Eines von zwei Porträtfotos, die Blumenberg von sich zur Veröffentlichung freigab
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Eines von zwei Porträtfotos, die Blumenberg von sich zur Veröffentlichung freigab

Philosophie

Woran wir sind

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Und wer sind wir überhaupt: Am 13. Juli vor 100 Jahren wurde der Jahrhundertphilosoph Hans Blumenberg geboren

Ein nicht versiegender Vorrat, der Nachwelt vermacht, ein immenses Werk, tausende Seiten. Hans Blumenberg hat mit seinen Lesern Verbindung gehalten. Ein Trost allein ein Titel wie: „Die Lesbarkeit der Welt“. So ohne weiteres lässt sie sich allerdings nicht entziffern. Sprach Hans Blumenberg von Lesbarkeit, verband er damit zugleich das Anliegen, über die Welt im Bilde zu sein.

Begriff und Metapher: Gerade dieses Verhältnis durchdachte Blumenberg in immer wieder neuen Anläufen. Sich von der Welt einen Begriff machen, machte er sich ein Bild vom Leben. Lebenszeit und Weltzeit – ein weiteres Verhältnis, über das Blumenberg ebenfalls ein außergewöhnliches Buch schrieb.

Blumenberg - der Mann in der Denkerpose

Hier, im Feuilleton, darf man sogar so sagen: ein grandioses, indem er bestürzend nachdachte über die unermessliche Diskrepanz zwischen Lebenszeit und Weltzeit, damit über die „Verlorenheit des Menschen in der Zeit“. Um nichts weniger als um diesen Schock geht es in seiner Philosophie, ging es dem Philosophen, hinter dem die Person zurücktrat, Hans Blumenberg, am 13. Juli 1920 geboren in Lübeck.

Von den Fotos, die von ihm gemacht wurden, hat er nur zwei geduldet. Darauf ein Mann in Denkerpose, das Wagnis einer Inszenierung, ganz offensichtlich, aber eine eher spröde Stilisierung. Hans Blumenberg wusste als Sohn eines Kunstkartenherstellers, wie mit einem Selbstbildnis umzugehen war. Es zeigt das Porträt eines Mannes, der seine Leser nicht nur mit den großen Kränkungen ihrer geistigen Existenz vertraut machte – unserer Ohnmacht. Angefangen mit unserer Stellung in einem gegenüber jedem Tod gleichgültigen Universum. Die letzten Fragen sind in Hans Blumenbergs Büchern stets die ersten.

Sie gelten nicht dem Skandal der gesellschaftlichen, der politischen und sozialen Verhältnisse, sondern dem Skandal des Daseins auf Erden, im Zeichen einer ins Jenseits hinein reichenden Obdachlosigkeit und spirituellen Unbehaustheit. Für den Menschen der Antike nahm mit jeder neuen Erkenntnis das Einvernehmen mit der Welt zu, ja, das Glück. Für den modernen Menschen bedeutet Mehrwissen mehr und mehr Unbehagen. Doch anders als die Kritische Theorie, anders als ein Adorno, war Blumenberg entschieden gegen die „Diskriminierung des Trostes“.

Soeben hat der Suhrkamp Verlag Blumenbergs Dissertation aus dem Jahr 1947 publiziert, nach 73 Jahren kommt seine Ontologie an die Öffentlichkeit. Die „erleuchtete Existenz“ des Mittelaltermenschen stehe der „auf sich selbst geworfenen Existenz“ des modernen Menschen nicht nach. Da mache man sich als kritischer Geist und progressiver Zeitgenosse mal nichts vor, dem mittelalterlichen Menschen gingen Verluste auf, die auch der moderne Mensch nicht zu verwinden mag. Denn für Blumenberg ist die metaphysische Unruhe, nur weil die Aufklärung sie still zu stellen hoffte, nicht zur Ruhe gekommen. Der 27-Jährige hatte sein Lebensthema gefunden.

Blumenberg war ein exquisiter Himmelskundler, ohne an einen harmonischen Kosmos zu glauben.

