Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

 Verena Keßler.
+
Verena Keßler.

Roman

Worüber nicht geredet wurde

  • vonCornelia Geißler
    schließen

Verena Keßler erinnert in ihrem Debütroman „Die Gespenster von Demmin“ an einen Massensuizid 1945.

Als Larry versucht, den Schwan aus dem gefrorenen Wasser zu retten, bricht sie selbst ein. Als ihr jemand das Fahrrad übers Eis zuschiebt, damit sie sich festhalten möge, kann sie die Arme nicht heben. So also fühlt sich Ertrinken an. In Verena Keßlers Roman „Die Gespenster von Demmin“ hängt an dieser Szene nicht nur das Schicksal von Larissa, die von allen außer ihrer Mutter Larry genannt wird. Dieser Moment führt auch zu Schicksalstagen der Stadt, in der sie wohnt. Anfang Mai 1945 waren im vorpommerischen Demmin einige Hundert Menschen freiwillig ins Wasser gegangen, mit Steinen an den Schuhen oder in den Jackentaschen, mit kleinen Kindern an den Gürteln, mit Schlafmitteln im Magen.

Die Autorin wagt geradezu einen Jahrhundertschritt mit ihrem ersten Roman: Sie erzählt von einem erfundenen Mädchen und verbindet es mit Tatsachen, die von symbolischer Bedeutung sind. Hatte man in der DDR versucht, den Massensuizid zu beschweigen, weil die Angst vor den sowjetischen Soldaten die Menschen am Kriegsende so handeln ließ – was dem offiziellen Bild von der Befreiung widersprach –, wurde in den vergangenen Jahren immer mehr darüber bekannt. 2018 brachte Martin Farkas seinen Dokumentarfilm „Überleben in Demmin“ heraus, der die Kehrseite des Erinnerns miterzählt: Seit anderthalb Jahrzehnten versammeln sich am 8. Mai in der Kleinstadt Neonazis nicht nur aus Mecklenburg-Vorpommern zum Trauermarsch.

Farkas zeigt in seinem Film (abrufbar auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung) einen Querschnitt durch die Gesellschaft. Verena Keßler, Jahrgang 1988, wählt für ihr Buch nur zwei Figuren und deren Umfeld, um sowohl den historischen als auch den gegenwärtigen Raum aufzuschließen. Dabei verwendet sie die Fakten in geringer, aber ansteigender Dosierung. Deshalb stehen sie ihrem eigenen Erzählen nicht im Weg, sondern geben ihrem Roman neben der literarischen auch gesellschaftliche Relevanz.

Das Buch:

Verena Keßler: Die Gespenster von Demmin. Roman. Hanser Berlin, 2020. 240 S., 22 Euro.

Larry lebt mit ihrer Mutter zusammen, den Vater bekommt sie nur selten zu Gesicht. Die Mutter nutzt die Zeit, die ihr neben der Arbeit im Krankenhaus bleibt, für die Suche nach einem neuen Partner. Larry hilft nach der Schule oder sonnabends bei der Gräberpflege auf dem Friedhof, eine Stunde Abfall aufsammeln, gießen und den Witwen ihr „schönstes Mach-ich-doch-gern-Lächeln“ zeigen – „und schon haben sie einen Schein in der Hand“. Mit ihrer alten Nachbarin allerdings spricht sie fast nie, diese ist keine von den Frauen, die ein Gespräch über den Zaun suchen, Larry sieht sie oft durchs Fenster am Küchentisch sitzen.

Dieser Nachbarin gehört die zweite Erzählebene des Romans, die sich zwischen die aus der Ich-Perspektive geschilderten Larry-Erlebnisse schiebt. Die Frau soll sich aufs Altersheim vorbereiten, der Abschied von ihrem Haus, den Möbeln, der Kleidung und den Bildern ist für sie auch ein Abschied vom Leben. Momentweise taucht die Erinnerung ans Kriegsende auf: der süßliche Leichengeruch, Mutter und Schwester im Wasser. So langsam und nachdenklich die Frau sich durch ihre vertrauten Räume tastet, so bedächtig erzählt Keßler hier.

Larry dagegen erscheint schnell, munter, ungeduldig, gut getroffen als 15-Jährige. Sie ist ein junger Mensch mit klaren Abneigungen und Wünschen. Sie möchte weg aus Demmin („Wer ist in dieser Stadt schon glücklich?“), will Kriegsreporterin werden, übt sich in Zähigkeit, denkt sich Mutproben aus. Einmal, als es brenzlig wird, fürchtet sie, „als die lächerlichste Tote Demmins“ in die Geschichte einzugehen. Sie hat einen leicht morbiden Humor. Mit ihrer besten Freundin Sarina spricht sie über fast alles, immerhin, denn die Erwachsenen lassen zu viel aus. Eines der sinnbildlichen Gespenster von Demmin befindet sich nämlich in der Garage ihres Hauses, es sind Kisten, die ihre Mutter nicht anrühren kann.

Am Ende ein Neubeginn

Wie gut das alles konstruiert ist, bleibt beim aufmerksamen Lesen nicht verborgen. Das Motiv des sterbenden Schwans taucht in den Gedanken der alten Frau wieder auf. Welches Grab Larry immer zum Schluss ihrer Friedhofsrunde aufsucht, klärt sich. Und dass die alte Frau beim Packen eine bestimmte Absicht verfolgt, gibt die Autorin nach und nach zu erkennen. Einige Episoden finden im Laufe des Romans ihr Ende, doch – wie es sich für eine Coming-of-Age-Geschichte gehört – steht Larry schließlich auch vor einem Neubeginn. Verena Keßler schafft es beeindruckend, die Düsternis und die Heiterkeit auszutarieren: Das ist ein sehr gelungenes Buch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare