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Kann man die Biografie eines solchen Philosophen überhaupt als die eines Einzelmenschen anlegen? Alles, was er schrieb, kam durch ihre Hände erst zu Papier; als "Symbiose" bezeichnete Gretel Adorno ihr Zusammenleben.

Ein Wunderkind wird erwachsen

Zu seinem 100. Geburtstag versuchen drei ganz unterschiedliche Temperamente, ein Bild von Adornos Leben, Intellekt und Persönlichkeit zu zeichnen / Von Hilal Sezgin

Der Vergeistigte, der Kokette, der Exzentriker. Längst kann man nicht mehr unterscheiden, wann Adorno selbst auf die Bühne getreten ist und welche Rollen ihm nachträglich auf den Leib geschrieben wurden, so dicht gewebt sind die Anekdoten: wie er für die Philosophenzunft einst eine Fußgängerampel erstritten hat, wie ihn die barbusigen Studentinnen erschreckten, wie er ansonsten bei den (angezogenen) Damen gern den Galan gegeben hat, wie er samstags nicht beim Daktari-Schauen gestört werden durfte. Von neuen Adorno-Büchern erhofft man sich mehr als weitere Adorno-Geschichten: dass sie uns zeigen, wen dieser Mann, der in seinen Schriften und Vorlesungen hinter das Naheliegende spähte, und um noch eine Ecke und um noch eine, wen dieser Mann sah, wenn er sich selbst vorm Spiegel sitzend fotografierte; welche seiner Schrullen und Idiosynkrasien er durchschaute, welche Ereignisse der äußeren Welt ihm auf den Leib rückten und welche nur Material blieben für den dialektischen Geist, ob er sich schwer tat mit dem Denken und ob ihm das Leben dadurch leichter, oder doch auch schwerer fiel.

Unter den zahlreichen Publikationen zum 100. Jahrestag von Adornos Geburt zählen sich drei zum engeren Genre der Biografie. Mit 740 reinen Textseiten - Anmerkungen, Zeittafel und dergleichen nicht mitgezählt - hat der Oldenburger Soziologe und einstige Adorno-Schüler Stefan Müller-Doohm der ausdauernden Leserin ein gründlich recherchiertes Logbuch vorgelegt, anhand dessen sich Adornos äußeres und intellektuelles Leben nachvollziehen lässt. Was an Ortswechseln, Verlusten und "Rancunen" noch auf ihn zu kommen mag - die Geschichte seiner Kindheit liest sich wie ein Märchen. In einem Haus am damals noch vornehmen nördlichen Frankfurter Mainufer, wo der Vater seine Weinhandlung hatte, begann am 11. September 1903 "ein Dasein, das man lieben musste, wenn man nicht fast vor Eifersucht über dieses behütete, schöne Leben vergehen wollte, in dem Adorno die Sicherheit gewann, die ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr verließ", so beschrieb es Leo Löwenthal.

Den Namen Adorno hatte der korsische Großvater mütterlicherseits irgendwo in Norditalien aufgeschnappt; einen gewissen Glamour und vor allem die Freude am Musizieren verdankte Adorno seiner Mutter und deren Schwester, die ehemals nah und fern als Sängerinnen aufgetreten waren. Unstimmigkeiten drohten nur von außen. Als sich Theodor als Wunderkind entpuppte, verfuhren die Mitschüler bisweilen ungnädig mit ihm; und dabei bedienten sie sich instinktsicher aus dem Vokabular des Antisemitismus, obwohl der Vater Wiesengrund die jüdischen Rituale nicht pflegte und Adorno selbst, wie seine Mutter, katholisch getauft war.

Als einen "allem Geistigen Zugetanen" charakterisiert der Biograf in seiner großen Vorliebe für Substantivierungen den "am Anfang seiner intellektuellen Entwicklung Stehenden", also den jungen Adorno. So schnell lebte, lernte und studierte der in jenen Jahren, dass sich wichtige Stationen mit kurzen Sätzen begnügen müssen: Mit siebzehn begann er sein Studium von Philosophie, Psychologie und Soziologe, 1924 promovierte er mit einer erkenntnistheoretischen Arbeit über Husserl. Gleichzeitig schrieb er Musikkritiken, komponierte, ging 1924 nach Wien, um bei Alban Berg zu studieren - mit ziemlich genauen Vorstellungen, bei welchen kompositorischen Problemen ihn der Lehrer voranzubringen habe. Zwischendurch scheint er kurz ins Grübeln gekommen zu sein, wie weiter. Er hegte Bedenken gegen den "beamteten Tiefsinn" akademischer Philosophie, aber auch gegen den Hauch des "Piekfeinen, Erlesenen", der den freien Schriftsteller umgebe; das Möchtegern-Leben der Boheme war ihm gleichermaßen suspekt. 1927 nahm er den ersten Anlauf zur Habilitation. Kompositionen, Aufführung zweier seiner Streichquartette in Wien, 1931 die zweite Habilitation Zur Konstruktion des Ästhetischen bei Kierkegaard.

In die frühen 1920er Jahre bereits fallen die Begegnungen mit allen, die ihm dauerhaft wichtig bleiben sollten: mit dem vierzehn Jahre älteren Siegfried Kracauer, mit dem er Kant, Hegel und Kierkegaard durcharbeitete; die mit Margarete Karplus, die in Berlin studierte und dort wenig später in Chemie promovierte; mit Walter Benjamin, der zunächst ebenfalls in Frankfurt, dann in Berlin lebte; mit dem damals frisch promovierten Max Horkheimer, der 1931 die Leitung des Instituts für Sozialforschung übernahm.

Noch war Adorno kein Mitarbeiter des Instituts, und es war Benjamin, nicht Horkheimer, mit dem er zu dieser Zeit den engsten philosophischen Austausch hatte. Bei aller Freundschaft - in ihren Briefen schenkten sie sich nichts. Adornos große Arbeit, das Libretto für eine Oper zum "Schatz des Indianer-Jo", kritisierte Benjamin gerade noch höflich, in der Sache niederschmetternd. Das war 1934, und Benjamin schrieb ihm bereits aus Paris. Horkheimer hatte das Institut und seine Mitarbeiter außer Landes gebracht. Adorno selbst war 1933 nicht nur die Privatdozentur, sondern auch die Lehrerlaubnis entzogen worden; und doch glaubte er noch bis 1934, der Nazi-Staat könne ja wohl nicht lange Bestand haben. Dann sah er ein, dass ihm in Deutschland keine philosophischen und publizistischen Möglichkeiten mehr offen standen. Zunächst fand er Unterschlupf im Oxforder Merton College, doch nicht als Dozent: Als advanced studentsah er sich gezwungen, eine zweite Dissertation vorzubereiten.

Wie stand es in diesen Jahren um die "Sicherheit, die ihn sein ganzes Leben nicht mehr verließ"? Einerseits schrieb er, sein "Angsttraum", zurück in die Schule zu müssen, habe sich verwirklicht; andererseits lobte er Oxfords "unbeschreibliche Ruhe und angenehme Arbeitsbedingungen". Wiederum gleichzeitig klagte er, dort seinen eigentlichen philosophischen Interessen nicht nachgehen zu können. Und neben all dem machte er sich zunehmend Sorgen um die in Deutschland geblieben Eltern sowie seine Verlobte Gretel Karplus, die in Berlin eine Lederwarenfirma leitete.

1937 beschlossen die beiden, in London zu heiraten; bereits seit zehn Jahren waren sie ein Paar. Seine amourösen Seitenpfade während der Verlobungszeit waren in einer Sackgasse geendet, was ihn als Verheirateten nicht von zahlreichen weiteren Abenteuern abhielt. Auch die Arbeitsteilung des Ehepaares war von Anfang an konventionell gedacht, beginnend mit Adornos Zurückhaltung beim Bezug der ersten gemeinsamen Wohnung: "Übrigens ist Gretel ganz mit der Organisation befasst, eine Aufgabe, an der teilzunehmen ich in der zynischsten Weise ablehne." Nun, wie es um die Kauffreude der Frau, ihre Nähe zum Fetischcharakter der Ware und ihre sexuelle Frigidität - all das dachte Adorno im Zusammenhang - nun auch stehe, die Londoner Wohnung wurde dann doch nicht eingerichtet, weder von ihm noch von ihr; denn Horkheimer hatte eine Stelle im Radio Research Project, einer Kooperation mit der Princeton University, für Adorno aufgetan.

