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Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen - Damals im Café Laumer

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Von: Arno Widmann

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Bockenheimer Landstraße 67, Jahrzehnte später.
Bockenheimer Landstraße 67, Jahrzehnte später. © michael schick

Wolfgang Martynkewicz sieht dem Weltgeist in Frankfurt beim Zermalmen von Ideen und Engadiner Nusstorte zu.

Sie suchen nach einem Geschenk für Ihre Freundin, die sich für die Geschichte der Kritischen Theorie, der Frankfurter Schule interessiert? Sie müssen nicht weiterlesen. Das Buch, auf das ich hier hinweise, ist das ideale Geschenk für diese Freundin.

Wolfgang Martynkewicz’ „Das Café der trunkenen Philosophen“ erzählt davon, wie in den letzten Jahren der Weimarer Republik in Frankfurt am Main Horkheimer und Adorno, Karl Mannheim und Norbert Elias, Paul Tillich, Hannah Arendt und Günther Anders, Erich Fromm und Gisela Freund aufeinanderstießen und mit- und gegeneinander ihre Ansichten über die Welt entwickelten. Der Teilchenbeschleuniger, in dem sie ihre Ideen erhitzten und zertrümmerten, war das Café Laumer an der Bockenheimer Landstraße. Oder auch die Partys der Tillichs, der Frankfurter Industriellen- und Bankenwelt.

Die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität war im Oktober 1914 gegründet worden. Nicht vom Staat, sondern von der Bürgerschaft. Das machte aus ihr eine gesellschaftliche Institution. Die Menschen in der Stadt wollten wissen, was an ihrer Universität geschah, und manche Vorlesungen wurden frequentiert wie Konzerte oder Opernpremieren.

Martynkewicz ist ein Erzähler. Er entfaltet seine Story. Er nimmt Leserin und Leser mit in die Salons und in die Hörsäle, in die Gespräche von Feinden und Liebenden. Immer wieder sind wir bei Szenen dabei, die sich so, wie er sie schildert, an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt exakt abgespielt haben – wenn die überlieferten Protokolle nicht lügen. Oder aber – und Martynkewicz weist uns jeweils darauf hin -, sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit so stattgefunden haben.

Die Gedanken mögen frei sein, aber sie entstehen in bestimmten Konstellationen, sind Produkte beschreibbarer Umstände, nicht nur die anderer Gedanken. Das ist das Credo des Erzählers Martynkewicz, das Credo eines jeden Erzählers. Aber es ist auch die heftig umstrittene Theorie eines der Protagonisten der Auseinandersetzungen, über die Martynkewicz schreibt.

Karl Mannheim (geboren 1893 in Budapest, gestorben 1947 in London) hatte im September 1928 auf dem Soziologentag in Zürich Furore gemacht: In einem Vortrag vertrat er die Auffassung, es gebe kein standortunabhängiges Wissen und Erkennen. Der Erkenntnisfortschritt folge nicht immanenten Gesetzen, sondern hänge von außertheoretischen Faktoren ab. Martynkewicz erzählt nicht nur, wie Mannheim Rechte und Linke damit verärgerte, er erzählt auch, wie der Ungarnflüchtling seinen Blick von außen als Korrektur der Standortgebundenheit der Ansässigen zu betrachten lernte.

Martynkewicz ist ein großartiger Geschichtenerzähler, dem ich verfalle, wenn er etwa von dem Küsterhäuschen am Mainufer berichtet, in dem Hannah Arendt und ihr Ehemann Günther Stern (Anders) beisammen saßen und Arendts Dissertation über den „Liebesbegriff bei Augustin“ für den Druck bearbeiteten. Entstand hier auch ihr gemeinsamer Text über Rilkes Duineser Elegien?

Natürlich war das Café Laumer nicht nur ein Teilchenbeschleuniger für Ideen, sondern auch ein Intrigantenstadl. Wer Lust auf Verschwörungstheorien hat, der kann zuschauen, wie Adorno Marcuse – natürlich hinter dessen Rücken – einen Faschisten nennt. Transparenz gehörte nicht zu den Frankfurter Tugenden. Das macht einen wie alles Menschliche-Allzumenschliche – je nach Temperament – tieftraurig, oder aber es belustigt einen.

Das Buch

Wolfgang Martynkewicz: Das Café der trunkenen Philosophen: Wie Hannah Arendt, Adorno & Co. das Denken revolutionierten. Aufbau. 522 S., 30 Euro.

Wirklich ergreifend jedoch sind die Versuche von Martynkewiczs Helden, ihre Welt zu begreifen. Jeder hat seinen eigenen Zugang. Jeder zaudert selten, ihn an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie alle haben ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und die feste Überzeugung, der Welt etwas zu sagen zu haben. Aber auf Seite 312 schreibt Martynkewicz: „Keiner der Intellektuellen, von denen hier erzählt wird, hat die Machtübertragung an die Nationalsozialisten als geschichtliche Zäsur empfunden. In keinem Werk ist sie zunächst in systematischer Weise zum Thema geworden, nicht bis Ende der dreißiger Jahre ... .“

Wer Martynkewicz liest, weiß an dieser Stelle schon den Grund dafür. Viele Intellektuelle hatten die Diktatur bereits eingepreist in ihre Theorien. Deutschland war 1933 – man übersieht das heute gerne – umgeben von Diktaturen der einen oder der anderen Art. Der Weltkrieg hatte die alten Ordnungen zerstört. Die aus ihnen entlassenen Massen schienen sich überall mehr nach Diktaturen als nach Demokratien zu sehnen.

Die Republik war zwar das Lebenselement der von Martynkewicz dargestellten Intellektuellenkreise, niemals aber ihr Ideal gewesen. Der religiöse Sozialist Paul Tillich (1886-1965) wollte 1933 „Die sozialistische Entscheidung“ veröffentlichen. Ein Plädoyer für das Zusammengehen linker Nationalsozialisten mit der radikalen Linken. Die Gegner der Weimarer Republik sollten sich zusammentun für ein neues Projekt. An die Verteidigung der Republik dachte auch Tillich nicht.

Die Kritische Theorie war viel zu fest davon überzeugt, dass der Kapitalismus in den Faschismus führe, als dass sie sich zu seiner Verteidigung hätte aufschwingen können. Adorno erklärte Horkheimer noch im Sommer 1936: „Man wird ja endlich doch das Faschismusproblem in Angriff nehmen müssen und dabei stellt sich sogleich das Problem der sozialpsychologischen ‚Vermittlung‘. Die lässt sich aber an einem scheinbar ‚harmlosen‘ Modell studieren, nämlich der Reklame.“

Der Faschismus auf den Begriff gebracht heißt Reklame. Vielleicht ist es so. Dann ist es aber auch dem Begriff gleichgültig, ob Millionen Menschen vergnügt sind oder umgebracht werden. Vernichtungs- und Vergnügungsindustrie ist in der black box des Begriffs dasselbe.

Wirklich wurde dieser Wahnsinn, als 1968 diese Begriffe auf die Straße gebracht wurden. Auch von mir.

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