Die österreichisch-amerikanische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger ist im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in Kalifornien gestorben.
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Die österreichisch-amerikanische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger ist im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in Kalifornien gestorben.

Nachruf auf Ruth Klüger

Worte für das Unvergleichbare

  • vonCornelia Geißler
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Die Schriftstellerin und Germanistin Ruth Klüger ist 88-jährig gestorben.

Bis Anfang der neunziger Jahre hat Ruth Klüger sich als Literaturwissenschaftlerin in überschaubaren Kreisen bewegt, anerkannt und geehrt. Erst durch ihr Buch „weiter leben. Eine Jugend“ wurde sie öffentlich zu einer Überlebenden der Konzentrationslager von Theresienstadt und Auschwitz, die sie ja war. Diese Erinnerungen machten sie bald weltbekannt. Ihr Buch ließ die Nachgeborenen spüren, in welchem Maß außergewöhnlich die Erfahrung der Juden im Nationalsozialismus ist. Es machte einen gedanklichen Abstand deutlich zwischen Juden und Nichtjuden, der nur überwunden werden kann, wenn das Verbrechen des Holocaust benannt wird, und zeigte, welche schwere Bürde die Weiterlebenden mit sich schleppten. Ruth Klüger wurde eine wichtige Stimme der Aufklärung für unsere Gegenwart. Sie blieb zwar ihrem wissenschaftlichen Fach treu, aber sie sprach auch zum Beispiel am 27. Januar 2016 im Deutschen Bundestag zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

In der Nacht auf Dienstag ist Ruth Klüger im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in Kalifornien gestorben. Das teilte am Mittwoch der Zsolnay Verlag mit, in dem ihre letzten Bücher auf Deutsch erschienen waren, so auch der zweite Teil ihrer Autobiographie „unterwegs verloren“. Ihre Stimme wird schmerzlich fehlen.

Mit dem Erinnern hat sich Ruth Klüger als Germanistin beschäftigt und damit, wie es sich in Literatur ausdrückt. Die Erinnerung an Gedichte gehörte bereits zu ihren Überlebensmitteln im Lager, das Memorieren einst auswendig gelernter Zeilen rettete vor dem Umfallen beim Appell. Und sie schrieb selbst welche. 1944, sie war 13 Jahre alt, entstand „Der Kamin“, es beginnt so: „Täglich hinter den Baracken/ Seh ich Rauch und Feuer stehn,/ Jude, beuge deinen Nacken,/ Keiner hier kann dem entgehn./ Siehst du in dem Rauche nicht/ Ein verzerrtes Angesicht?// Ruft es nicht voll Spott und Hohn:/ Fünf Millionen berg ich schon!/ Auschwitz liegt in seiner Hand –/ Alles, alles wird verbrannt.“

In „weiter leben“ schreibt Ruth Klüger, wie sie in Deutschland erlebte, dass die Nachkommen der Täter ihre Erfahrungen runterspielten: „Heute gibt es Leute, die mich fragen: ,Aber Sie waren doch viel zu jung, um sich an diese schreckliche Zeit erinnern zu können.‘ Oder vielmehr, sie fragen nicht einmal, sie behaupten es mit Bestimmtheit. Ich denke dann, die wollen mir mein Leben nehmen, denn das Leben ist doch nur die verbrachte Zeit, das einzige, was wir haben, das machen sie mir streitig, wenn sie mir das Recht des Erinnerns in Frage stellen.“

Mit dem Schreiben dieses Buches begann sie Ende der 80er Jahre in der Bundesrepublik, durch einen Zufall. Ruth Klüger hielt 1985 einen Vortrag bei der Tagung der Internationalen Germanistenvereinigung in Göttingen. Angeregt von der Atmosphäre in der Stadt bewarb sie sich für eine Gastprofessur. Sie nahm dann am Doktorandenkolloquium Albrecht Schönes teil, in dem auch Thedel v. Wallmoden saß, der gerade den Wallstein Verlag gegründet hatte. Wenige Tage vor dem 9. November 1988 ist sie von einem Radfahrer angefahren worden, erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, musste im Krankenhaus bleiben, liegen, nachdenken, schreiben.