Im Februar 1938 brachte ein Dampfer ihn nach New York. 1941 folgte er Horkheimer weiter nach Kalifornien. "Ach, Max, jetzt ist es endlich so weit, und wir wollen es zusammen schaffen", hatte Adorno kurz vorher noch sehnsüchtig geschrieben. In ihren Häusern in den besseren Gegenden von Los Angeles diskutierten sie die Thesen der Dialektik der Aufklärung, während Gretel Adorno protokollierte, das Protokollierte abtippte, wiederum zur Diskussion vorlegte, wieder abtippte... Die Liste der weiteren in den Kriegsjahren visierten oder gar realisierten Projekte ist lang - darunter das Buch Komposition für den Film, gemeinsam mit Hanns Eisler, die Philosophie der neuen Musik, die Studien zur autoritären Persönlichkeit und die Minima Moralia.

Man kann sich nicht recht vorstellen, in welcher Atmosphäre die Exilierten all das zustande brachten. Zuerst in New York, dann in Los Angeles fanden Theodor und Gretel Adorno Menschen, Anblicke und Eindrücke wieder, die ihnen aus Europa lieb und vertraut waren. Und doch hat das Wort vom "beschädigten Leben" hier seinen Ursprung. Auf eine sehr persönliche Weise programmatisch ist der aus den Minima Moralia stammende moralische Vorsatz, "den ideologischen Missbrauch der eigenen Existenz sich zu versagen und im übrigen privat so bescheiden, unscheinbar und unprätentiös sich zu benehmen, wie es... die Scham darüber gebietet, dass einem in der Hölle noch Luft zum Atmen bleibt". Man kann diesen Worten entnehmen, dass die Exilierten in der Wahrnehmung der eigenen Lage schwankten zwischen einem Gefühl von Beraubtheit und so etwas wie früher Überlebensschuld; so wie man vermuten darf, dass sich nur der ein unprätentiöses Verhalten auferlegt, der sich im Verdacht hat, manchmal unbescheiden aufzutreten.

Deutlich spricht Müller-Dohm an einer Stelle von den "Eitelkeiten", von dem "gebrochenen Stolz der Vertriebenen", von "Missgunst und Invektiven untereinander". Mehrere menschlich schwierige Situationen fallen in diese Jahre oder nehmen hier ihren Ausgang: zwei unglücklich endende Affären mit verheirateten Frauen, Adornos Zerwürfnis mit Ernst Bloch. Ein weiteres Zerwürfnis mit Thomas Mann folgte, trotz der anfangs für beide so beflügelnden Zusammenarbeit am Doktor Faustus.

In Los Angeles begab sich Adorno wiederholt wegen "akuter psychischer Krisen, Depressions- und Beklemmungszustände ,... allgemeiner toxischer Erscheinungen sowie seiner Neuralgie", 1946 auch wegen einer "ernsthaften Erkrankung der Herzkranzgefäße" in ärztliche Behandlung. Kaum fassbar, dass dieses immense Bündel belastender Erkrankungen, zumal die seelischer Art, in Müller-Dohms ansonsten so akribischer Darstellung nur so kurz in Erscheinung tritt. Und wie verwundert ist man, wenn man im dritten Teil auf Fußnote 643 stößt: "Im Theodor W. Adorno-Archiv Frankfurt a. M. sind nach Auskunft der Mitarbeiter handschriftliche Tagebücher von Adorno aufbewahrt, die jedoch noch nicht archiviert und folglich unzugänglich sind." Warum im Suhrkamp Verlag eine große Biografie des Jubilars erscheinen kann, ohne dass dessen Tagebücher eingesehen wurden, ist ein Rätsel, so groß wie die dort möglicherweise enthüllten Seelenzustände des Biografierten selber.