Denn woran sind wir, wer sind wir? Zeit seiner Philosophenexistenz beschäftigte Blumenberg sich mit dem Affront schlechthin, der peripheren Existenz des Menschen, seiner ungeheuren Randlage in einem unermesslichen, ihm gegenüber unendlich gleichgültigen Universum. In seiner „Genesis der kopernikanischen Welt“ hat er den Übergang zu einem neuen Weltbild, vom geozentrischen zum heliozentrischen, nicht etwa als einen Bruch analysiert, sondern als Kontinuität einer „Leistung“, wesentlich im Mittelalter wurzelnd. Diesem anhänglich, weil sich das neue Weltbild der Sorge um die Traditionsbestände verpflichtet sah. Eine Umkehrung der Perspektive, aber auch ein Umsturzdenken?

Wer heute wollte sich mit Blumenberg messen?

Auch diese von unzähligen Fragen verdankte sich einer immensen Belesenheit, seinen Kenntnissen nicht nur der Philosophie und Theologie, sondern auch der Astronomie, der Literatur, der Kultur- oder Technikgeschichte. Rüdiger Zill beschreibt in seiner soeben erschienenen Biografie das Pensum einer sagenhaften Belesenheit, dem Leben Nacht für Nacht abgerungen. Wer in den letzten Jahrzehnten, wer heute wollte sich mit Blumenberg messen? Nicht doch. Die Wahrheit ist, wer einen solchen Vergleich sucht, stünde nackt da.

Die Stationen von Hans Blumenbergs Karriere, sachlich aufgezählt, waren 1958 Hamburg, 1960 Gießen, 1965 Bochum, seit 1970 Münster bis zu seiner Emeritierung, 1985. Zwischen Johannisstraße 12-20 (mit Seminar, Petrikirchlein, Audimax, Sternwarte) und Schloss schrieb er die Erfordernisse einer kritischen Hermeneutik fort. Es galt die penible Lesbarkeit der Werke (der Weltliteratur), für Blumenberg Goethe an erster Stelle. Orientierung suchte der gebürtige Lübecker Blumenberg beim Lübecker Weltbürger Thomas Mann. Zudem immer wieder durchforstete er Fontane, Hans Carossa oder Ernst Jünger.

Und die Philosophen? Früh stand er im Bann Heideggers, um gegen Heidegger zu argumentieren. „Statt von ,Sein‘ begann Blumenberg von ,Wirklichkeit‘ zu sprechen“, greift Jürgen Goldstein die „Wende“ Blumenbergs auf: „Er fiel vom Glauben ab, und er ließ die Ontologie zugunsten der Anthropologie hinter sich.“ Vor allem griff Blumenberg auf Edmund Husserl zurück, dessen Motto: Zurück zu den Sachen. Wenn Blumenberg ebenfalls Husserls Begriff der Lebenswelt übernahm, dann um ihn zu erweitern. Anstelle einer vertrauten Alltagswelt, mit ihren Selbstverständlichkeiten, unhinterfragten Verhaltensweisen, Fertigkeiten und Routinen, an Stelle einer solchen „konkreten Lebenswelt“ ebenso wie einer „ursprünglichen“, wie sie einst in einer von Fragen und Zweifeln unbehelligten Geborgenheit eines Ur- oder Naturzustands geherrscht haben mag, zeigt sich Blumenbergs „Lebenswelt“ bereits leise irritiert, unmerklich gestört.

Blumenberg und das humane Selbstbewusstsein

Zu den nachdrücklichsten, den launischsten ebenso wie den zuverlässigsten Irritationen, auf die sich der Mensch verständigt hat, gehört die Philosophie. „Philosophie“, so Blumenberg, sei „werdendes Bewusstsein des Menschen von sich selbst“, zumal angesichts des Schweigens der Welt. Der wohlgeordnete Kosmos der Antike und des mittelalterlichen Christentums hatte durch die kopernikanische Wende eine immense Kränkung erfahren. Das Mittelalter hatte den Konflikt mit einem allmächtigen Gott auf die Spitze getrieben. Erst recht wegen der „ungehemmten Steigerung seiner Macht“, der „Gotteseskalation“ (Blumenberg), sah sich der vom Glauben fallende Mensch der Neuzeit umso mehr auf sich selbst zurückgeworfen.

