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Bei der Schilderung einer Dachsjagd zeigt Jones seine immense Beschreibungskunst.

Roman Cynan Jones "Graben"

Der Wunsch nach dem letzten Knall

Ein schmales, packendes Buch über die großen Themen: Cynan Jones’ Roman „Graben“ erzählt nicht nur von der Dachsjagd.

Von Christoph Schröder

Am Rand einer einsamen Landstraße sieht der große Mann Daniel an einer Mauer stehen. „Er ist schwach, dachte er. Er ist schwach, ein Farmer, der allein ist. Er wird beschäftigt sein.“ Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellen wird.

Allein allerdings ist Daniel tatsächlich, allein auf der Farm, die er gemeinsam mit seiner Frau von seinen Eltern übernommen hat. Die Frau, die Daniel bereits seit Kindheitstagen kannte, ist durch einen Unfall gestorben. Das ist noch nicht allzu lange her, und Daniel hat damit zu schaffen, den Schmerz in sich nicht uferlos werden zu lassen und die Leere des Hauses und seiner Existenz mit Arbeit zu bekämpfen.

„Graben“, der erste ins Deutsche übersetzte Roman des walisischen Schriftstellers Cynan Jones, spielt auf recht klassische Weise den Kampf zwischen Gut und Böse durch. Und es ist ein von einem Mann geschriebenes Buch über Männer (und über Tiere), was allerdings nicht heißt, dass nur Männer es lesen sollten. Dafür ist es einfach viel zu gut, aus unterschiedlichen Gründen.

Der Große ist das Üble

Daniels Gegenspieler, der große Mann, hat keinen Namen und bewusst weit weniger psychologische Formung – er ist das schlechthin Üble, das Rücksichtslose, Gierige. Über den großen Mann erfahren wir, dass er einen Gefängnisaufenthalt hinter sich hat. Er haust, nicht unweit von Daniels Farm, in einem von Schrott umgebenen, heruntergekommenen Haus auf dem walisischen Land. Die Gegend ist rau und karg; die Menschen sprechen nicht viel.

Cynan Jones spricht keine expliziten moralischen Urteile über seine Figuren, sondern geht einen höchst geschickten Umweg: Die Art und Weise, wie die Menschen in der Welt und zu ihr stehen, verläuft in „Graben“ über den Umgang mit der Kreatürlichkeit. Während Daniel ein Heger und Pfleger ist, der sich bis zur Erschöpfung um seine trächtigen Lämmer kümmert, ist das Werk des großen Mannes ein rein destruktives: Er züchtet scharfe Terrier, mit deren Hilfe er Dachse in den Bauten aufstöbert, die er wiederum für großes Geld weiterverkauft.

Und wer immer schon der festen Überzeugung war, dass die detaillierte Schilderung einer Dachsjagd oder die Beschreibung eines Kampfes zwischen Dachs und Hund von eher geringem Interesse sei, der wird in „Graben“ eine Besseren belehrt. So packend sind diese Szenen, so plastisch und mitreißend, so vokabelreich in ihrer Suggestionskraft, wozu Peter Torbergs Übersetzung, die sich hervorragend lesen lässt, mit Sicherheit ihren Teil beigetragen hat.

Er spürt solche Wut

Jones macht nicht viele Worte. Die Szenen sind der Landschaft und ihren Bewohnern abgetrotzt, aber sie sitzen. Da ist also der große Mann, der Dachse jagt, und da ist Daniel, der trauert und zugleich eine unbändige Wut in sich spürt; eine Wut auf das Schicksal, das ihn getroffen hat: „Ich schaffe das, dachte er. Ich schaffe das. Er hatte diese ungeheure Verantwortung für die Farm, und deswegen würde er weitermachen. Er schien allerdings zu wissen, dass der Wunsch nach dem Schlag, dem letzten Knall, immer öfter kommen würde.“ Man spürt von Beginn an, dass „Graben“ auf eine Begegnung, auf einen Showdown zusteuert, und da zeigt sich die nächste Stärke des Autors: Er hat ein ausgeprägtes Gespür für das Timing von Szenen. Vor allem weiß er, wann er sie zu beenden hat, um seinem Text einen Assoziationsraum zu lassen.

Es gibt tatsächlich berührende Momente in diesem Roman, die vom Tod erzählen und die nichts Pathetisches an sich haben, weil sie mit Selbstverständlichkeit daherkommen. An verschiedenen Einzelfällen wird die Frage nach der Natürlichkeit des Sterbens und der Legitimität des Tötens aufgeworfen. Und es gibt blutige Episoden, abstoßend allerdings sind sie nie, weil jederzeit klar ist, dass sie nicht als reißerische Schockelemente eingebaut, sondern notwendig sind. Das muss man erst einmal so hinbekommen: Ein schmales, fesselndes, lakonisches Buch über die großen Themen.

Cynan Jones: Graben. Roman. A. d. Engl. v. Peter Torberg. Verlagsbuchhandlung Liebeskind, München 2015, 176 S., 16,90 Euro.

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