Rumäniens Schindler

Der Wundertäter von Moghilev

Er war der Oskar Schindler Rumäniens: Der jüdische Elektrotechniker Siegfried Jägendorf eröffnete im Deportationsort Moghilev-Podolski eine Fabrik. In ihr überlebten 10.000 Juden den Holocaust. Von Ernest Wichner

Von Ernest Wichner

Nachdem deutsche und rumänische Truppen am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfallen hatten, begannen im Norden der rumänischen Provinz Moldau und in der Bukowina grausame Pogrome gegen die sehr zahlreiche jüdische Bevölkerung dieser Region. Die rumänischen Faschisten, Militärs, Polizisten und Bürger machten Jagd auf die Juden, erschlugen, vergewaltigten und erschossen wie im Rausch ihre vormaligen Nachbarn.

Diesem ersten Gewaltausbruch folgten dann ab Herbst 1941 große Deportationszüge, in denen die Juden in die besetzten Regionen der Ukraine, in ein Gebiet zwischen den Flüssen Dnjester und Bug, in das sogenannte Transnistrien verbracht wurden.

Darunter auch Schmiel Jägendorf und seine Frau. Er war 1885 in der Bukowina geboren, nannte sich in Bewunderung für Siegfried Wagner stets Siegfried, hatte Elektrotechnik studiert, war zeitweilig Direktor einer Siemens-Niederlassung in Czernowitz und hatte in Wien eine eigene Fabrik gegründet. 1938 floh er aus Wien vor der Gestapo zurück nach Czernowitz, von wo er 1941 mit seiner Frau nach Moghilev-Podolski deportiert wurde. Moghilev-Podolski war von September 1941 bis Februar 1942 für etwa 60.000 deportierte Juden aus den nordöstlichen Provinzen Rumäniens das Tor nach Transnistrien.

An diesem Deoportationsort, in dem zeitweilig auch Edgar Hilsenrath lebte und wo sein Roman "Nacht" spielt, ging Jägendorf schon gleich nach seiner Ankunft zur rumänischen Präfektur und bot an, eine von den abgezogenen Sowjets ausgeplünderte und anschließend zerschossene Metallfabrik (im Buch Turntoria, also Gießerei genannt) und ein Elektrizitätswerk wieder instand zusetzen. Dafür forderte er allerdings die Befehlsgewalt über die jüdischen Arbeiter, die er in jenen Fabriken benötigte. Dieser Coup gelang.

In wenigen Monaten waren die Fabrik und das Elektrizitätswerk unter extremen Arbeitsbedingungen wieder einigermaßen produktionsfähig. Und Siegfried Jägendorf, der jüdische Fabrikdirektor, konnte seine Arbeiter, allesamt deportierte Juden, vor dem Weitertransport und damit dem sicheren Tod bewahren.

Aufgrund seines Durchsetzungsvermögens bald auch zum Präsidenten des Jüdischen Komitees von Moghilev-Podolski gewählt, war er dafür verantwortlich, dass eine Suppenküche täglich 4500 bis 5000 Menschen mit einer warmen Mahlzeit versorgte, darüber hinaus gab es eine weitere Kantine, die 1000 Menschen eine tägliche Ration zukommen ließ.

200 Waisenkinder wurden ernährt und 50 von ihnen in einem Hort untergebracht. Zwei Krankenhäuser versorgten bis zu 250 Patienten. In wenigen Monaten war eine soziale Infrastruktur geschaffen, die zahlreichen deportierten Juden das Überleben am untersten Rand der Existenzbedingungen ermöglichte.

Anfang 1942 berichtete Jägendorf an das in Bukarest neu eingerichtete "Jüdische Zentrum" u.a.: "Mit den Schul- und Nachbargebäuden erweiterten wir unsere Wohnquartiere; hinzu kamen eine Bäckerei, ein Lebensmitteldepot, eine Wäscherei und eine Schule. Unterernährte Kinder erhielten Milch als Zusatzkost. Arbeiter bekamen eine tägliche Mahlzeit, Suppe und Brot. Alle Nahrungsmittel und anderen notwendigen Dinge wurden ohne Unterschiede verteilt. Jeder von uns, auch ich, bekam die gleiche Ration." Aber er musste auch einräumen: "Gestern konnten wir die Evakuierung von 1000 Juden aus der Stadt nicht verhindern." Und: "Wir verzeichnen pro Tag 100 Tote und beschäftigen 30 Totengräber. Trotzdem türmen sich die Leichen."

