden, um die Sehnsucht nach dem Verschwundenen, um Enttäuschungen und die Jahreszeiten.

Zeitlose Themen, die in alter Manier dargeboten werden. Leichtherzig wirft der 25-jährige Christian Zehnder in seiner ersten Prosaveröffentlichung den Ballast modernen oder auch nur zeitgenössischen Erzählens ab, als sei seit Eichendorffs Tod ein Monat erst vergangen, als folge er der nicht nur resignierten Weisheit des Gottfried-Keller-Verses "Unser ist das Reich der Epigonen". Das Schicksal seiner siebeneinhalb Figuren spielt sich fast ausschließlich in einer so literarisch-magischen Welt ab, dass Wörter wie "Preßlufthammer", "Bikini" oder "Tiefgarage" geradezu erschrecken.

Gustav, "der frühpensionierte Kunsthandwerker", wollte in jungen Jahren kein Restaurator werden wie sein Vater, obwohl er das Geschick dafür hatte. Sein Autor aber ist es, wobei er allerdings romantische Motive nicht nur erneuert, sondern neu malt im alten Stil: "Er hob, statt nachzudenken, ein Steinchen auf und betrachtete ein Zweiglein. Und tatsächlich, er fühlte sich von jeder Schwere frei! Ein Blick wog stundenlanges Grübeln auf, ein Gang ums Haus Gedankenketten. So erging er sich unter den Birken. Einer strich er über die Rinde, ihre Kühle strömte in ihn, und er sah, daß noch immer das Warten bleiben werde. Er wollte zum nächsten Baum, da kam eine Hitze über ihn. Er versuchte, sich zu bücken und den Schnee zu berühren."

In solchen Sätzen - und es gibt viel altmodischere im Buch - waltet inhaltlich und stilistisch Stifters sanftes Gesetz. Mensch und Natur zeigen sich geradezu durchwirkt voneinander. Gefühle kommen wie das Schicksal über die Figuren mit unabweisbarer Evidenz. In dieser Buchwelt entsteht die Erkenntnis, "daß es nichts Größeres gab als Einverständnis".

Ob der Leser einverstanden sein wird mit dem epigonalen Kunsthandwerker Zehnder, hängt von der jeweiligen Toleranz bedeutungsschwangeren Sätzen, großen Worten und altbekannten Figurenkonstellationen gegenüber ab. Es lebt ja nicht nur Stifter in den Zeilen, auch der hochgestimmte Novalis- und Hölderlin-Ton sowie Anleihen an Büchners "Lenz"-Eindringlichkeit finden sich in den unzähligen Fragen, den vielen Steigerungsformen, den emphatischen und archaischen Wörtern, den oft kurzen Sätzen und den knappen Dialogen mit ihrer nur scheinrationalen oder aber gleich metaphysischen Ordnung. Motive wie das Abhandenkommen, Suchen und glückliche Wiederfinden von Personen, vor allem der Mutter, kennt man ebenfalls sehr gut aus der romantischen Literatur.

Aber wozu der ganze Aufwand? Wie die Figuren hier fühlen, existieren, sich verfehlen und wieder treffen, wirkt kunstvoll oft, öfter noch künstlich, die Geheimnisse gar zu wabernd, die Absage an die Rationalität wohlfeil und die vielen Wahrheiten eher platt.

Die sehr konsequente, wohlklingende Stilstudie Zehnders führt die in Deutschland nur noch selten gepflegte Tradition der Idylle fort, doch im Gegensatz zu Eckhard Henscheids "Maria Schnee" beispielsweise fehlt dann doch das ganz Eigene und Heutige. Offensichtlich entsetzt sich Zehnder mit seinen Figuren über "die geringe Phantasie der Wirklichkeit". Und so erhebt er sich mit seiner hymnisch-idyllischen Erzählung weit über die Prosa der heutigen Verhältnisse. Das macht manchmal Vergnügen, manchmal Bauchgrimmen. Doch am Ende löst sich - selbst bei der zweiten Lektüre - das Zauberwerk rasch auf in nichts.

Christian Zehnder: Gustavs Traum. Erzählung. Ammann Verlag, Zürich 2008, 100 Seiten, 17,90 Euro.

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