Dass andere Aspekte seines privaten Lebens zu kurz kommen, mag sich den Interessen oder dem Temperament Müller-Doohms verdanken. Während man beispielsweise von der Beziehung zu Benjamin ein deutliches Bild erhält, bleibt die zu Horkheimer bedauerlich blass - in Müller-Doohms Darstellung ist dieser mehr eine Art Chef-Organisator im Hintergrund als Adornos zweite Hälfte, die er viele Jahre lang gewesen ist. "Spontan ging ich zu dir und stellte mich dir vor. Seitdem waren wir zusammen", schrieb Adorno später. In der Sache stimmt dies nicht. Glaubte Adorno es inzwischen aber, wollte er es sich glauben machen?

Als Adorno nach dem Krieg auf den Alten Kontinent reiste, um eine Rückkehr zu erwägen, fühlte er sich erstaunlich heimisch, ja glücklich. Mit den ehemaligen Nazis, auf die man auch innerhalb der Universität zwangsläufig stieß, fanden er und Horkheimer rasch eine praktische Form des Umgangs: Sie bemühten sich gar nicht erst um demonstrative Gesten oder Distanz. "Ich bin zu sehr gewohnt, gesellschaftlich zu denken", erklärte Adorno, "um mir von der spontanen, aber isolierten Aktion des Einzelnen heute das mindeste zu versprechen." Und "ziemlich gleichgültig" sei es, "wem ich die Hand schüttele, sofern nichts von dieser auf dem Papier kleben bleibt, das ich beschreibe".

Während sich seine Radioauftritte häuften, die er wohl zu genießen wusste, hielten er und Horkheimer sich bei öffentlichen Aufrufen wie zum Beispiel gegen die Wiederbewaffnung zurück. Sie behielten es sich vor, einer guten Sache nicht die Unterschrift zu geben, mit der sie zwar sympathisierten, aber doch nicht voll und ganz übereinstimmten. Sie äußerten sich skeptisch zur Großen Koalition, kritisierten die Notstandsgesetzgebung, aber auch den seit dem Vietnamkrieg wachsenden Antiamerikanismus. Einen etwas heiklen Punkt erreicht die Biografie schließlich in der Darstellung des Streits zwischen Adorno und den erhitzten Studenten seit 1967; hier bemüht sich Müller-Doohm offenbar um eine für beide Seiten beschwichtigende Darstellung.

Bei der Beschreibung des bildungsbürgerlichen Lebens dagegen keimt seltene Erzählfreude beim Biografen aus; er weiß von Lesungen und documenta-Besuchen zu berichten, von Oper und Buchmesse; man ging auswärts essen und man lud ein, man reiste umher zwischen Wien und Amorbach, Rom und Paris, der Toskana und Sils Maria. Dann, während eines solchen Urlaubs, am 8. August 1969 in Zermatt, starb Adorno an einem Herzinfarkt. Die Negative Dialektik hatte er nach siebenjähriger Arbeit abgeschlossen; die Ästhetische Theorie war Fragment geblieben.

Im Herbst zuvor war er zum letzten Mal von einer langjährigen Geliebten verlassen worden. Trotz solcher Erfahrungen, meint Müller-Doohm, war Gretel Adorno "im Grunde ihres Herzens sicher, dass er sich zu ihr bekannte". Das ist sicher keine sehr glückliche Formulierung; dass der Biograf aber den Epilog ausführlich dem weiteren Leben der Witwe widmet, so wie er vorher schon keine Neigung gezeigt hat, ihre Leistungen im Schatten ihres Mannes verschwinden zu lassen, ist ihm hoch anzurechnen. "Was sie im jahrzehntelangen Zusammenleben mit Adorno stets getan hatte", schreibt er, "tat sie als Witwe: Sie stellte sich in den Dienst des Werks ihres Mannes. Sie selbst hatte die Beziehung zu ihm als Symbiose bezeichnet."

