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Aus Elvira Bauers antisemitischem Kinderbuch "Trau keinem Fuchs auf grüner Heid/Und keinem Jud bei seinem Eid", 1936.

Ausgrenzung

"Wovon sollen sie denn leben?"

Zum Gedenktag an den Holocaust stellt die FR Dokumente zur Ausgrenzung und Verfolgung von Juden während des Nationalsozialismus vor.

Von xxawi

Am 29. Dezember 1933 bittet Fritz Wolfes den Oberbürgermeister der Stadt Hannover, dem jüdischen Turnverein eine Sporthalle zu vermieten. Er schreibt: "Wir Juden sind ausgeschlossen aus allen Sportvereinen. Wir haben davon Kenntnis genommen. Wir betteln nicht um Zulassung, sondern gründen einen jüdischen Turnverein. Aber wir haben keine Halle, kein Turngerät. Warum will sie uns die Stadt nicht vermieten? Wir wollen keine Vorzugsbehandlung, sondern einen angemessenen Preis zahlen. Die Stadt verkauft uns Wasser, Gas, Elektrizität. Straßen- und Eisenbahn dürfen wir benutzen. Wir baden in den städtischen Anstalten, warum dürfen wir nicht dort turnen? .... Ich bitte um Ihre geschätzte Antwort möglichst mit Begründung. Wie sie auch ausfällt, ich werde mich fügen, aber eine Bitte: Reichen Sie dies Schreiben nicht ?zuständigkeitshalber' an... Wir haben das Führerprinzip. Entscheiden Sie!"

Zuständigkeitshalber

Man liest diesen Brief im Jahre 2008, und es schießt einem der Gedanke durch den Kopf: Da wird der Oberbürgermeister genickt und gesagt haben: Recht hat er. Sie sollen kein Wasser, kein Gas, keine Elektrizität mehr bekommen. Sie sollen nicht mehr Straßen- und Eisenbahn fahren. Sie sollen nicht mehr in städtischen Anstalten baden dürfen. So ist es zwar dann gekommen, aber nicht gleich. Oberbürgermeister Arthur Menge reichte den Antrag "zuständigkeitshalber" weiter. Im Juni 1936 erneuerte der jüdische Turnverein seinen Antrag. Wolfes war inzwischen in die USA emigriert, Menge noch bis 1937 Oberbürgermeister. Im Februar 1945 wurde er im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Wolfes' Brief ist eines von 320 Dokumenten im 811 Seiten umfassenden ersten Band der auf 16 Bände angelegten Dokumentation "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945". Der erste Band belegt die Entwicklung im Deutschen Reich bis 1937. Man kann sich nicht vorstellen, dass irgendjemand alle Seiten aller Bände lesen wird. Wer aber zum Beispiel die ersten 300 Seiten des ersten Bandes liest, der merkt, wie schwer es ihm fällt, den Band aus der Hand zu legen.

Die Quellen entfalten eine starke Kraft. Der freie Ton eines Wolfes mag zur Identifikation einladen. Aber da ist auch der Brief des Vorsitzenden der Deutschen Turnerschaft, der Turnbruder Naumann erklärt, dass er seine Bedenken abzulegen habe gegen den Ausschluss der jüdischen Turner aus dem Verband. Es gibt Juden, das räumt er ein, die sich verdient gemacht haben um die Turnerei, aber "unter dem Judentum hat Deutschland in den letzten Jahrzehnten so unendlich viel gelitten", dass wir "unter allen Umständen einen ganz dicken Strich unter die Vergangenheit machen müssen. Was wir erlebt haben, darf niemals wiederkommen".

Was nie wiederkommen darf

Man liest diese Sätze und begreift nicht, dass man sie exakt so verwendet hat, um Schluss zu machen mit dem Nationalsozialismus. Der Leser überlegt, was falsch ist an diesen Sätzen. Ihr Rigorismus - ist er versucht zu sagen. Aber kann man zu rigoros sein beim Abschied vom Völkermord? Er findet keine Antwort. Er findet nichts, was ihm sein Gefühl nehmen könnte, irgendetwas an seinem "Antifaschismus" sei verkehrt.

Die Dokumentation macht klar, was "Gleichschaltung" bedeutete. Ihre mörderische Kraft entfaltete sie nicht, weil oben einer schaltete, sondern weil unten gar zu viele ihre Chancen wahrnahmen, Profit aus der Judenverfolgung zu schlagen. Ein Münchner Metallhändler empfiehlt dem Bürgermeister, Altmetalle nicht mehr an jüdische Firmen zu verkaufen. Ein Privatlehrer regt am 30. März 1933 den Boykott jüdischer Privatlehrer an. Eine Straßenhändlerin in Breslau bittet den Polizeipräsidenten, einen konkurrierenden jüdischen Straßenhändler von ihrem Platz zu verweisen.

Dazwischen ein Bonner, der von sich sagt, er habe nationalsozialistisch gewählt, und dem Ministerpräsidenten Hermann Göring am 3. Mai 1933 schreibt: "Die Juden dürfen nicht ?Beamte' werden, sie dürfen nur in beschränktem Maße studieren und ?gelehrte Berufe' ausüben, kein ?Arier' darf sie aber in Anspruch nehmen oder von ihnen etwas kaufen, ja wovon sollen die Leute denn leben?"

Wieder sieht der heutige Leser den Adressaten dieses Briefes nicken und den Schluss ziehen, dass - der uns unbekannte - A. Müller völlig Recht hat, nur leider nicht den einzig richtigen Schluss aus seiner Logik zieht. Die "Endlösung" - das macht dieses Buch klar - lag von Anfang an in der Konsequenz der nationalsozialistischen Weltsicht.

Das Buch macht aber auch klar, wie viel passieren muss, damit eine logische Konsequenz auch zur Wirklichkeit wird. Immer wieder ermahnt die nationalsozialistische Führung auch zur Mäßigung. Sie will sich das große Spiel der Außenpolitik nicht zerstören lassen. Das ist das eine immer wieder vorgetragene Argument. Deutlich wird aber auch, dass es der Führung darum geht, sich nicht das Heft aus der Hand nehmen zu lassen. Dazu gehörte - und wird sie immer gehören - die Kunst, den Pöbel ebenso anzustacheln wie zurückzuhalten. Wer ihn nicht mobilisiert, verliert ihn. Wer ihn nicht zurückhält, den überholt er.

Die Judenverfolgung ergriff die gesamte Gesellschaft. Niemand, der damals lebte, kann sagen, er habe davon nichts gewusst. Der Band macht klar, wie sehr die an der Macht auf die angewiesen sind, die an die Macht bleiben oder einfach nur eine Stellung wollen. Er macht auch klar, wie verlässlich dieser Trieb ist. Im Großen und Ganzen. Und dass es immer wieder Einzelne gibt, die sich weigern mitzumachen, wenn es darum geht, andere zu drangsalieren.

Es geht hier noch nicht um Gaskammern und die systematische Ermordung, aber es geht schon darum, wie der unbekannte Bonner Bürger A. Müller am 3. Mai 1933 schrieb, den deutschen Juden jede Möglichkeit zu nehmen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es gab Widerstand dagegen. Aber zu wenig. Viele - auch Juden - sagten: Nichts wird so heiß gegessen, wie es auf den Tisch kommt. Heute muss man sagen: Es gab zu viel Hoffnung.

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