Wunderkinder und Eiswürfel

Polens junge Literaten in Berlin

Von THOMAS MEDICUS

So jung und schon so viel geschrieben! Wie machen die das bloß? Weil sie so viel trinken? Im Rahmen des deutsch-polnischen Kulturjahres waren B elf polnische Schriftsteller in Berlin zu Gast. An drei Abenden versuchten sie ihr Publikum nicht bloß zu finden, sondern, so viel war man sich schuldig, zu berauschen. "3 ways to get drunk on literature" lautete das Motto diverser "happy hours", zelebriert im "Club der polnischen Versager". Die Abschlussveranstaltung ging dann im Literarischen Colloquium (LCB) am Wannsee über die Bühne. Die angekündigte "große Verkostung" der "Polococktailparty" beließ es weder bei Metaphern noch trockenen Lesungen. Für das Entertainment sorgte die Popgruppe Letko, die Cocktails hatten die Autoren selbst kreiert. Selten hatte man so viele junge Autoren und Autorinnen im LCB gesehen, wer Anfang der Siebziger geboren worden war, gehörte bereits zu den Ältesten.

Auf dem Prüfstand

Einige von ihnen haben beängstigend viele heimische Literaturpreise eingeheimst, in Deutschland sind sie aber eher unbekannt. Das soll sich jetzt ändern, kaum zu fassen, aber die krisengeschüttelte und daher wenig experimentierfreudige deutsche Verlagsbranche wagt sich an das Wunder der jungen polnischen Literatur. Im LCB stand dies jetzt erstmals öffentlich auf dem Prüfstand. Die Textauszüge, für die Veranstaltung meist eigens übersetzt, fielen durch einen nahezu an Gegenwartsabhängigkeit grenzenden Gegenwartsbezug auf. Ihre Bandbreite spiegelte den grundlegenden sozialen Wandel wie die enorme Dynamik der postsozialistischen Gesellschaft Polens wider. Schnell war klar, dass sich der Erfolg dieser Generation auch ihrer symbolischen Funktion verdankt. Vom Realsozialismus kaum noch in Mitleidenschaft gezogen, verarbeitet sie stellvertretend für den Rest der Gesellschaft die gewaltigen soziokulturellen Umbrüche Polens. Dabei geht es um Malaisen, Miseren, Verwerfungen, aber auch um neue Lebensstile.

Nicht zufällig repräsentierten deshalb drei der elf Autoren das bislang in Polen erst jüngst entstandene Genre der Schwulenliteratur. Bartosz Zurawiecki führte (eher niedlich-betulich) in die Warschauer Szene ein, Michal Witkowskis beeindruckte mit seinem Roman Lubiewo, der das Treiben der deutschen Schwulen schildert, die nach dem Krieg Breslau nicht verlassen haben. Symptomatisch für das Aufsehen, das diese literarische Jugendgeneration erregt, war die aus Olsztyn stammende Ewa Schilling. Zusammen mit der lesbischen Liebe handelt sie in ihrem Werk nahezu alles ab, was in Polen als Tabubruch, mindestens aber als politisch inkorrekt gilt - Holocaust, Antisemitismus, Ostpreußen, Vertreibung, deutsche Frauen vergewaltigende Rotarmisten. Mariusz Sieniewicz schließlich verklärte, einen anarchischen Marienkult zelebrierend, ausgerechnet den weiblichen Körper zum Bollwerk des Authentischen und Widerpart des Konsumismus. Der erfrischend eigene Ton Daniel Odijas, aber auch die Andrzej Stasiuk nacheifernde Prosa Miroslaw Nahacz' vermochten die Frage nach der Haltbarkeit dieser Literatur für eine Weile aufzuschieben. Sieniewicz' wütender sozialkritischer Protest verdeutlichte jedoch den Charakter dieser Literatur als Generationenprojekt.

"Ach, so schwierige Fragen"

In welchen Widersprüchen sich der Antikapitalismus dieser Rebellen verheddert, zeigte der Auftritt von Dorota Maslowska. Sie ist der Star der jungen polnischen Literatur. Mit achtzehn verfasste sie ihren Bestsellerroman Schneeweiß und Russenrot, der sich auch international gut verkaufte (Siehe FR vom 1. Juni). Verblüfft registriert man den Kontrast zwischen der Fotografie, die von der Autorin in Umlauf ist, und deren Erscheinung. Sie ist keine zartgliedrige, blonde Elfe, sondern eher das pausbackige Mädchen vom Lande, das seine Umgebung mit schrägen Klamotten und asymmetrischem Haarschnitt nervt. Ob ihre Romane literarische Ereignisse sind oder nicht, war angesichts dessen kaum mehr die Frage. Eher schon, ob das Avantgardistische heute weniger das literarische Antizipatorische als das marktförmig Neue bedeutet. Das Neue an Maslowska wie ihren Kollegen ist ihre Jugend, zu der die antikapitalistisch-subkulturelle Pose gehört wie der Eiswürfel ins Cocktailglas. Solch ein Label kommt dem neoliberalismuskritischen Zeitgeist, nach all den Langweilern der vergangenen Jahrzehnte, wie gerufen. Als Olaf Kühl, Moderator und Übersetzer dieses Abends, meinte, die Konsumkritik der Maslowska erinnere ihn an Gudrun Ensslin und die siebziger Jahre der Bundesrepublik, antwortete die 22jährige: "Ach, so schwierige Fragen, ich bin doch noch so jung" - und verließ das Podium. Die Zeit wird zeigen, ob diese Generation mehr als ihre Jugend anzubieten hat. Bis dahin bewundern wir ihre Dynamik, ihre Experimentierfreude, irritiert dabei allein von dem Gedanken an einen der Großen der polnischen Literatur, Witold Gombrowicz, den Individualisten, Stilisten und Artisten.

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