Der jüdische Fabrikdirektor Siegfried Jägendorf hat mit seinen Mitarbeitern einen Teil der industriellen Infrastruktur wiederhergestellt, die zweifellos auch dem "Feind" gedient hat, der rumänischen und deutschen Kriegsführung etwa. Doch ohne seine vorausschauenden und mitunter auch riskanten Interventionen, wäre das Überleben von etwa Zehntausend deportierten Juden nicht möglich gewesen.

Befragt, ob er denn keine moralischen Skrupel gehabt habe, für den "Feind" zu arbeiten, erwiderte Jägendorf: "Wenn es den Anschein hat, daß wir für den Feind gearbeitet haben, so müssen wir fragen: wer war unser Feind - Deutsche und Rumänen, die uns heute vernichteten, oder die Russen, die uns morgen unterjochten? Der Feind war einzig und allein der Tod, und unsere einzige Aufgabe bestand darin, zu überleben."

Nicht immer will uns Jägendorf, der nach einem Zeugnis mit sauberem Anzug, geputzten Schuhen, Lederhandschuhen an den Händen und an einer 20 Zentimeter langen Zigarettenspitze paffend den Deportationsort erreicht hatte, als tadelloser und höchsten moralischen Kriterien entsprechender Unternehmer oder Geschäftsmann vorkommen, auch müssen nicht alle Einzelheiten seines Berichts den höchsten Wahrheitsansprüchen genügen; seine Leistung aber nennt Matatias Carp, der Chronist des rumänischen Genozids an den Juden, "das Wunder von Moghilev".

Zu Beginn des Jahres 1944 konnte Siegfried Jägendorf mit seiner Frau Moghilev-Podolski verlassen und nach Bukarest reisen, wo ihm 1946 die Ausreise in die USA gelang. 1956 begann er seine Memoiren zu schreiben, an denen er zehn Jahre lang arbeitete. Erschienen sind sie aber (in den USA) erst 1991 zusammen mit und parallelisiert durch den höchst aufschlussreichen historischen Kommentar von Aron Hirt-Manheimer, der Jägendorfs persönlichen Bericht in die Geschichte des rumänischen Holocaust einzubetten weiß.

Er kennt die beteiligten Akteure und Institutionen, ermittelt die Hintergründe manch eines von Jägendorf nur beiläufig beschriebenen Vorfalls und verfügt über genügend Detailwissen, um Raul Hilbergs Äußerung: "Kein Land außer Deutschland war an der Vernichtung der Juden in solchem Maße beteiligt wie Rumänien." in all seiner tragischen Konsequenz anschaulich am historischen Material darzustellen.

So kann man staunend zur Kenntnis nehmen, dass der rumänische Marschall Antonescu, als er schon beschlossen hatte, sich aus der Mittäterschaft am Holocaust herauszustehlen, um nach diesem an der Seite der Deutschen verlorenen Krieg Gnade vor den alliierten Richtern zu finden, von der Jüdischen Gemeinde Rumäniens eine Spende von vier Millionen Lei (20 Millionen Dollar) forderte.

Dr. Wilhelm Fildermann, der Vorsitzende der Gemeinden widersetzte sich dieser Forderung und wurde nach Transnistrien deportiert, wo Siegfried Jägendorf ihn vor einem rumänischen Mordversuch ebenso wie vor der Organisation Todt zu retten wusste.

Nicht von Ungefähr geraten dem deutschen Leser dieses Buches mitunter Bilder aus "Schindlers Liste" ins Gedächtnis; die Bildfolgen des noch nicht gedrehten Siegfried-Jägendorf-Films könnten einem jüdischen Schindler von komplexerer Struktur weltweit die Geltung verschaffen, die seinem so besonnenen wie draufgängerischen, so klugen wie mutigen Handeln gebührte. Und auf einer Leseliste für das eben begonnene Jahr hätte das Buch neben Patrick Desbois" "Der vergessene Holocaust", Edgar Hilsenraths "Nacht" und Isak Weißglas' "Steinbruch am Bug" den ihm gebührenden Platz.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion