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Herta Müller.

Herta Müller

Ein Wort kann uns Halt geben und vernichten

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller fertigt seit langem Textcollagen an. Ein O-Ton der Literaturnobelpreisträgerin, aufgezeichnet von Arno Widmann.

Nach so vielen Jahren sind die Collagen inzwischen für mich nichts anderes, als eine weitere Art zu schreiben. Die Wörter stammen aus ganz unterschiedlichen Texten. Das macht sie sehr apart. Das ist ein Geschenk. Ursprünglich waren das ja Karten, die ich von unterwegs an Freunde verschickt habe. Statt Ansichtskarten. Übrig geblieben ist davon, dass zu all diesen Texten ein Bild gehört...

Das Bild muss sehr früh festgelegt werden. Denn von seiner Größe hängt ja ab, wie viel Platz ich noch für den Text habe. Und wo auf der Karte. Ich habe sehr viele Bilder, aber sie sind oft zu groß. Und auf den Text verzichten – das kann ich nicht. Es sind sehr schwere Entscheidungen. Ich bin ja abhängig von dem Material, das ich habe. Ich kann mir nicht einfach etwas anderes ausdenken. Gott sei Dank ist es so: Bilder schwimmen. Viel mehr als Wörter. Bilder können sich viel leichter an etwas anschmiegen als das Wörter können. Ein Wort sagt, was es ist. Man muss viel tun, damit es das nicht mehr macht. Das ist bei Bildern ganz anders. Die können gut für Unterschiedliches stehen.

Manchmal habe ich einen Text im Kopf und suche nach den passenden Wörtern. Wenn ich dann aber vor den Wörterschränken stehe, stoße ich auf andere Wörter. Das kann den Text verändern. So entstehen dann andere Zusammenhänge. Oft geht es um Reime. Früher dachte ich, Reime seien langweilig, konventionell, brav. Ich kannte Reimgedichte aus den Schulbüchern und natürlich aus der politischen Propaganda. Das war furchtbar. Wenn dann auch noch die letzte Silbe betont wurde, war das ein Klopfen, ein rhythmisches Teppichklopfen. Das war für mich das Übelste, das man mit Lyrik machen konnte.

Als ich nach Deutschland kam, stieß auf den Lyrikband „Wenn ich schon sterben muss“ von Inge Müller (1925 – 1966). Da sah ich das erste Mal, was man mit Reimen machen kann. Dann war da noch der Österreicher Theodor Kramer (1897-1958), ein Dichter, der in der Zwischenkriegszeit sehr bekannt war, inzwischen aber fast ganz vergessen ist. So entstand das Reimen bei mir.

Allerdings hatten wir auch in Rumänien schon gereimt. Wenn wir ganz verrückt waren und uns ablenken wollten von unserer Ausweglosigkeit, dann flunkerten und blödelten wir. Wie alberten herum. In Reimen. Einer musste dem anderen reimend antworten. Das war ein großes Vergnügen. Wir verbrachten ganze Nachmittage damit. Wir machten uns auch einen Spaß daraus, die Zeitung zu nehmen und eine Ceausescu-Rede in Reime zu setzen und sie dann zu singen. Das Reimen funktioniert ja wie eine Maschine. Der Kopf macht das, ist man erst einmal drin, ganz von allein weiter. Man kann das nicht mehr abstellen. Ich habe damals auch gereimt, wenn ich mich hilf- und haltlos fühlte. Ich sagte dann fortwährend Reime auf. Entweder bekannte, oder aber ich reimte mir selbst welche. Zum Beispiel auf dem Weg zu Verhören.

Die Collagen sind heute der einzige Ort, an dem ich das Bedürfnis nach Reimen habe. Vielleicht hat das damit zu tun, dass es gefundene Wörter sind. Ich habe ja ein wenig den Eindruck, es seien gar nicht meine. Ich bekomme sie ja schließlich von jemandem.

Da ist auch das kleine Format. Es sind Kürzesttexte. Es ist wie im Leben. Hier ist der Rand. Wo der Rand ist, geht die Sache zu Ende. Mehr geht nicht. Darauf muss man sich einstellen. Freiheit und Zufall entstehen nur innerhalb des vorhandenen Rahmens. Dadurch hat diese Art des Schreibens für mich so eine ganz besonders sinnliche Seite. Dazu kommt noch: Wenn ein Wort festgeklebt ist, kann man nichts mehr ändern. Man kann nichts mehr rückgängig machen. Auch das ist wie im Leben. Also ganz anders als sonst beim Schreiben. Als ich damit anfing, war mir das nicht klar. Aber es hat offensichtlich sehr viel mit meiner Biografie zu tun...

Es ist bei den Collagen nicht anders als sonst beim Schreiben. Die Worte entstehen aus dem Text. Er verlangt nach ihnen oder lehnt sie ab. Der Text entsteht erst beim Schreiben. Es ist bei den Collagen nur sichtbarer, wo einem der Zufall dazwischen kommt. Alles ist hier ja außerhalb von einem. Die Wörter liegen in den Schubladen. Wenn der Text im Kopf entsteht, ist der Vorgang des Hervorholens der Wörter nicht dokumentiert. Auch nicht der des Zurückweisens anderer Wörter. Wenn ich aber mit einer Collage fertig bin, dann kleben die einen Wörter schön geordnet auf meiner Karte, während die anderen, die abgelehnten, durcheinander auf dem Tisch herumliegen. Ich habe deutlich vor Augen, wie viele Versuche, Anläufe und Umwege nötig waren für diesen einen kurzen Text.

