HILAL SEZGIN

Der Wunsch, eine Insel zu besitzen, brennt in meiner Brust

Blüten, Brotfrucht, Blumenkränze: Unwiderstehlich zog es die Familie Robert Louis Stevensons und jüngst auch den Schweizer Schriftsteller Alex Capus in die Südsee

Das Bild, das man sich im deutschen Sprachraum von Robert Louis Stevenson macht, wird so sehr von der Schatzinsel (1883) dominiert, dass alles andere darüber leicht übersehen wird: Stevenson als Romancier auch für Erwachsene, als unvoreingenommener, fesselnder Reiseschriftsteller und nicht zuletzt als unkonventionelle Gesamterscheinung. Der 1850 geborene Stevenson war der Sohn einer, um nicht zu sagen: der Familie schottischer Leuchtturmbauer, der allerdings wenig Neigung zeigte, diese Tradition fortzusetzen. Leider wurde dieser Mangel nicht etwa durch frühen künstlerischen Ruhm ausgeglichen, so dass Stevensons Lebenswandel und insbesondere seine finanziellen Verhältnisse lange recht unstetig blieben. Als lungenkranker Weltenbummler in Paris lernte er 1875 die zehn Jahre ältere und damals noch verheiratete Amerikanerin Fanny Osbourne kennen, die sich in einer französischen Künstlerkolonie als Malerin versuchte und die er nach einigen dramatischen Episoden mit ihrem (Noch-)Ehemann 1880 in San Francisco heiratete.

Während der Wartezeit hatte der Bräutigam Gelegenheit, auf seiner Reise mit dem Esel durch die Cevennen (1879) zu der Erkenntnis zu gelangen: "Mit der Frau, die er liebt, in der Wildnis zu leben, ist für einen Mann von allen denkbaren Lebensformen die erfüllendste und freieste." Zehn Jahre später kreuzten die beiden auf der Suche einer vom Kolonialismus noch möglichst unzerstörten Wildnis durch den Pazifik, von Hawai zu den Marquesa-Inseln, von Tahiti nach Neuseeland. Zunächst hatten sie die Hoffnung gehegt, dass sich Stevensons Lungenleiden im tropischen Klima verbessern oder jedenfalls weniger rapide verschlechtern würde. Bald aber hatte die Südsee die beiden wohl schlicht "am Haken". Schließlich kauften sie gar ein riesiges Grundstück auf der Insel Samoa, wo sie mitten im Dschungel ein prächtiges Herrenhaus entstehen ließen und allerlei Kolonialfrüchte auf Plantagen anzubauen planten - von denen manche tatsächlich gediehen, die meisten allerdings nicht.

Ironischer Weise ist Die Schatzinsel aber bereits vor diesen Reisen entstanden, an einem denkbar entfernten Ort und dank einer ungünstigen Fügung des dortigen Wetters. "Hier bin ich nun in meinem Heimatland, draußen gehen lieblich Wind und Hagel, und ich rücke näher und näher ans Feuer", schrieb Stevenson 1881, in einem bitterkalten nassen Sommer, den er mit seiner Frau Fanny und dem 12-jährigen Stiefsohn Lloyd bei seinen Eltern im schottischen Hochland verbrachte. Um dem Jungen und sich selbst die Zeit zu vertreiben, begann er mit der Niederschrift einer Piratengeschichte; exakt ein Kapitel wurde jeden Tag produziert und abends Familienmitgliedern und Freunden am Kaminfeuer vorgetragen.

Es scheint sich also um einen Fall biografischer Ungleichzeitigkeit und glücklicher Koinzidenz zu handeln, dass es dem von Südseesehnsucht geplagten Stevenson nicht nur vergönnt war, über dieses Thema eines seiner erfolgreichsten Bücher zu schreiben, sondern später den Ort seiner Träume selbst zu bereisen und sich gar dort niederzulassen. Dass diese Stationen auch ursächlich miteinander verbunden sind, und dass dieses Band zwischen der Schatzinsel und dem Haus auf Samoa von einem echten Piratenschatz geknüpft wurde, das zu beweisen oder zumindest dem Leser äußerst suggestiv ins Ohr zu flüstern ist die Absicht von Alex Capus' Reisen im Licht der Sterne.