Als ihr Mann noch lebte, tippte sie sogar die Notizen seiner erotischen Träume mit seiner Geliebten ab. Nach seinem Tod bearbeitete sie die Ästhetische Theorie gemeinsam mit Rolf Tiedemann. Kurz nachdem diese veröffentlicht war, unternahm sie einen Selbstmordversuch, der sie für die verbleibenden dreiundzwanzig Jahre ihres Lebens zum Pflegefall machte. Auch wenn Schüler ihres Mannes und Freunde ihr die Treue gehalten haben, man möchte sich diese dreiundzwanzig Jahre Einsamkeit eines Menschen, der vor allem mit und für einen anderen gelebt hat, nicht ausmalen. Nachbarn erzählen, man habe sie bisweilen in ihrer Einsamkeit über den Hinterhof rufen gehört.

Die Malheurs und nicht immer sympathischen Seiten des Biografierten, seine Eitelkeiten und gelegentlichen strategischen Scharmützel sucht Müller-Doohm also nicht vor dem Interesse der Nachwelt zu verbergen. Gewissenhaft breitet er auf einem sehr langen, und hinreichend stabilen Auslegetisch sämtliche gefundenen Zitate, Berichte, Werkanalysen aus; doch anpacken möchte er seinen Gegenstand nicht. Stattdessen baut er lieber darauf, dass ein jeder für sich zwischen den Zeilen lesen und den Buchstaben Leben einhauchen werde.

Das Vorhaben Detlev Claussens, auch er einst Adorno-Schüler und heute Soziologie-Professor, ist um einiges kühner: Nicht an den schlichten Fakten der Vita will sich seine Biografie orientieren, sondern an Adornos Worten selbst, die sie "zum Sprechen bringen" suche. Für diese Kühnheit muss dann die Leserin zahlen. In chronologischen wie auch thematischen Mäanderbewegungen schafft es Claussen, seinen eigentlichen Gegenstand, Adorno, immer wieder zu vernachlässigen zugunsten von Exkursen zum Frankfurter Judentum, zu Porträts der Familie Weil, von Lukacs, Benjamin, Mann, Bloch etc. Hin und wieder charakterisiert der Autor Adorno in interessanten Momenten, so in dessen Verhältnis zum Erfolg, zu seinen öffentlichen Auftritten, zu seiner Begabung, auch der nicht ausgeschöpften. Adorno, der nach 1945 nicht mehr komponiert hat, habe es "als Trauma seines Leben bezeichnet, nicht als Komponist das verwirklicht zu haben, wozu er in der Lage gewesen wäre"; bloß in welcher Weise dieses Verstummen als Komponist mit dem Datum 45 zusammenhängt, bleibt unklar. Eindringlich hat Claussen davor auch die Stimmung der Exilierten in den USA beschrieben und die von ihnen auch dort empfundene Bedrohung, die sich in Sätzen wie ". . . wenn ich wider Erwarten doch noch hier vergast werden sollte" aus dem Jahr 1938 widerspiegelt.

Doch solche Beobachtungen verlieren sich leicht in den sie umgebenden Schwerverständlichkeiten. Umso deutlicher stechen die Lieblingszitate des Autors ins Auge, die gern mehrmals verwendet werden, und zwar stets so, als hätte er sie im Moment frisch ausgegraben, sowie gelegentliche Einwürfe, die demonstrieren sollen, wie arg die Frankfurter Schule weithin missverstanden wird. Allmählich muss man den Eindruck gewinnen, zwischen all seinen irregeleiteten Zeitgenossen habe einzig Adorno ein richtiges Verständnis von Dialektik und Materialismus gehabt, und heute sei immerhin Claussen noch in der Lage, das Echo dieses Wissens zu vernehmen.

