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Ich würde gern an Zufall glauben

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Adolf Eichmann, flankiert von israelischen Polizisten, wird der Prozess gemacht.
Adolf Eichmann, flankiert von israelischen Polizisten, wird der Prozess gemacht. © Reuters

Es ist ein Roman über die Kunst der Erinnerung und das Vergessen als ihre Voraussetzung: Das beklemmendes Romandebüt des Autorenduos Astrid Dehe und Achim Engstler befasst sich mit der Hinrichtung von Adolf Eichmann durch seinen Henker Shalom Nagar.

Von Dirk Pilz

Adolf Eichmann ist tot. Er wurde im israelischen Ramla erhängt, vor 52 Jahren, um Mitternacht im Mai. Der Körper wurde verbrannt, die Asche verstreut. Der SS-Obersturmbannführer, Leiter des Referats IV B 4, zuständig für die Deportation von Juden in Vernichtungslager unter Hitler: hingerichtet.

Wege zu einer Wahrheit

Eichmann ist tot? Nicht für seinen Henker Shalom Nagar. Nagar hat Eichmann in seiner Zelle bewacht, ihn aufs Klo begleitet, sein Essen verkostet. Er war damals Mitte Zwanzig und der einzige von Eichmanns jüdischen Wärtern, der nicht dessen Henker sein wollte. Das Los verpflichtete ihn dazu. Und die Henkerstat hat noch Jahre seine Träume und Ängste beherrscht.

Das ist alles historisch verbrieft, Nagar hat öfter darüber berichtet, wie er stundenlang mit Eichmann in der Zelle hockte, dann den Hebel an der Galgenvorrichtung umlegte, die Leiche vom Strick nahm und mit Eichmanns Blut besudelt wurde. Es steht das alles auch in „Nagars Nacht“, dem Roman von Astrid Dehe und Achim Engstler. Sie haben genau recherchiert, den Eichmann-Prozess, die Eichmann-Prozess-Berichte, auch Netalie Brauns Nagar-Dokumentarfilm „Der Henker“ von 2010.

Aber das schenkt diesem Buch nicht seine verstörende Intensität. „Nagars Nacht“ ist kein bloßes Eichmann- und Nagar-Buch. Es ist ein Roman über die Kunst der Erinnerung und das Vergessen als ihre Voraussetzung, über das Erzählen und Erfinden als Wege zu einer Wahrheit, die in den Falten der schieren Fakten hockt. Mit einer Hand fasst dieses Buch ins Dokumentarische, mit der anderen ins Fiktive, auch Phantastische. Mythen sind so gemacht, biblische Geschichten, Sagen: aus Geschehnissen, die zu Geschichten, aus Erfahrungen, die zu Gleichnissen werden.

Und natürlich ist es eine gewagte Unternehmung, einem Teil der NS-Geschichte so zu kommen, als ob man an den vielen deutschen Verdrängungs- und Erinnerungskrämpfen vorbei, der Vergangenheit geradewegs ins Auge schauen könnte. „Nagars Nacht“ kann es – und kann gerade so die tiefen Schatten der NS-Geschichte, den Schrecken der Shoah scharf stellen.

Drei Kapitel hat dieser Roman, und drei Figuren. Es sind Nagar, Ben und Moshe. Ben und Moshe besuchen Nagar regelmäßig, um sich seine Eichmann-Geschichten anzuhören. Eichmann, glaubt dieser Roman-Nagar, „wird ihn holen“, er wird „Eichmanns letztes Opfer sein“. Ben stellt Nagar Fragen, Moshe hört zu. Bis Moshe beginnt, seine Eichmann-Geschichte zu erzählen, eine andere, eigene, typographisch vom sonstigen Text abgesetzt.

Hier also Nagar, der Augenzeuge, der dem Fluch der Geschehnisse nicht entkommt, zwischen Alptraum und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden weiß; dort Moshe, der dichtend Distanz zu schaffen versucht, für den Eichmann eine Stimme unter anderen ist – und der am Ende Angst hat, dass wahr wird, was er schreibt. Wie es war, ist eine Frage, wie und warum man erzählt. „Wohin fragst du uns, Ben“, heißt es einmal, und: „wohin schreibst du uns“, Moshe? Die Antwort ist „Nagars Nacht“ selbst.

Ein dichtes, luftiges Gewebe

Im vergangenen Jahr hat das deutsche Autorenteam Dehe und Engstler mit der erfahrungsdichten, bildstarken Novelle „Auflaufend Wasser“ sein Prosadebüt gegeben, jetzt folgt der erste gemeinsame Roman. Wieder ist es ein gleichzeitig sonderbar transparenter und geheimnisvoller Text geworden, ein zugleich dichtes und luftiges Gewebe voller heimlicher Pfade und Verweise. „Ich würde gern an Zufall glauben, aber alles ist ein enger Kreis“: Nichts ist überflüssig, nichts zufällig in diesem Buch, alles ist eng mit- und ineinander verflochten.

Enge bedeutet in der Literatur immer: Freiheit. „Nagars Nacht“ ist damit auch eine Verteidigung der Dichtung gegen die Geschichtsschreibung, der Versuch, die Vergangenheit aus dem Gefängnis des bloß Gewesenen zu entlassen. Eichmann ist tot, Eichmann lebt.

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