Bereits in früheren Büchern hat der Schweizer Schriftsteller Capus für sich ein Genre entwickelt, das weder der reinen Fiktion zuzurechnen ist noch dem reinen Tatsachenbericht. Für Reisen im Licht der Sterne hat er wieder viel recherchiert und stützt sich deutlich auf historische Tatsachen; davon erzählt er aber so anmutig und webt alles so gefällig ineinander, dass einem das Ganze wie eine einzige Abenteuergeschichte vorkommen wird. Man fühlt sich ungefähr, als ob man einer Zaubervorstellung beiwohnt: Ja, man hat es selbst gesehen, es war ein echter Zylinder. Und daraus schlüpfte ein echtes Kaninchen...

Aber urteilen Sie selbst! Während Stevenson - den Packesel hatte er in Südfrankreich gelassen - in Kalifornien auf Fannys Scheidung wartete, trieb er sich gern in Hafenkneipen herum. Und so erhielt er, vermutet Capus, sicherlich auch Kunde von dem Schoner Vanderbilt, der von einer vergeblichen Schatzsuche zurückkehrte. Der Lokalzeitung war die Rückkehr dieses Schiffs sogar eine Titelgeschichte wert, denn bei dem betreffenden Schatz handelte es sich nicht um irgendein Häufchen Münzen, die ein mittelmäßiger Pirat im Laufe seines kurzen Lebens zur Altersvorsorge zusammengeräubert hatte - sondern immerhin um den berühmten Kirchenschatz von Lima.

1821 hatte ein Kapitän diesen Schatz gewissermaßen veruntreut und, wie er unter Folter gestand, auf einer Insel namens Cocos Island vergraben. Seitdem sah sich jenes unbewohnte und eher unwirtliche Eiland vor der Küste des heutigen Costa Rica einem aberwitzigen Ansturm von Schatzsuchern ausgesetzt. Diese führten Hunderte von Schatzkarten und Kopien von Schatzkarten mit sich, kamen mit Pickeln und Schaufeln, in neueren Zeiten mit Ultraschall oder mit Wünschelruten, Bulldozern und Dynamit, ließen sich alleine auf der Insel aussetzen oder gründeten Schatzsuchergesellschaften wie die "Cocos Expedition" (1854) oder die "Treasure Recovery Ltd." (1934). Irgendwann war jedes Stückchen Strand, das als Versteck in Frage kommen mochte, mehrfach umgegraben worden; und wie Capus berichtet, erwarten den heutigen Besucher der Insel Baracken in allen Verfallsformen sowie zahllose Buddellöcher, in denen er sich sonst was brechen kann.

Wen bis hierher - also nicht in dieser Kurzfassung, sondern so wie von Capus erzählt - noch nicht das Tropenfieber gepackt hat, dem ist eigentlich nicht zu helfen, dabei steht der eigentliche Clou ja noch bevor: Stevenson nämlich, meint Capus, ist als erstem aufgegangen, dass der Kirchenschatz von Lima nicht auf diesem Cocos Island schlummerte, sondern auf einer zweiten Insel gleichen Namens! Sie hat später ihren ursprünglichen Namen Tafahi wiedererhalten und ist die nächste südliche Nachbarinsel von - Samoa! Wenn Stevenson auf seinen Hausberg Mount Vaea stieg, konnte er bei gutem Wetter sogar noch die Küstenlinie dieser zweiten Kokosinsel erkennen.

Nun, das ist gewiss schon ein doller Zufall. Und Capus hat noch mehrere solcher "Zufälle" gefunden und in seine Indiziensammlung eingereiht. Zum Beispiel, dass der sorgfältige Stevenson, der sonst noch die kleinste Insel protokollierte, ausgerechnet Tafahi unerwähnt gelassen hat. Oder dass, wie Capus herausgefunden hat, der Stevensonsche Familienhund Woggs während des Entstehens der Schatzinsel in "Bogue" umbenannt wurde - was der Name eines der zähesten Schatzsucher auf Cocos Island I war. Als stärksten, wenn auch kuriosesten Beweis mag man die Berichte nehmen, dass just in den Jahren der Stevensonschen Ansiedlung auf Samoa an Tafahis Küste mehrmals ein Gottesschiff gesichtet wurde, das sich mit Feuerwerk näherte und so die Inselbewohner erschreckte und deren Gott die Gestalt eines Europäers annahm, der Schweinebraten und ansonsten am Strand alleine gelassen zu werden verlangte...