Blumenberg hat zum humanen Selbstbewusstsein auf den Feldern, sorry: in den Disziplinen wie Phänomenologie oder Technikphilosophie genauso Bahnbrechendes geleistet, wie in religionstheoretischen, kunsttheoretischen, erkenntnistheoretischen oder naturwissenschaftlichen Fragen – nicht anders als ein Ernst Cassirer. Eine andere Großmacht, der man, worauf Goldstein aufmerksam macht, ebenfalls vorwarf, das einzigartige Spektrum ergebe kein System. Ach?

Ein Urteil der Armseligen, der Engstirnigen. Blumenberg ist an dieser Stelle gelegentlich zu den Achttausendern unter den Philosophen gezählt worden, etwa in einer Bildunterschrift. So, nicht vor den Gipfeln der Welt, aber vor einem Alpenpanorama zeigt ihn jetzt auch das Foto auf dem Buchumschlag zu Rüdiger Zills Biografie – und auch Goldstein variiert den Gedanken: „Aus dem Bodensatz der Notizkarten hat Blumenberg ein Hochgebirge an gelehrten Büchern entstehen lassen.“

Der Gipfel will allerdings nicht über einen Königsweg erklommen werden, sondern über Umwege, auch wegen der nicht selten umständlichen Argumentation Blumenbergs. Bei aller stilistischen Brillanz hielt sich Blumenberg an das Motto aus dem „Peer Gynt“ Henrik Ibsens: „Mach einen Umweg, Peer, geh außen rum“.

Der Umweg als Methode. „Der menschliche Wirklichkeitsbezug ist indirekt, umständlich, verzögert, selektiv und vor allem ‚metaphorisch‘“, schreibt Blumenberg – ein zentraler Satz in einem kürzeren Aufsatz, denn die indirekte, Umwege gehende, metaphorische Aneignung der Welt blieb ein Lebensthema. Die Konzeption des Umwegs leitete sein Freiheitsverständnis an: „In der Nachdenklichkeit liegt ein Erlebnis von Freiheit, zumal von Freiheit der Abschweifung.“ Diese Nachdenklichkeit, mit der sich Blumenberg die Freiheit zu Abschweifung und Exkurs nahm, macht die Lektüre seiner Bücher zweifellos aufwendig.

Blumenbergs „Entfaltung der Antimethode“, so Rüdiger Zill, ist für Systemdenker ein Affront – der Blumenberg nicht anfocht, wie auch? Denn Umständlichkeit und Umwegigkeit hatten Methode, sie schlugen sich nieder in seiner Theorie der Unbegrifflichkeit, in seiner Theorie des Mythos und der Metapher. Auf seinen Umwegen spürte er die stringenten Belege für seine Theorie auf, nicht nur bei Georg Christoph Lichtenberg, bei diesem aber ganz besonders, dessen Lob des „Zickzack“. Elektrisierend Lichtenbergs Aphorismus: „Die Metapher ist weit klüger als ihr Verfasser – und so sind es viele Dinge.“

Neuerscheinungen

Hans Blumenberg: Realität und Realismus. Hg. v. Nicola Zambon. Suhrkamp Verlag. 230 S., 30 Euro. Hans Blumenberg: Beiträge zum Problem der mittelalterlich-scholastischen Ontologie. Hg. v. B. Dahlke u. M. Laarmann. Suhrkamp. 232 S., 28 Euro. Jürgen Goldstein: Hans Blumenberg. Ein philosophische Porträt. Verlag Matthes & Seitz. 620 S., 34 Euro. Uwe Wolff: Der Schreibtisch des Philosophen. Erinnerungen an Hans Blumenberg. claudius verlag. 136 S., 15 Euro. Franz Josef Wetz: Hans Blumenberg zur Einführung. Junius Verlag. 256 S., 15.90 Euro. Rüdiger Zill: Der absolute Leser. Hans Blumenberg. Eine intellektuelle Biographie. Suhrkamp. 516 S., 38 Euro.

