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Woody Allen, hier 2005 bei einem Konzert in Istanbul. 

Woody Allen

Schuleschwänzen im Museum

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Woody Allens Autobiografie begeistert mit vielfarbigen Erinnerungen an das jüdische Brooklyn. 

Was ist von einem Buch zu erwarten, dessen Autor sich früh als das Gegenteil einer Leseratte outet? „Ich schäme mich nicht, das zuzugeben, ich las nicht gern“, bekennt Woody Allen. „Im Gegensatz zu meiner Schwester war ich ein Faulpelz, hatte ich keinen Spaß an Büchern. Wieso auch? Radio und Kino waren doch viel spannender. Und als die Schule später mit Shakespeare ankam, trichterten sie uns den auf eine Weise ein, dass man sein Lebtag nichts mehr von Nachtigallen, Lerchen oder Dänemark hören wollte.“

Nun erwartet man von Autobiografien bekannter Künstler auch nicht unbedingt, dass sie in die Literaturgeschichte eingehen werden wie die Memoiren des Casanova. Woody Allens Erinnerungen erscheinen mit ihren 448 Seiten auch nicht eben episch, gemessen am Anekdotenschatz, den fast siebzig Jahre im Showgeschäft hervorbringen sollten. Aber dafür sind sie wohl auch nicht irgendeinem Sekretär diktiert, sondern entstammen derselben alten Schreibmaschine, auf welcher der 84-Jährige bis vor kurzem Jahr für Jahr mindestens ein verfilmbares Drehbuch geschrieben hat.

Erst das neuerliche mediale Interesse an den von seiner Tochter Dylan vorgebrachten Missbrauchsvorwürfen hat diesen Fluss zwischenzeitlich zum Erliegen gebracht. In den USA gilt Allen als kaum noch vermarktbar, oder vielleicht sollte man sagen, galt: In der Beststellerliste des Versandhauses Amazon, desselben Konzerns, der den Vertrag über mehrere Spielfilme mit ihm aufkündigte, schoss das am 23. März unangekündigt als E-Book erschienene Buch schnell auf den Spitzenplatz in der Kategorie „Prominentenbiografien“.

Kurzfristig erwarb der New Yorker Arcade-Verlag die Rechte, nachdem Hachette sie nach Protesten an Allen zurückgegeben hatte. Zur Erinnerung: Dylan behauptet, Allen habe sie 1992 als Siebenjährige missbraucht. Ihr damals ebenfalls anwesender, sieben Jahre älterer Stiefbruder Moses schließt dagegen aus, dass etwas passiert sein könnte. Umfassende gerichtliche Untersuchungen kamen zu demselben Ergebnis.

Bereits vor einigen Tagen wurde bekannt, dass Allen die von ihm stets bestrittenen Vorwürfe im Buch nicht ausklammert. Vom heutigen Samstag an liegt nun auch die gedruckte Ausgabe vor, und Neugierige blättern für seine Sicht der Dinge gleich vor bis ins letzte Viertel.

Ganz nebenbei. Autobiographie. Dt. v. H. Kober, J. Schönherr, S. Jacobs, A. O’Brien. Rowohlt 2020. 448 S., 25 Euro.

Seine Schilderung jener Party in Mia Farrows Haus in Connecticut, bei der er – stets in Anwesenheit anderer Gäste – Zeit mit seinen Kindern verbrachte, deckt sich mit den Erinnerungen, die Moses auf seiner Webseite veröffentlicht hat. Allerdings sind sie eingebunden in eine Darstellung des Sorgerechtsstreits mit Mia Farrow, in die Allen wie in einer Parallelmontage seiner Filme den Beginn seiner Liebesgeschichte mit Farrows damals 22-jähriger Adoptivtochter Soon-Yi einarbeitet. Ihr hat er das Buch gewidmet.

Farrows Eifersucht erklärt aus Allens Sicht ihre nach seiner Auffassung erfundenen Missbrauchsvorwürfe. Allen kontert sie mit einem Gegenvorwurf: Farrow habe sich noch nackt zu ihrem Sohn Satchel (unter seinem heutigen Namen Ronan Farrow ein Wortführer der Vorwürfe gegen Allen) ins Bett gelegt, als dieser elf war. „Keine Ahnung, wie Anthropologen das finden, aber ich weiß genau, was die Jungs in der Billardhalle dazu sagen würden.“ Der manchmal flapsige Ton wechselt im Buch mit sachlichen Passagen – ein Stilmittel, das dem oft unvermittelten Einbruch des Absurd-Komischen in dramatische Lebensumstände seiner Filmfiguren entspricht. Keine Frage, dass Allen diese für ihn unverschuldete Krise in seinem Leben ähnlich empfindet.

