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Auch das Ewiggestrige zeigt Präsenz: Veteran des Zweiten Weltkriegs vor dem Stalin-Denkmal in dessen Heimatort Gori.

Buchmesse Frankfurt

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Georgiens Literatur präsentiert sich modern, lebendig, kritisch.

Es gibt wahrscheinlich kein anderes Land, das seine Sprache in dieser Form zum Gegenstand öffentlicher Verehrung gemacht hat. In der georgischen Hauptstadt Tiflis steht ein Denkmal für den Tag der Muttersprache, das an das Datum erinnert, an dem die sowjetische Führung das Georgische durch das Russische als Amtssprache ersetzen wollte, das war am 14. April 1979. Es kam zu Aufständen, die mehrere Tage dauerten, die Georgier behielten die Oberhand. Auch das Motto, das das Land für seinen Auftritt in Frankfurt gewählt hat, weist ja auf die besondere Bedeutung der Sprache hin: „Georgia – made by characters“, wobei characters sich auch auf Buchstaben beziehen kann. Sprache ist hier nationale und kulturelle Identität.

In Vorbereitung auf die Buchmesse hat das Land die ungeheure Anstrengung unternommen, fast 200 Titel übersetzen zu lassen, so dass man sich zum ersten Mal ein umfassendes Bild von der zeitgenössischen Literatur dieses Landes machen kann. Die in Hamburg lebende und auf Deutsch schreibende georgische Schriftstellerin Nino Haratischwili sagte in einer Botschaft, sie wünsche sich, dass „sich Georgien in Frankfurt in all seinen Widersprüchen und all seinen Extremen zeigt, in all seinen Fehlern und all seiner Pracht“. Es ist gelungen. Modern, lebendig und kritisch zeigt sich diese Literatur.

Mitten in ein vergiftetes Land führt Davit Gabunias Buch „Farben der Nacht“ (siehe Interview in der Literatur-Rundschau vom 9. Oktober). Der 1982 geborene Autor variiert das Fenster-zum-Hof-Thema. So spannend, wie sein Roman daherkommt, jubelt der Autor einem doch wie nebenbei die schweren Themen der Politik und des gesellschaftlichen Umbruchs unter. Die Handlung spielt 2012, zur Zeit der großen Demonstrationen auf den Straßen von Tiflis, die schließlich zu einem Regierungswechsel führten. Doch die Protagonisten demonstrieren nicht mit.

Im Mittelpunkt stehen ein arbeitsloser Familienvater und eine Liebesbeziehung zwischen zwei Männern. Und schon das ist ein Statement in diesem homophoben Land, das mit seinen Geschlechterrollen kämpft, der traditionellen Männlichkeit, die nicht mehr zur Gegenwart passt und doch nicht vergehen will.

Der wichtigste Akt im letzten Kapitel und das ist kein Spoiler: Ein Mann beschließt, die Lichter in seiner Wohnung anzulassen. Er will sichtbar sein.

Auch Lasha Bugadzes verrückte Satire „Der erste Russe“ kreist um die jüngere Vergangenheit. Er verarbeitet darin einen Literaturskandal, den er mit 23 Jahren selbst verursacht hat, mit einer Kurzgeschichte über die georgische Königin Tamar aus dem 13. Jahrhundert und ihren perversen russischen Mann, sozusagen der Beginn der tragischen Geschichte der georgisch-russischen Beziehungen. Seine Großmutter, mit der er damals zusammenlebt, weckt ihn eines morgens mit den Worten, im Parlament werde über ihn diskutiert. Der georgische Patriarch droht damit, über ihn den Bann zu sprechen, sollte er sich nicht entschuldigen.

Das Buch spielt im Jahr 2002, kurz vor der Rosenrevolution, die zum Rücktritt von Präsident Eduard Schewardnadse führte. Es geht um Macht und Machtmissbrauch in Politik, den Medien und der Kirche, und auf die Frage, wie aktuell das alles noch sei, antwortete Lasha Bugadze neulich, dass es zwar keine Zensur in Georgien gebe. „Aber die Kirche hat noch immer große Macht und es wird noch immer Macht missbraucht.“

Als Beispiel führte er das Schicksal des Dichters Zviad Ratiani an, 47 Jahre alt, der vergangenen Winter von Polizisten auf der Straße angehalten wurde: Was für eine schwule Jacke er da trage. Es war eine orangefarbene Winterjacke. Nach einem Wortwechsel schlugen die Polizisten Ratiani zusammen, es wurden mehr als 40 Verletzungen an seinem Körper gezählt, er saß ein paar Tage im Gefängnis und wurde später zu einer Geldstrafe verurteilt. Auch das ist Georgien.

Von diesem Dichter, der Ezra Pound, T. S. Eliot und Paul Celan ins Georgische übertragen hat, und der als Fernmeldetechniker arbeitete, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, liegt jetzt der erste Gedichtband auf Deutsch vor. In „Requiem für die Lebenden“ liest man packende, melancholische Verse, die sich direkt an einen zu wenden scheinen. „Ich wache oft in dem Abgrund auf, in den ich im Traum fiel“, schreibt Zviad Ratiani.

In die Sowjetzeit nimmt einen Lewan Berdsenischwilis Buch „Heiliges Dunkel“ mit. „Die letzten Tage im Gulag“ heißt es im Untertitel und dort spielt es auch. Berdsenischwili kam als politischer Häftling in den Gulag, der Altphilologe hatte Anfang der 80er Jahre die bis heute bestehende Republikanische Partei gegründet, die sich damals für die Unabhängigkeit des Landes einsetzte. Der Autor hat die Fähigkeit, sein Schicksal gegen den Strich zu bürsten. Er habe im Straflager von Baraschewo die drei besten Jahre seines Lebens verbracht, schreibt er. „Nie wieder habe ich mich später unter Menschen befunden, die der KGB so sorgfältig ausgesucht hat.“ Vierzehn von ihnen ist sein Buch gewidmet. Und aus jedem Kapitel spricht die Gelehrtheit, Klugheit und der Humor des Autors. Seine Sprache ist wie eine Waffe, die sich der Geschichte der Unterdrückung entgegenstellt.

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