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Erich Korngold (1897-1957), fotografiert von Franz Lowy.

Erich Korngold

Wunderkind im 20. Jahrhundert

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Briefe von dem und an den Komponisten Erich Wolfgang Korngold in einem klug zusammengestellten Band.

Als der neunjährige Erich Wolfgang Korngold 1906 Gustav Mahler in dessen Wiener Wohnung eine selbstkomponierte Kantate vorspielte, lief dieser aufgeregt durch das Zimmer und wiederholte immer wieder den Satz: „Ein Genie.“ Enthusiastisch empfahl er dem stolzen Vater Julius Korngold, Nachfolger des Wagner-Antipoden Eduard Hanslik als Musikkritiker der Wiener „Neuen Freien Presse“, den Knaben bei Alexander Zemlinsky Komposition zu studieren zu lassen. Bald überschlugen sich die Feuilletons vor Begeisterung. Vom „Wunderkind“ berichteten sie, und als der Junge, dessen unglaubliches musikalisches Gedächtnis und dessen Klavierspiel vom Publikum gefeiert wurde, seine ersten Werke für die Konzertsäle und Opernhäuser veröffentlichte, lag ihm die musikalische Welt zu Füßen. Als Erich Wolfgang Korngold 1957 kurz nach seinem 60. Geburtstag in Kalifornien starb, war er jedoch ein nahezu Vergessener.

Über das Leben dieses Komponisten und ungewöhnlichen, sympathischen Menschen können wir jetzt in einem von der österreichischen Musikwissenschaftlerin Lis Malina klug zusammengestellten Briefband viel erfahren. „Dear Papa, how is you?“ enthält 211 heitere, traurige, erboste, verbitterte Briefe seiner Ehefrau, seines Vaters, seiner ihn bewundernden Interpreten auf der Bühne und am Dirigentenpult oder von ihm selbst. Zeugnisse der Zuneigung und Ablehnung: Sie berichten von der lebenslangen Auseinandersetzung mit dem schwierigen, dominanten, fördernden, Korngolds Privatleben häufig vergällenden Vater, von seinem glücklichen Familienleben und seinen Freundschaften zu den großen Musikern seiner Zeit, von den Kämpfen gegen Neider und Verhinderer.

Nach 1933 standen Opernhäuser und Musikkritik dem Werk des österreichisch-jüdischen Komponisten feindlich, später dann gleichgültig oder abwertend gegenüber. Sie übersahen, dass „Die tote Stadt“ zu den künstlerisch bedeutendsten Dramen des Musiktheaters im 20. Jahrhundert zählt, dass seine inhaltlich zweifellos etwas befremdlich wirkende Oper „Das Wunder der Heliane“ ein musikalisches Meisterwerk ist.

Zudem hatte Korngold das Unglück, im erbitterten Streit um tonale und atonale Musik zerrieben zu werden. Nach dem Ersten Weltkrieg tobte dieser Kulturkrieg in aller Schärfe: Hier Schönberg, Berg und Krenek, dort der späte Richard Strauss, Franz Schreker und eben Korngold. Theodor W. Adorno, dessen einäugigen Bewertungen der Musik des 20. Jahrhunderts die Kritikerwelt nach dem Zweiten Weltkrieg stark beeinflussten, schrieb 1932 in einer Rezension über Korngolds Drei Lieder für Sopran und Klavier, op. 22: „Wenn Korngold nicht den ganzen Aufputz dieser Musikfassaden radikal erkennt und schlechterdings von vorn anfängt, ist er für die Musik, die heute Existenzrecht hat, verloren.“

Und dann Hollywood. Mitte der 30er Jahre – noch vor dem Anschluss Österreichs – beginnt Korngolds zweite Karriere. Mit dem Tonfilm bekommt die Musik für die Branche eine ganz neue Bedeutung. Korngold, von Warner Brothers gerufen, schreibt Kompositionen für zahlreiche und meist überaus erfolgreiche Produktionen. Seine Arbeiten sind bis heute richtungsweisend und sie wurden zu seinen Lebzeiten nicht nur gut bezahlt, sondern vielfach prämiert. Nicht zuletzt mit dem Oscar für seine „Robin Hood“-Musik.

Ein „Sündenfall“ war dies für die E-Musik-Kritik, und viele Briefe im Band zeigen, wie ihn der Vater in dieser Frage bedrängt und erbittert. Auch dass Korngold mehrere Johann-Strauss- und Offenbach-Operetten bearbeitete, die Max Reinhardt mit großem Publikumserfolg inszenierte, nahmen ihm die Puristen in den Musikfeuilletons nachhaltig übel.

Als Korngold nach dem Krieg aus seinem amerikanischen Exil nach Europa zurückkehrte, musste er konstatieren, dass die Opernhäuser und Konzertsäle ihm weitgehend verschlossen blieben. „Der Antisemitismus blüht bei uns wie eh und je“, zitiert Ehefrau Luzi Korngold eine Stimme aus Österreich, als die Intendanz der Wiener Staatsoper die Aufführung eines Korngold-Werkes ablehnt. Nicht ohne Verbitterung kehrte er nach Kalifornien zurück, wo er wenige Jahre später starb.

Seit den späten 80er Jahren sind Korngolds Werke wieder in vielen Opernhäusern präsent (besonders gilt dies natürlich für „Die tote Stadt“). Aber nicht nur seine Kompositionen für das Musiktheater, sondern auch seine Orchesterwerke, seine Kammermusik und seine Liederzyklen sind inzwischen in zahlreichen Einspielungen auf dem Markt. Auch der vorliegende Briefband gibt Gelegenheit, die späte Heimkehr eines großen, in seinen Kompositionen ganz eigene Wege gehenden Schöpfers herrlicher Melodien und grandioser, auf den Fundamenten der Tonalität stehender Werke zu feiern.

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