Die Erde ein Raumschiff – triviale Sciencefiction. Den „Lebensweltboden“ als eine „treibende Scholle“ zu begreifen – typisch für Blumenberg. Seine Theorie der Unbegrifflichkeit ging auf in Büchern wie „Schiffbruch mit Zuschauer“ oder die „Sorge geht über den Fluss“. Lektürereichtümer, so auch „Die Vollzähligkeit der Sterne“. Denn was kann man sich unter einer solchen „Vollzähligkeit“ vorstellen? Allenfalls reicht der menschliche Überblick für die Vollständigkeit eines Bücherregals oder der Tiere in einem Stall – schon bei der Vollständigkeit eines Kirschbaums wird es mit der Evidenz schwierig.

Offensichtlich, dass Hans Blumenberg, weil ihn die Nazis als „Halbjuden“ stigmatisieren, beträchtliche Umwege auf sich nehmen musste. Ein Universitätsstudium wurde ihm verwehrt. Im Anschluss an theologische Hochschulen in Paderborn und Frankfurt sowie eine Beschäftigung als Kaufmann konnte er in Hamburg studieren. Das Trauma der Abiturfeier verfolgte Hans Blumenberg ein Leben lang. Obwohl ihm als bestem Abiturienten zugestanden hätte, die Rede zu halten, unterband der Nazidirektor die Ehrung – Blumenbergs Text verlas ein Freund, eine verstörende Rede, die Hitler in die Tradition eines Homer als Humanisten stellte.

Odo Marquard, der Blumenberg in Gießen kennenlernte, hat zwei Anekdoten über den Kollegen erzählt – über dessen zwei Seiten. Des Menschen, der, weil er acht Jahre verloren hatte, an nur sechs Tagen in der Woche geschlafen habe, um seine eigene „verlorene Lebenszeit aufzuholen“. Auf der anderen Seite habe er den als „schwierig“ geltenden Blumenberg als einen „hilfsbereiten“ Kollegen kennengelernt, der sich durch zweierlei „entwaffnen ließ“: Humor und den Sinn fürs Spielerische.

Wenn Blumenberg sich in den 1960er Jahren in Gremienarbeit vorwagte und in der Bildungsarbeit engagierte, so zog er sich in Münster vollständig zurück. Auch auf Symposien oder Kongressen sollte fortan keine Lebenszeit mehr vergeudet werden, seine Welt drehte sich vor allem um seinen Schreibtisch, lesend, schreibend.

Blumenberg - eine Legende

Der Zettelkasten brachte Ordnung in die andrängende Überfülle der Phänomene und den Ansturm der Systeme. Jürgen Goldstein, der Blumenberg persönlich erlebt hat und ihm für seine Biografie gleichsam anhand der Weltordnung seiner Zettelkästen erneut über die Schulter geschaut hat, nennt die „fortlaufende Nummerierung (durch einen Rollenstempel) eine Chronologie seiner quellengeleiteten Gedankengänge“.

Zurück zu den Sachen, ein Ausschöpfen der verborgenen und der verschütteten Quellen: Darin ging die Wirklichkeit eines Philosophen „im Verborgenen“ (Goldstein) auf, dem das Lesen so wichtig war wie das Schreiben – was eine untröstliche Verlustrechnung aufmachte. Ging doch die Lesezeit, Rüdiger Zill macht darauf aufmerksam, von der Schreibzeit ab wie wiederum umgekehrt das Schreiben auf Kosten des Lesens. Jede Seite, die er las, entzog einer anderen die Aufmerksamkeit, jede Zeile, die er schrieb, ließ ein anderes Buchprojekt in den Hintergrund treten. Das, was dann aus dem Nachlass veröffentlicht wurde, ist ein Werk für sich.