Je länger ich diese Arbeit mache, desto wichtiger wird das Optische für mich. Das zeigt, wie sich diese Arbeit in eine andere Richtung entwickelt. Sie verselbstständigt sich. Manchmal passiert es mir jetzt, dass ich das fertige Wort habe, aber es gefällt mir von der Form oder der Farbe her nicht. Ich bin jetzt so verrückt, dass ich es manchmal nicht mehr nehme. Aus optischen Gründen. Früher wäre mir das nicht passiert. Oder aber ich möchte an einer bestimmten Stelle ein bestimmtes Wort in einer bestimmten Farbe haben. Dann passiert es, dass ich alles noch einmal ändere. Das ist sehr viel Arbeit. Alles muss umgebaut werden. Aber ich muss es einfach tun, weil mir die Farbe plötzlich so wichtig wird. Ich achte jetzt auch darauf, dass es gerade Ränder gibt. Das war mir am Anfang nicht so wichtig.

Ich habe damals auch die Gesichter auf den Fotos zerkratzt, weil ich nicht wollte, dass die Menschen identifizierbar sind. Manche wollen ja nicht identifiziert werden. Darauf wollte ich Rücksicht nehmen. Dann zerschnitt ich die Gesichter. Auch Kindergesichter. Da entdeckte ich, wenn man die halbiert, sind sie erwachsen. Das ist doch verrückt. Es ist schön, so etwas zu entdecken...

Eins zu Eins funktioniert gar nichts. Alles ist eine Frage der Umgehung. Ich habe noch nicht herausgefunden, was nicht eine Sache der Umgehung ist. Ein Buch ist der Versuch, das Leben in die Sprache zu bringen. Diese Bilder versuchen das auch, und sie versuchen noch etwas anderes. Die Reproduktionen sind schön geworden. Sie sind ja auch Vergrößerungen. Sie haben dadurch auch für mich etwas Fremdes. Mit dem Original haben sie nicht mehr viel zu tun. Aber sie sind doch sehr schön. Darüber bin ich froh. Die Collagen bringen manchmal Sätze, die ich schon sehr, sehr lange im Kopf, aber noch nie aufgeschrieben habe.

Die Collagen, denke ich, deuten mir an, womit ich mich einmal beschäftigt habe oder auch, womit ich mich demnächst einmal in längeren Texten beschäftigen werde. Mal ist es ein Nachklang, mal ein Vortasten. Da weiß ich es, während ich die Collage mache, nicht. Da stellt es sich erst später heraus. Die Kurzform bringt es mit sich, dass ich manches ausprobieren kann. Manches ist dann auch damit erledigt. Anderes will noch einmal vorgenommen sein, fordert längere Beschäftigung. Da genügt dann die Collage nicht...

Ich sammele Wörter, um Texte zu machen. Ich schneide sie mir aus Prospekten aus, um Material zu haben für diese Texte. Jedes Wort ist wichtig. Sie wissen ja: Ein falsches Wort und alles ist kaputt. Wenn alles passt, nehmen wir das einzelne Wort vielleicht nicht wahr. Aber wehe, eines passt nicht. Wenn es uns verletzt, demütigt, dann reagieren wir sehr stark. Es gibt ja auch kurze Sätze, die wir irgendwann in einer wichtigen Situation gehört haben, die uns unser Leben lang begleiten. Alle Wörter können zu falschen oder zu richtigen Wörtern werden. Darum sind alle Wörter wichtig. Ich brauche die Wörter in allen möglichen Farben und Formaten, denn in der Collage zählt nicht nur die Bedeutung, sondern auch das. Ein Wort kann uns Halt geben und es kann uns zugrunde richten. Auch da die Texte so kurz sind, muss ich auf jedes Wort achten.

Durch das Optische zeigen die Wörter sich stärker als sonst als sich selbst. Sie ändern sich nur im Zusammenhang. Der entsteht durchs Lesen. Das ist wie mit uns. Einmal sind wir allein. Dann stehen wir mit anderen zusammen und werden zu anderen Menschen. Erst mit meiner Arbeit an den Collagen habe ich erfahren, dass auch ein Wort einfach so dastehen kann, dass ein Wort auch aussieht. Das wusste ich vorher nicht. Ein Wort hat nicht nur eine Bedeutung. Es sieht auch aus. Ja, es zeigt sich.

Bei den Collagen ist mir auch mein Verhältnis zu den Farben klarer geworden. Meine Vorsicht dem Rot gegenüber kommt von der roten Fahne, von der roten Pionierkrawatte. Ich bin dem Rot gegenüber sehr misstrauisch. Das Gelb dagegen spielt eine große Rolle in meinen Collagen. Das habe ich von Oskar Pastior (1927 – 2006). Der sagte zu mir: Wenn ich sterbe, wird alles gelb, und es tut nicht weh. Gelb war die Farbe der Deportation, das Licht der Güterwaggons. Als Pastior starb, am 4. Oktober, waren die Blätter der Bäume gelb. Damals dachte ich, obwohl ich ein sehr rationaler Mensch bin: Das hat alles er gemacht. Gelb ist für mich nicht mehr die helle Farbe der Sonne. Es ist die traurige Farbe des Todes. So haben auch Farben ihre Geschichte. Bei jedem Menschen eine andere. Alles, was uns passiert, prägt uns. Auch das, was wir nicht wahrnehmen. Das macht uns einzigartig und für alle anderen undurchschaubar. Ich lerne das bei der Arbeit an den Collagen.

Aufgezeichnet von Arno Widmann

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