Diskussion

Worte entzaubern

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Das zweite Streiterinnen-Podium der FR auf der Frankfurter Buchmesse ging um die Sprachmacht im öffentlichen Diskurs.

Mit der grundsätzlichen Frage, wie angesichts einer immer politisierteren Buchmesse Literatur überhaupt politisch sein soll oder darf, startete FR-Redakteurin Nadja Erb am Donnerstagvormittag das zweite Streiterinnen-Podium der FR auf der Buchmesse. „Klare Worte gegen Rechts?“ lautete der überstehende Titel der Diskussion, zu der die beiden Autorinnen Manja Präkels und Jagoda Marinic geladen waren. Für beide war klar, dass Schreiben immer auch politisch ist. „Ich weiß gar nicht, wie etwas nicht politisch sein kann“, sagte Marinic. Man müsse nicht erst in einer Partei oder im Parlament sein, um politisch aktiv zu sein, ergänzte die deutsch-kroatische Publizistin.

Manja Präkels zufolge sei das, was Schreiben eigentlich bedeute, heute politischer denn je. „Das ist in diesen Zeiten schon ein politischer Akt, wenn man eine Welt beschreibt in ihrer Vielfalt und auch damit einsteht, was man literarisch an Gehalt rüberbringt.“ Die 43-Jährige spricht aus Erfahrung: Geboren in der DDR, erlebte sie nach der Wende, wie Bekannte aus ihrer brandenburgischen Kleinstadt zu Neonazis wurden. In ihrem Debüt-Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ hat sie ihre Erlebnisse verarbeitet.

Heute tourt sie auf ihren Lesereisen auch durch den Osten und leistet eben das, was ihrer Meinung und ihrem Berufsstand nach „gegen rechts“ am besten helfe: erzählen, Worte entzaubern, erklären. Wo an Schulen etwa „Nazi“ oder „Judensau“ gerufen würde, müssten Lehrer das zum Anlass nehmen, um zu erklären, welche Geschichte an derlei Worte geknüpft ist.

Aber auch in Richtung Politik kritisierte Präkels: „Wir haben ein Heimatministerium. Das finde ich unglaublich kurios.“ Dahinter verberge sich eine „Zwergensicht auf die Welt“, die nicht weiterführe. „Für jeden bedeutet Heimat etwas anderes. Damit ist das Wort schon enthext.“

Ein Beispiel dafür, wie Sprache und Kommunikation „klare Worte gegen rechts“ leisten könnten. Auch gegen das, was Mitdiskutantin Jagoda Marinic „Agenda-Setting von rechts“ nannte. Dadurch seien „ganz schlimme Verschiebungen“ im öffentlichen Diskurs entstanden, wodurch die für sie eigentlich zentrale Frage nach der Weltverantwortung Deutschlands gar nicht mehr gestellt würde. „Wir sitzen als eines der reichsten Länder der Welt in einem europäischen Land in Frieden. Und wir können nicht alle retten – allein, dass ich das jetzt sage. Warum muss ich das jetzt sagen? Weil irgendjemand die Agenda gesetzt hat, dass das jetzt im Diskurs steht.“ Entsprechend verspricht sich auch Marinic nicht viel von der neu entfachten Heimatdebatte. Das sei für sie etwas Selbstverständliches, dass es nicht auszutarieren gelte. „Es ist doch klar, dass ein Bayer sich bayrisch fühlen darf und ein Franke fränkisch. Also diese Vielfalt ist da, und die Menschen sind stark genug, sie für sich zu verteidigen. Aber als Kollektiv müssen wir zusammenwachsen.“

Zu diesem Eindruck passten auch die Erfahrungen, die Manja Präkels über ihre Lesereisen gemacht hat. Ost- und Westdeutschland seien noch lange nicht wieder zusammengewachsen: „Ein großes Jammern im Osten über die Wende, wenig Eigenverantwortung übernehmen. In Westdeutschland wird erklärt: Naja, das sind die Ossis, sind halt rückständig.“

Und der Ausweg?, fragte FR-Redakteurin Nadja Erb. Marinic schlug vor, mehr vom Gelingen zu sprechen, mehr davon, was die Deutschen schon heute verbindet. „Wir brauchen mehr positive Geschichten in der Öffentlichkeit.“ Dem schloss sich Präkels an, die Menschen in den Medien vermisse, die etwa seit Jahren mit Flüchtlingen arbeiten und noch nie Probleme hatten. Oder, wie sie es nannte: „Die Leute beim Gefühl packen. Weil da werden sie auch von den Nazis gepackt.“

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