Immer wieder neue Bücher, vollkommen neue Themenstellungen. Blumenberg war, als wir vor 40, 45 Jahren in Münster Philosophie studierten, eine Legende. Sich durch Münster bewegend, auf das Schloss und den Hörsaal zu, sahen ihm seine Studenten, darunter seine Schüler nach, auch wie unansprechbar er war. Seine Freitagsspätnachmittagsvorlesungen waren umraunt, zumal im WS, wenn sie von der Dämmerung in die Dunkelheit kippten. Uwe Wolff, Anfang der 80er Jahre ein Begriff in Münster, erinnert sich in einem sehr eigenwilligen Buch an „unwiederbringliche Ereignisse“. Gesegnet durch ein Geschenk, den Schreibtisch des Philosophen Hans Blumenberg, ließ sich Wolff an diesem inspirieren, als Kulturwissenschaftler, als Engelforscher.

Wolff, mit Blumenberg eng in Kontakt wie wohl nur sehr wenige Menschen, debütierte im Alter von 27 Jahren mit dem Roman „Papa Faust“. Nicht der Theologiestudent, der Jungautor schien uns zu sehr über Wasser zu wandeln, so dass sich eine Nähe zu uns, die wir als Stadtindianer auf Kriegsfuß zu der geistig-moralischen Wende Helmut Kohls standen, nicht einstellen mochte. Jetzt von Wolff ein Porträt, geschult durch den Romancier (ein Mann mit „Hitze im Leib“). Wolffs Essay über Blumenberg ist zunächst eine beschwingte Skizze, bis sie den Agnostiker sehr christlich liest, nicht zuletzt ideologisch, indem sie ihn auch neokonservativ verortet. Feinsinnig das Präludium aus einem „Kompetenzzentrum“. In den Vorlesungen dieses Ausnahmekönners, so äußerst anspruchsvoll und gelegentlich unergründlich sie waren, ging es nie ab ohne Humor. War ihnen doch überhaupt eine „Aura aus Messe und Happening“ (Wolff) eigen, in der sich „Weihe und Witz zu höherer Heiterkeit verbanden“. Wozu es nicht kam: zu Kontroversen. Denn Blumenberg verbat sich Rückfragen, also das Gespräch.

Der einsame Denker Blumenberg

Der Rückzug aus der Universität, der Weg nach Altenberge, in die Abgeschiedenheit, war kein Umweg mehr. Es war der Eintritt in eine Höhle ohne Höhlenausgang. Blumenberg, der Eremit von Altenberge – so beschrieben auch in dem Roman Sibylle Lewitscharoffs: ein „zurückgezogener Philosoph aus Münster, (…) der sehnsüchtig darauf wartete, dass einer käme und mit einem Tatzenschlag den Weltzusammenhang wiederherstellte“. Nein, darauf wartete er eben nicht mehr. Man lese nur seine „Matthäuspassion“ über die auf Golgatha durch Gott preisgegebene Schöpfung.

Von Franz Josef Wetz stammt die erste systematische Beschäftigung mit dem Werk des „illusionslosen Aufklärers mit nüchterner Verlustempfindlichkeit“, auch ein Dokumentarfilm. Jetzt in einer Neuauflage seines Buchs bezeichnet Wetz das, worauf sich Blumenberg in seiner „privaten Klause“ einließ, als dreifache Abgeschiedenheit: als soziale, räumliche, nicht zuletzt zeitliche. Der Tag wurde ihm zur Nacht. Bündig das Bonmot Odo Marquards: Blumenberg habe „die Klingel abgestellt“.

Der einsame Denker Blumenberg fühlte sich missachtet, nicht nur vom akademischen Betrieb, der akademischen Philosophie, auch von Vertrauten in Redaktionen einiger Zeitungen und Zeitschriften. Rüdiger Zill hat das Drama rekonstruiert: Missverständnisse, Enttäuschungen, Zerwürfnisse. Eine unbeschwerte Zeit hatte er wohl nur in Gießen, woran Ferdinand Fellmann erinnerte, der zum Kreis der Vertrauten gehörte, mit dicken Zigarren, Likör, bei nicht etwa philosophischen Gesprächen, sondern solchen über Autos oder die Märklin-Eisenbahn – denn „Blumenberg war ein Technikfan“.