Das Buch trägt die Widmung: „Den Göttinger Freunden ... ein deutsches Buch“. „Das waren wir, die Mitglieder des Kolloquiums“, sagt Thedel v. Wallmoden am Telefon, „die Gespräche mit uns haben auch Eingang in das Buch gefunden. In diesem Kreis kursierte das Manuskript und ich habe mich gleich darum beworben.“ Erst musste aber noch die Antwort des Suhrkamp Verlags abgewartet werden, dem Klügers damals guter Freund Martin Walser das Buch vorgeschlagen hatte. Der lehnte aber ab. 1992 kam das Buch im Wallstein Verlag heraus. Der enorme Erfolg von „weiter leben“ begann mit dem enthusiastischen Lob durch Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ des ZDF.

Ruth Klüger, geboren am 30. Oktober 1931 in Wien, ist Jüdin, was zur Zeit ihres Aufwachsens schon das Todesurteil bedeuten konnte. Mit elf Jahren kam sie nach Theresienstadt, von dort wurden sie und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert – wo der Vater und der Bruder bereits ermordet worden waren. Die erste Selektion überlebte sie nur, weil eine Schreiberin ihr zuflüsterte, sie solle sich für 15 ausgeben. Kurz vor Ende des Krieges konnten Mutter und Kind aus dem Lager Christianstadt fliehen, einem Außenlager des KZ Groß-Rosen. Sie schlugen sich nach Bayern durch.

„Weiter leben“ erschüttert die Leser durch die nüchterne Beschreibung. Es ist so besonders, weil Klügers Schilderungen ständig von Reflexionen durchzogen sind, die in die Gegenwart hineinreichen. Sie erlebte ja nicht den Holocaust allgemein, sondern die ganz persönliche Erniedrigung, Demütigung, Qual. Dabei befand sie sich immer in der Nähe ihrer Mutter, mit der sie nur diese Schicksalsgemeinschaft verband, keine Liebe. Ihre Erinnerungen sind weder von Pathos getragen, noch anklagend, sie sind konkret und in den Formulierungen oft sarkastisch. Anfang der 90er-Jahre, als Deutschland gerade versuchte, ein einiges Land zu werden, da erschien auch Imre Kertész‘ „Roman eines Schicksallosen“. Thedel v. Wallmoden nennt diese beiden Bücher zusammen mit Georges-Arthurs Goldschmidts „Die Absonderung“. Alle drei Autoren hatten als Jugendliche den Holocaust überlebt, „sie alle nutzten eminent literarische Mittel, um das Unvergleichliche zu darzustellen“.

Klüger und ihre Mutter emigrierten 1947 in die USA. Später studierte sie Bibliothekswissenschaften und Germanistik, arbeitete als Literaturwissenschaftlerin an der University of California in Irvine. Sie interessierte sich stark für die weibliche Rezeption und Produktion von Literatur. Als sie ihr Erinnerungsbuch fortsetzte, schrieb sie auch vom Scheitern ihrer Ehe, vom schwierigen Verhältnis zu den Söhnen. In den vergangenen Jahren ist sie öfter nach Deutschland und Österreich gekommen, erhielt Preise, veröffentlichte Bücher wie „Katastrophen. Über deutsche Literatur“, „Gemalte Fensterscheiben. Über Lyrik“ und „Anders lesen. Bekenntnisse einer süchtigen E-Buch-Leserin“. Zwei Dokumentarfilme von Renata Schmidtkunz – „Ich komm‘ nicht von Auschwitz, ich stamm‘ aus Wien“ und „Das Weiterleben der Ruth Klüger“ zeigten sie als Frau mit Freude an der Debatte, mit einem feinen Sinn für echtes und scheinbares Interesse an ihrer Person, und für Antisemitismus, der verkleidet daherkommt. So beschrieb sie den Bruch mit ihrem einstigen Freund Martin Walser als Reaktion auf dessen Buch „Tod eines Kritikers“. Es war gegen Marcel Reich-Ranicki gemünzt.

Als Ruth Klüger 2016 im Deutschen Bundestag sprach, fand sie gegen Ende lobende Worte für Deutschland, das damals so viele Flüchtlinge aufgenommen hatte. Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ nannte Ruth Klüger heroisch.

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