Vielleicht würde auch die Nicht-gerade-Leseratte Woody Allen dem Drang nachgeben, dieses Buch von hinten aufzublättern, aber Druckwerke beginnen nun einmal auf Seite eins und Biografien in der Kindheit. Allens vielfarbige Darstellungen einer Jugend im jüdischen Immigrantenmilieu des heute versunkenen Brooklyn der 30er und 40er Jahre haben tatsächlich literarischen Rang. Man wundert sich nicht, dass sie in einem billigen Nachbarschaftskino ihren maßgeblichen Spielort findet.

Allens Cousine Rita gebührt das Verdienst, Allen zu einem Kinosüchtigen zu erziehen. Wohin immer sie ihn mitschleppte – und es waren anscheinend nahezu alle heute klassischen Filme des Hollywood der frühen 40er Jahre –, besonders gefielen ihm jene glamourösen Screwball Comedies, die er „Champagner-Komödien“ nennt – vermutlich um nicht in die Terminologie der Filmkritiker zu verfallen: „Die Wohnungen waren groß, meist Maisonettes, und luftig eingerichtet. Beim Eintreten ging man fast immer gleich zu einer kleinen, praktischen Hausbar, um sich oder seinem Gast aus einer Karaffe einzuschenken. Alle pichelten ununterbrochen, aber kotzen musste nie einer. Niemand hatte Krebs, es regnete nie durchs Penthouse-Dach.“

Allens frühe Kindheit ist so glücklich, seine Eltern so liebevoll, dass er sich heute fragt, wie aus ihm nur so ein Neurotiker werden konnte. Der reich gewordene Großvater verlor sein gewaltiges Vermögen 1929 beim Börsencrash, und ließ sich ebenso wenig unterkriegen wie sein Sohn, Allens Vater, ein Lebenskünstler, der sich in verschiedensten Berufen versuchte.

Zwei ausgesprochen nützliche Dinge habe er von seinen Eltern gelernt: „Von meinem Vater: Wenn du am Kiosk eine Zeitung kaufst, nimm nie die oberste. Von meiner Mutter: Das Etikett gehört nach hinten.“ Andere würden es pathetischer formulieren, aber die Unbeschwertheit seiner Kindheit erscheint dem 1935 geborenen Woody Allen einfach als unverschämtes Glück: „Fünftausend Kilometer weiter, in Europa, werden unterdessen Juden ohne jeden Grund erschossen und vergast, von ganz normalen Deutschen, die das genüsslich tun und auf dem ganzen Kontinent dabei mühelos willige Helfer finden.“

Auch das macht einen großen Autor aus: Seitenlang von sich erzählen zu können – und dann die Menschheitstragödie in einem Satz auf den Punkt zu bringen. Glaubt man Woody Allen, hat sich in jenen zehn Jahren zwischen Geburt und Kriegsende bereits sein urbanes Lebensgefühl derart geformt, dass er sich nie für etwas anderes begeistern wird als für die Abenteuer der Großstadt: „Wenn meine Figuren aufwachen, gleitet der Vorhang im Schlafzimmer zur Seite und gibt den Blick frei auf New York mit seinen Hochhäusern und all den aufregenden Möglichkeiten.“

Sein mit hundert Jahren verstorbener Vater habe in seinem Leben nie ein Theater oder ein Museum besucht. Allen selbst entdeckt die Welt der Kunst auf eigene Faust als Teenager. „Klar, irgendwann hauten mich auch Cézannes fleischige Äpfel und Pissarros verregnete Pariser Boulevards von den Socken, aber eben nur, weil ich die Schule schwänzte und an verschneiten Wintervormittagen ins Warme wollte. Mit fünfzehn hatten sie mich dann aber am Haken, Matisse und Chagall, Nolde, Kirchner und Schmidt-Rotluff, ,Guernica‘ und der wilde, wandbreite Jackson Pollock …“

Moment mal: Als Woody Allen 15 war, malte Pollock gerade erst das von ihm zitierte Gemälde „Number 31“, ins MoMa kam es 1968. Hoffen wir, dass er sich an andere Dinge besser erinnert …

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