Wenn sich die Stevensons auf Samoa niedergelassen hatten, um, als Götter getarnt, den Strand der Nachbarinsel umzugraben, erklärt das außerdem einige Unstimmigkeiten, die Capus beim Sichten der Stevensonschen Familiengeschichte ins Auge gestochen sind: Anders als ursprünglich erhofft und immer wieder behauptet, bekam Stevensons Lunge das Klima auf Samoa nämlich nicht besonders gut - wieso also wollte er bleiben? Seine Frau störte sich am Charakter der Bewohner von Samoa - wieso stimmte sie dieser Schnapsidee eines Hauses mitten im ungerodeten Dschungel überhaupt zu? "Wäre es nach ihr gegangen", meint Capus, "so wären die Stevensons nie auf Samoa sesshaft geworden, hätten vielleicht gar nie die Südsee bereist."

Man darf aus dieser Bemerkung aber nicht etwa schließen, bei Fanny Stevenson habe es sich um eine Art Hausmütterchen gehandelt, das den Gatten drängte, auf den Boden der vertrauten Zivilisation zurückzukehren: Die Südsee lockte sie genau wie ihn, das beweist ihr nun auch in deutscher Übersetzung erschienenes Reisetagebuch. Frohgemut ging Fanny Stevenson auf Unbekannte zu, auch wenn sie keine gemeinsame Sprache verband, spazierte allein über menschenleere Strände, liebte die Improvisation mit spärlichen Bordmitteln, kombinierte freizügig viktorianische und polynesische Röcke, trug stets einen Blumenkranz als Mitbringsel für eventuelle Landgänge um den Hut und an den Füßen rote Socken oder vorzugsweise gar nichts (auch Stevenson hatte irgendwann nur noch Fetzen am Leib, und es kümmerte ihn genauso wenig).

Am liebsten übernachtete sie an Deck, egal unter welchen Bedingungen - "Die Zwiebeln neben Lloyds und meinem Bett verfaulen und stinken entsetzlich, ebenso wie die zahlreichen Haifischflossen, die über unseren Köpfen trocknen" - duldete die bizarrsten Besucher ohne Wimpernzucken und ließ sich von neugierigen Inselbewohnerinnen gern herumreichen: "Ich glaube ernsthaft, dass sie Hoffnung hegte, mich als eine Art Schoßäffchen zu halten."

In Einleitungen zu Stevensons Südseebriefen (1896) ist immer wieder zu lesen, dass der Autor eigentlich beabsichtigt hatte, eine Art wissenschaftliche Abhandlung über die Inseln zu verfassen - was Fanny für keine gute Idee hielt. Ihre eigenen Aufzeichnungen, erklärt sie, waren daher auch als Materialsammlung gedacht für den Fall, dass ihr Gatte auf der Suche nach harten Fakten die vielen bunten Ankedoten und Details der Reise vergessen könnte. Bemerkungen wie "Die Schweine sind von einer seltsamen Mausfarbe und höchst liebenswerte Geschöpfe" oder "Ich habe die Bälge unserer Kameras, wo sie von Kakerlaken angefressen waren, mit Heftpflaster ausgebessert" werden gerahmt von Berichten darüber, wie die nordamerikanische und die polynesische Küche sowie die mageren Bestände der Vorratskammer unter einen Hut gebracht wurden; über Geschenke, Gegengeschenke und ästhetische Vorlieben der jeweiligen Inselbevölkerung; über entzückende kleine Babys, chinesische Köche, Händler und Missionarsfrauen.

