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Ottessa Moshfegh schreibt zum Thema „What shall we do with the drunken sailor“?
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Ottessa Moshfegh schreibt zum Thema „What shall we do with the drunken sailor“?

Ottessa Moshfegh „McGlue“

Sie wollen sich ruinieren

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Ottessa Moshfeghs sprachmächtiger, dunkler Trinker-Monolog „McGlue“.

Als Motto führt ein Zitat von Ralph Waldo Emerson aus dem Jahr 1867 den Debütroman Ottessa Moshfeghs an: „Die jungen Männer werden mit Messern in den Köpfen geboren.“ Und wenn zwei junge Männer mit Messer im Kopf aufeinander treffen, so könnte man ergänzen, werden sie sich irgendwann nicht mehr nur selbst, sondern auch gegenseitig verletzen.

Nach seinem Sprecher (einen Erzähler möchte man ihn eigentlich nicht nennen, dazu gleich mehr) ist der 2014 in den USA erschienene Kurzroman „McGlue“ betitelt. Ottessa Moshfegh, geboren 1981 in Boston, hat zuvor vor allem Kurzgeschichten veröffentlicht, unter anderem im Magazin „New Yorker“ und der „Paris Review“. Die Tour de Force dieses kleinen Romans hat die Tochter einer kroatischen Mutter, eines iranischen Vaters in ihrer Heimat zügig bekannt gemacht. Denn sie schlüpfte dafür in die wirren, wilden Gedanken eines jungen Seemanns, der im Jahr 1851 unter Deck eingesperrt ist, weil er seinen besten, eigentlich seinen einzigen Freund getötet haben soll.

Nur kann er sich an nichts erinnern. Schon seit Jahren trinkt McGlue mehr, als einen Menschen alt werden lässt. Vor Jahren ist er außerdem auf den Kopf gefallen, als er aus einem fahrenden Zug sprang. Nun galoppieren seine Gedanken, sind ständig auf der Flucht. Brechen ab und rennen, stolpern wieder los. Überschlagen sich. Dieser Ich-Erzähler bekommt nur noch einen Flickenteppich von Geschichte zusammen, einen intensiv löchrigen noch dazu.

Schließlich wird das dazu führen, dass trotz aller Bewunderung für die Sprachmacht und den Formwillen Ottessa Moshfeghs ein seltsamer Abstand bleibt zu ihrer Figur. Der Leser fällt hinein in Leerstelle um Leerstelle; und selten wird ihm ein Stöckchen gereicht, damit er sich wieder ein Stück herausziehen kann.

Das Skelett der Geschichte ist wohl dies: Der junge Johnson rettet den 15-jährigen McGlue vor dem Erfrieren, rettet ihn ein weiteres Mal, besorgt ihnen Anstellung auf Handelsschiffen, bezahlt den Alkohol und die Frauen, obwohl das mit den Frauen so wenig wird, dass man durchaus geneigt sein kann, auf ein gewisses Interesse der beiden jungen Männer aneinander zu schließen.

Am Ende erinnert sich McGlue an ein „Lebwohl“ und an Küsse („und ich schmiere meinen blutigen Mund auf seinen“). Aber er halluziniert auch immer wieder, wie Johnson ihn besucht, im Bauch des Schiffes, im Knast, wo er auf seine Verhandlung wartet. Aber Johnson ist tot, so viel steht fest.

Die beiden hatten sich gefunden in ihrer Todessehnsucht und Lebensverachtung. Der eine, Johnson, aus gutem Hause, wie man sagt, aber seinen Vater hassend (warum, wird nie erklärt). „Auf die Frage, was er mit seinem Leben anfangen wolle, wählte er den stinkendsten Pfad, er wollte sich und sein Leben ruinieren.“ Der andere, McGlue, aufgewachsen mit schwindsüchtiger Schwester und im dreckigen Haus seiner Mutter: „Immer kippte etwas um, und von unten her kam das Wasser durch den Boden.“ Johnson lernt von McGlue, auf die Welt zu scheißen. McGlue bekommt von Johnson die Flaschen bezahlt. Das kann, das wird nicht gutgehen.

Aus Erinnerungsfetzen, Schmerz und Säufer-Halluzinationen baut Ottessa Moshfegh ihren Text. McGlue macht in der Haft noch kaputter, was ihn kaputt macht und schlägt seinen Kopf gegen die Wand, gegen den Boden, bis er wieder blutet. What shall we do with the drunken sailor? In diesem Roman hat er sich längst selbst in einen dunklen Mahlstrom gestürzt, aus dem es garantiert keine Rettung gibt.

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