Eine Irritation anderer Art bietet die dritte, im Untertitel "politisch" genannte Biografie aus der Feder des FAZ-Redakteurs Lorenz Jäger. Nur der ganz junge Adorno genießt noch das Wohlwollen dieses Biografen. Bei seiner Ankunft in Wien gefiel einem Zeitgenossen sein "mageres, knochiges Gesicht, einen gut geformten Kopf... Für seine ganze Gestalt sprachen am besten seine Hände: schmal, mit langen Fingern, geradezu delikat, von einnehmender Sensibilität."

Und das sind, auf Seite 59, so ungefähr die letzten freundlichen Worte, die in diesem Buch über Adorno zu lesen sind. Zwei Seiten weiter gibt Jäger wieder, wie derselbe Bekannte Adorno nach dem Krieg erlebt hat: "Indes wurde ich gewahr, dass ich einen dicken, fetten, früh verglatzten, gesetzten Frankfurter vor mir hatte... Man spricht von zerfressendem Ehrgeiz. Ihn aber hat der Ehrgeiz fett gemacht." Ob es nun Kurt Mautz ist, der den Lehrer mit einem Frosch vergleicht, oder Thomas Mann, der nach einem Besuch bei den Adornos in seinem Tagebuch spottet: "Wundervoller Pfälzer. Schlechtes Klavierspiel", ob Schönberg, Kracauer, Brecht und so fort - alle haben sie sich bei irgendeiner Gelegenheit abfällig über Adorno geäußert, und man kann sich darauf verlassen, Jäger spießt es auf und serviert es der anfangs leicht betretenen, später sehr genervten Leserin.

Jägers Lesart von Adornos Werken ist mindestens eigenwillig. So nachdrücklich er eingangs betont, Adornos Kindheit sei weniger jüdisch als vielmehr katholisch geprägt gewesen, so deutlich erkennt er später das Jüdische im Frankfurter Denken. Zurückhaltung bei konkreten Utopien führt er auf das Bilderverbot zurück, in der Dialektik der Aufklärung, "diesem alles zermalmenden Theorieentwurf", der "auch ein Buch der Abrechnung mit dem Christentum" sei, "bleibt am Ende nur ein geistiges Gebilde gerechtfertigt: die Religion des Judentums". Gegen die Minima Moralia erhebt Jäger Einwände anderer Art; sie wurden vor allem geschrieben, um von des Autors "Begabung die allerhöchsten Begriffe" zu vermitteln, sein Leiden herauszukehren und seine Sensibilität narzisstisch zu "feiern". Man bedenke aber: ". . . wäre Adorno mit dem ,impliziten Autor' identisch, dann hätte er das Buch vor lauter Unglück wohl nicht schreiben können".

Nun, es verwundert kaum, dass Jäger Adornos Produkte nicht gefallen, wenn man Adornos mangelnde Befähigung bedenkt - und zwar für alles, was er anfasste! Folgt man Jäger, so verstand Adorno nichts von Psychoanalyse, war als Komponist mäßig kreativ, verkannte Heidegger, las keine angelsächsische Literatur und hatte laut Auskunft eines Zeitzeugen auch keine Ahnung von Theater, Musik oder bildender Kunst seiner Zeit. Mehr als einleuchtend daher, dass sein theoretischer Ansatz, wie Jäger es sieht, schon vor seiner eigentlichen Blüte "veraltet" war.

Vielleicht hätte man dem Biografentemperament eines Lorenz Jäger auch ein anderes Leben zum Fraß vorwerfen können, es wäre genauso schlecht dabei weggekommen. Aber bei allen drei Büchern hat man schließlich den Eindruck, das Jubiläum habe dem Unterfangen, das Leben des Jubilaren zu zeichnen, keinen allzu großen Gefallen erwiesen. Zu vorsichtig, zu konfus oder zu gehässig geschrieben. Was, und wen sieht der Mann im Spiegel, der auf den Selbstauslöser drückt? Wir können es nur ahnen und versuchen, einen Rest Neugier vor der Publikationsflut dieses Jahres in Sicherheit zu bringen, bis vielleicht irgendwann ein weiterer Biograf den Mut findet, das Buch zu schreiben, das wir schon heute gern läsen.

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