Derjenige Leser schließlich, der Virginia Woolfs Bemerkungen über Robert Louis Stevensons stilistische Präzision im Ohr hat - trotz derer ein von Stevenson beschriebenes Unwetter ihrer Meinung nach allerdings nicht in der Lage sei, "auch nur einen Damenpantoffel zu durchfeuchten" - kommt bei Fanny Stevenson in den Genuss einiger schöner Landschaftsschilderungen, die er dann mit denen ihres Mannes vergleichen kann: "steile Berge ... von großer Schönheit der Silhouette und der Farben, wobei der dichte Dschungel vom Schiffsdeck aus wie weiches grünes Moos aussah. Durchs Glas konnte ich einen hohen, schmalen Wasserfall ins Meer stürzen sehen. Hin und wieder drang vom Land her eine Brise zu uns herüber, erfüllt mit betäubenden Gerüchen nach Erde, nach wachsenden Bäumen, süß duftenden Blüten und Früchten und über allem der reine, gesunde Geruch der Brotfrucht, die in heißen Steinen buk." - Bei dem hier beschriebenen Preziosum handelt es sich übrigens um genau diejenige samoanische Insel, auf der sich die Stevensons zu guter Letzt niederließen.

Aber klingt das nach einem Flecken Erde, auf den man nur mit Widerwillen den Fuß setzt - und zwar weil man hofft, auf der 267 (!) Kilometer entfernten Nachbarinsel einen Schatz zu finden? Konfrontiert mit den Aufzeichnungen von Fanny Stevenson, möchte man Capus im Nachhinein doch einige Fragen stellen. "Wenn Louis gleich quadratkilometerweise Land kaufte, so geschah das ganz gewiss nicht auf ihren Wunsch", schreibt Capus zum Beispiel. Sie hingegen (vor dem Grunderwerb): "Der Wunsch, eine Insel zu besitzen, brennt noch immer in meiner Brust." Wo Capus ihre tropenuntaugliche Zimperlichkeit herausstellt: "...sie hatte panische Angst vor Typhus, Cholera und Elefantiasis...", notiert sie trocken: "In der Menge an Deck liefen auch drei unverkennbar Leprakranke umher, einer von ihnen mit Elefantiasis. Seine Zehen bluteten, nicht sehr angenehm für uns, die wie immer barfuß gingen. Ich habe den Steward gebeten, alle Matten, von denen einige sehr hübsch verziert sind, über die Reling zu hängen..."

Und während sich Capus wundert, warum Lloyd 1890, nur "um Möbel zu beschaffen", nach England geschickt wird (machte er etwa Teile des Schatzes zu Geld?), erfahren wir in Alexandra Lapierres biografischem Roman Die Vagabundin. Fanny Stevenson und die "Schatzinsel" (1994), dass Lloyd auch damit beauftragt war, Fannys Haus in Bournemouth zu verkaufen.

Lloyd schließlich schrieb in dem Vorwort zu dem wunderbaren Künstler- und Abenteuerroman Der Ausschlachter, den er und sein Stiefvater gemeinsam auf Samoa verfassten, seinen (Stief-)Eltern sei nach mehreren entbehrungsreichen Wochen auf kleineren Inseln, während der sie den Horizont vergeblich nach dem nächsten Schiff abgesucht hatten, aufgegangen, dass sie sich doch auf einer größeren Insel ansiedeln sollten, die regelmäßig von einem Postschiff angesteuert wurde. "Und da Samoa die einzige noch unabhängige Inselgruppe im ganzen Pazifik war, außerdem für seine bezaubernden, unverdorbenen Menschen bekannt, war es nur natürlich, dass eben diese Gruppe sich als unsere zukünftige Heimat aufdrängte."

Capus, der noch in jedem Abstreiten einen verborgenen Hinweis auf das Gegenteil wittert, könnte natürlich auch hier anmerken, es sei geradezu auffällig, wie sehr Lloyd die Natürlichkeit der Entscheidung für Samoa betone... Manch anderen Stevenson-Verehrer hingegen mag - profan, aber pragmatisch - das Zusammentreffen mehrerer triftiger Gründe davon überzeugen, dass genau die genannten Gründe auch den Ausschlag gaben. Wenn man so tief in den Zylinder hinein blickt, sieht man natürlich nur noch Dunkelheit und keinen Fitzel weißes Kaninchen mehr. Mindert das aber die Freude an der Zauberdarbietung insgesamt? Nicht im Geringsten! Es bleibt da ein Geheimnis, die Lust an Nächten unter Haifischflossen, ein Sternenfunkeln.

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