Blumenberg, dem solche Auskünfte als unzulässige Eitelkeit widerstrebt hätten, verstand sich auf ein virtuoses Vexierspiel des „Verbergens und Entbergens“, wie Goldstein schreibt, „ein Wechselspiel von persönlicher Unnahbarkeit und philosophischer Präsenz“. Ferdinand Fellmann, enorm präsent, wenn er in einer grünen US-Kampfjacke im Schloss zu Münster Marxismus und Existenzialismus kurzschloss, so dass es knisterte und funkte, sah in diesem Wechselspiel einen Grund für die Mythenbildung Blumenbergs.

Hans Blumenberg sah seinem Tod entgegen

Keine Interviews, keine Talkshows. Sichtbarkeit sei etwas, was den Menschen unmittelbar verletzbar mache. Diese anthropologische Disposition des Menschen nahm der Zeitgenosse Blumenberg auf radikale Weise ernst. Zum Realismus des Realisten Blumenberg gehörte, sich die Wirklichkeiten auf Distanz zu halten. Realismus als ein Prinzip, zur Realität Distanz aufzunehmen. Die Übermacht der Wirklichkeit, der „Absolutismus der Wirklichkeit“ (Blumenberg), einer angstmachenden, rücksichtslosen und unzuverlässigen Wirklichkeit, verlangt nach Strategien. Es bedarf der Kulturleistungen, und unter ihnen ist es der Mythos, der eine Bewältigungsstrategie darstellt. Mythen sind alles andere als so unvernünftig, wie sie der Logos dargestellt hat, trotz aller Aufklärung haben sie ihren Eigensinn als Strategien humaner Selbstbehauptung.

Hans Blumenberg sah seinem Tod am 28. März 1996 seit Monaten entgegen, auch wegen eines schweren Schlaganfalls, den er überlebt hatte wie durch ein Wunder. Hans Blumenberg starb, indem er sich von seiner Frau verabschiedete, ins Schlafzimmer ging, die Tür hinter sich schloss, schließlich zusammengesunken auf dem Bett vorgefunden wurde. Rüdiger Zill gibt das auf eine denkbar erschütternde Weise wieder: nüchtern. Seine Asche ließ Hans Blumenberg in der Kieler Bucht ausstreuen, seinen Nachlass betreut das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar, sein Gesamtwerk der Suhrkamp Verlag. Es kreist um den aufwendigsten aller humanen Gedanken: Erkenne dich selbst.

Mit dem Einbruch des vormaligen, des vormodernen Himmels ging auch der Absturz des Glaubens einher. Die so überschwänglichen wie maßlosen Sinnentwürfe der Theologie und der Metaphysik haben eine gnadenlose Leerstelle hinterlassen. Dennoch hat der Mensch des nachmetaphysischen Zeitalters nicht von den großen (metaphysischen) Fragen abgelassen. Den Verlust der alles überwölbenden Entwürfe auf schwankendem Boden bedenkend, hat Blumenbergs gelassene Skepsis Trauerarbeit über das unwiederbringlich Verlorene geleistet: einen Sinn, trotzdem.

Sein Sinnbedürfnis hat sich nicht abstellen lassen, so wenig wie seine Selbstsorge – angesprochen etwa in seiner Darmstädter Rede, als er 1980 den Sigmund-Freud-Preis entgegennahm. Verborgen in einem Jahrbuch seine ungemein lapidare Bilanz: „Woran wir sind“.

Hans Blumenberg ließ nicht ab von den großen, den letzten Fragen, die am Ende die ersten sind. Hans Blumenbergs Denken macht nachdenklich. Seine Nachdenklichkeit, die unser Universum entziffert hat, glaubte nicht an den Himmel. Seine Nachdenklichkeit aber ist das Geschenk eines Horizonts, der sich dann auftut, wenn man nicht resigniert.

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