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Wolfgang Krischke: „Was heißt hier Deutsch?“ – Verschlungene Wege der Sprache

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Von: Roland Kaehlbrandt

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Martin Luther, ein „Pöbler vor dem Herrn“.
Martin Luther, ein „Pöbler vor dem Herrn“. © © epd-bild / Stiftung Lutherged

Wolfgang Krischke hat seine Sprachgeschichte überarbeitet und erweitert, es wird immer spannender.

Es ist kein kleines Wunder, dass die deutsche Sprache – anders als das Französische – ohne eine seit Jahrhunderten wirkende zentrale Sprachakademie gleichwohl eine innere Einheit als Hochsprache entwickelt hat, die es uns erlaubt, einander zu verstehen. Aus demselben Grund ist es ein ebensolches Wunder, dass es überhaupt zu einer deutschen Hochsprache gekommen ist.

Die Geschichte der deutschen Sprache ist denn auch verwickelt und verwinkelt, nicht unähnlich der politischen Geschichte Deutschlands und der anderen deutschsprachigen Länder. Es ist eine reichhaltige und im wörtlichen Sinne spannende Geschichte, von der die deutsche Sprachgemeinschaft etwas wissen sollte.

Denn über Jahrhunderte musste das Deutsche seinen steinigen Weg als dialektal geprägte Volkssprache zur Hochsprache aus einer Lage der Zweitklassigkeit zunächst gegenüber dem Latein und später dem Französischen gehen. Wie konnte das gelingen? Das erklärt der Sprachwissenschaftler Wolfgang Krischke in einer erweiterten Neuausgabe seiner gar nicht so „Kleinen Geschichte der deutschen Sprache“ mit dem Haupttitel: „Was heißt hier Deutsch?“

Wer sich für die Geschichte unserer Sprache interessiert, hat eine reiche Auswahl an Werken vor sich: Sie reicht von der mehrbändigen Sprachgeschichte aus der Feder von Peter von Polenz bis zu einer hochverdichteten Fassung des Germanisten Thorsten Roelcke. Krischkes Sprachgeschichte bietet den Vorteil ausführlicher Beschreibung und den Vorzug kleinerer, der Anschaulichkeit dienender Ausflüge in besondere Aspekte der langen Geschichte des Deutschen, ohne je zu lang oder zu detailliert zu wirken.

Im Gegenteil: Das Buch ist in jeder Zeile interessant zu lesen. Es folgt keiner rein chronologischen Abfolge, sondern ist thematisch gegliedert und fächert das jeweilige Thema historisch auf. Wem heute die zunehmende Unsicherheit im Gebrauch von Deklinationen im Deutschen negativ auffällt, der kann sich zunächst in das Kapitel „Deutsch im Formtief“ versenken und sich kopfschüttelnd an den durchaus nicht ohne Sinn für Humor gewählten Beispielen unserer Alltagssprache reiben („das Haus von mein Vater“), bevor deutlich wird, worauf der Autor aus historischer Perspektive hinaus will: Hinter dem „Niedergang der Endungskultur“ liegt nämlich ein viel älterer sprachgeschichtlicher Trend der Vereinfachung und Abschleifung, der bereits im Übergang vom Germanischen zum Althochdeutschen zu verzeichnen ist.

Allerdings werden Vereinfachungen und Abschleifungen an anderer Stelle im System auch wieder ausgeglichen. Krischke zeigt dies anhand des Übergangs von synthetischen Formen, die den Artikel im Nomen einschließen, hin zu den analytischen Formen mit gesonderten Artikeln, die uns geläufig sind und die durch den bestimmten und unbestimmten Artikel nun neue Differenzierungen erlauben. Der Sprachwandel geschieht nicht ersatzlos, sondern in Umwandlungen und in einem Prozess des evolutionären Wandels durch die Jahrhunderte. So wird Grammatik verständlich als geschichtlich gewachsenes System mit eigener Dynamik.

Aber wie schrieb einst der große Philologe Mario Wandruszka? „In unseren Sprachen ist geistige Notwendigkeit und geschichtlicher Zufall.“ Und so tauchen wir in ein anderes reizvolles Kapitel ein, jenes der Hanse und ihrer Sprache, die unsere gemeinsame niederdeutsche Sprache hätte werden können. Man merkt dem Autor hier auf sympathische Weise seine Vorliebe für das Niederdeutsche an, wenn er bedauernd feststellt: „Die Hansesprache hätte das Zeug gehabt, sich dauerhaft als Hochsprache zu etablieren“, und an anderer Stelle beklagt: „Für das Niederdeutsche war die Lutherbibel ein Sargnagel.“

Bis in die frühe Neuzeit hinein gab es in der Tat eine eigene Schriftsprache der Hanse, die in den Kanzleien entwickelt worden war. Aber als die Bibelübersetzung Martin Luthers ihren Siegeszug antrat, war die Blütezeit der Hanse bereits vorüber. Doch erstaunliche Wendung: Die Menschen, die Niederdeutsch sprachen, haben das spätere Hochdeutsche wegen des großen Abstandes zu ihrer eigenen Sprachform im wörtlichen Sinne „buchstäblich“ von der Schriftsprache gelernt. Und so hat sich am Ende dann immerhin die norddeutsche Aussprache durchgesetzt – Ironie der Geschichte!

Krischke beschreibt derartige Wandlungen höchst unterhaltsam und anschaulich, gern auch unter Bezug zur sprachlichen Gegenwart. So rückt er die Drastik Martin Luthers Schimpfkanonaden in einem neu aufgenommenen Unterkapitel („Pöbler vor dem Herrn“) in die Nähe heutiger Shitstorms.

Mitreißend liest sich die Entwicklung des Deutschen von einer Volkssprache mit eingeschränktem Gebrauch hin zu einer Sprache der Literatur, des Rechts und der Wissenschaften, geformt und gefördert durch Sprachgesellschaften und aufklärerische Sprachkultivierer, von Schottel und Thomasius bis zu Gottsched und Adelung wie zu den Brüdern Grimm, „Germanisten der ersten Stunde“, wie Krischke anerkennend schreibt. Es ist begeisternd zu lesen, wie sich das Deutsche aus der Mitte der Gesellschaft ohne große politische Einflussnahme dann schließlich doch zur Hoch- und Kultursprache entwickelt.

Doch auch Skurriles wird geboten: So stöbert Krischke in einem neuen Kapitel Vorläufer der heutigen Leichten Sprache auf, die in der Hochzeit der Plansprachen zu Beginn des letzten Jahrhunderts eigene stark vereinfachende Formen des Deutschen entwickelten, um seinen Weg zur Weltsprache zu begünstigen. Neu aufgenommen wurde auch ein umfangreiches Kapitel zum Gendern. Krischke spricht der Verbreitung des Genderns freilich den evolutionären Charakter des aus dem System der Sprache kommenden Wandels ab: „Hier wandelt sich die Sprache nicht, sondern sie wird gewandelt.“ Sprachgeschichtlich wertet der Verfasser das Gendern besorgt als „einen Eingriff in die Struktur der Sprache, wie es ihn in diesem Ausmaß und mit dieser politischen und administrativen Rückendeckung noch nie gegeben hat.“ Dies sei ein sprachhistorisch einzigartiger Großversuch.

Krischke führt die These von der Macht der Sprache auf eine lange Tradition gerade in Deutschland zurück: auf die deutsche Romantik. Ein interessanter Gedanke: Wäre Sprachkritik eigentlich möglich, wenn wir tatsächlich von der Sprache determiniert wären?

So endet diese Sprachgeschichte des Deutschen, die, ganz gleich, wie man zu diesem strittigen Thema stehen mag, in die Hände aller Sprachinteressierten gehört, dann doch mit einem Schlussakkord in Moll. Die Geschichte des Deutschen geht freilich weiter. Nur wie, das ist offen.

Roland Kaehlbrandt lehrt Sprachwissenschaft mit dem Fokus Sprache und Gesellschaft an der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter.

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