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Das wollen die Leute

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Gabriele Tergit im Jahr 1926.
Gabriele Tergit im Jahr 1926. © Jens Brüning

Nämlich „Tempo, Schlagzeile, Sensation, Amüsement“: Gabriele Tergits weiterhin topaktueller und sehr unterhaltsamer und äußerst gewitzter Kulturredaktions- und Gesellschaftsroman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“.

Von Dorothee Wahl

Vor 85 Jahren erschienen und immer noch hochaktuell: Die Gesellschaftssatire „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ von Gabriele Tergit ist jetzt wieder aufgelegt worden. Die Autorin, 1894 in Berlin als Elise Hirschmann geboren, war eine bekannte Journalistin und eine der ersten deutschen Gerichtsreporterinnen. Sie arbeitete in der Redaktion des „Berliner Tageblatts“ und schrieb ab 1928 zudem Artikel für die „Weltbühne“. Ihr erster Roman „Käsebier erobert den Kurfürstendamm“ erschien 1931, war ein Erfolg und wurde als „Der beste Zeitroman“ in der Presse gewürdigt.

„Eine Satire auf den Betrieb“ wollte sie schreiben – und so wird der Ausgangspunkt der Geschichte das Arbeitsumfeld der Autorin: Die Kulturredaktion einer Berliner Tageszeitung. Mit dem Dilemma, was denn nun als Aufmacher gebracht werden soll, beginnt der Roman. Immer wieder geht es um die Entscheidung zwischen Boulevard- und Qualitätsjournalismus. Die Autorin beleuchtet in wunderbar ironischen und pointenreichen Dialogen das Innenleben der Tageszeitung und der Berliner Gesellschaft: „Mit Geist lockt man keinen Hund vom Ofen. Wer will Geist? Tempo, Schlagzeile, Sensation, das wollen die Leute. Amüsement.“

Mit Käsebier-Füllfederhalter

Die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang des Sängers Georg Käsebier ist der Boden für eine weitgreifende Gesellschaftskritik. Profitgier und Eitelkeit des Reporters Frächter lösen einen Hype um den mittelklassigen Volkssänger Käsebier aus, der zum Medienstar gepuscht wird. Ganz Berlin hört über Nacht seine Lieder, das Merchandising stürzt sich auf das neue Produkt „Käsebier“, angefangen bei Gummipuppen, bis zu Käsebier-Schuhen, -Füllfederhalter oder -Zigaretten. Letztlich soll ihm ein Theater auf dem Kurfürstendamm gebaut werden, womit nun auch die Spekulanten, Bauunternehmer und das Bankhaus in den Strudel gezogen werden – aber der eigentliche Mensch Käsebier ist für die Medien uninteressant. Er bleibt eine Metapher für die Oberflächlichkeit unserer Zeit.

Zum Schluss fällt nicht nur Käsebier ins Bodenlose, sondern auch die Mitläufer wie der Inhaber des alten Bankhauses Muschler & Sohn und mit ihm die kleinen Kapitalanleger.

Auf jedes der unterschiedlichsten Einzelschicksale geht die Autorin mit Empathie und gleichzeitig mit nötiger Distanz ein. Gabriele Tergits Kollege, der Jurist und Journalist Rudolf Olden, ein früher Warner vor dem Nationalsozialismus, beschrieb den humoristischen Schreibstil der Autorin, mit dem die so unterschiedlichen Charaktere lebendig werden: „Es ist etwas ganz Großes darin: dass es uns über unser Elend lachen macht oder wenigstens lächeln. Ach, das ist wahrhaftig selten, dass man das findet: Lachen im Elend des Zugrundegehens.“

Das drohende Ende der Demokratie wird schon zu Beginn im Roman angekündigt: „Heute sah’s böse aus im Reichstag. Ich glaube die Regierung fällt, es kommen die Rechten. Passen Sie auf, die bewilligen dann alle Steuern, über die sie bei den Linken geschrien haben, andere als Parteifreunde kriegen keine Arbeit, Pogrome, Todesurteile und Bürgerkrieg ... wir können einpacken.“

Zentral ist das Resümee zweier Redakteure: „Der Erfolg ist eine Sache der Suggestion und nicht der Leistung.“ – „Dieser einzige Satz erklärt den ganzen Faschismus, ihr seid feige Sklaven, ihr braucht Autorität.“

Das Besondere an diesem Roman ist gleichwohl seine zeitlose Aktualität: Das Inszenieren eines vermeintlichen Stars, die Skrupellosigkeit der Spekulanten, die Macht der Baukonzerne und der Banken, das Schicksal der Menschen ohne Lobby, die ungewisse Zukunft der Zeitungen, die Autoritätshörigkeit in Zeiten der Unsicherheit – alles Themen, die auch heute gegenwärtig sind.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war Gabriele Tergit als Jüdin und kritische Journalistin doppelt gefährdet. Gerade noch rechtzeitig flüchtete sie am 4. März 1933 in die Tschechoslowakei, dann nach Palästina.

1938 zog sie nach London und arbeitete dort von 1952 an als Sekretärin des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland. 1982 starb sie in London. Es ist dem Schöffling Verlag hoch anzurechnen, dass er sie in Erinnerung ruft.

Gabriele Tergit: Käsebier erobert den Kurfürstendamm. Roman. Schöffling & Co, Frankfurt a. M. 2016. 400 Seiten, 24,95 Euro.

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