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Schriftsteller Wolfgang Borchert wäre 100 geworden.
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Schriftsteller Wolfgang Borchert wäre 100 geworden.

Zum 100. Wolfgang Borcherts

Wolfgang Borchert: Deutschland lieben wie die Christen ihren Christus

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Der Schriftsteller Wolfgang Borchert – heute, einhundert Jahre nach seiner Geburt – wiedergelesen.

Am 20. Mai 1921 wurde Wolfgang Borchert in Hamburg geboren. Nach der Schule studierte er Schauspiel, war kurz in einem Tourneetheater. 1941 wurde er Soldat, kam an die Ostfront, wurde schwer verwundet, kam wegen „Wehrkraftzersetzung“ ins Gefängnis. Nach dem Krieg versuchte er sich als Schauspieler und Kabarettist, musste aber wieder ins Krankenbett. Dort entstanden zwischen Januar 1946 und September 1947 seine Gedichte und Erzählungen. Damals schrieb er auch innerhalb von nur acht Tagen sein einziges Drama, „Draußen vor der Tür“. Am 13. Februar 1947 wurde es als Hörspiel ausgestrahlt. Am 21. November 1947 folgte die Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen. Am Tag zuvor war Wolfgang Borchert gestorben.

Er wurde einer der berühmtesten deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Für Generationen waren seine Erzählungen und sein Drama nicht nur Schullektüre, sondern auch prägende Leseerlebnisse. Seine bilder- und alliterationsreiche Prosa, ihr von Wiederholungen geprägter Rhythmus findet sich an so unvermuteten Stellen wieder wie in Herbert Reineckers (1914-2007) „Derrick“-Folgen.

Der Verzicht auf Pathos war Borcherts Sache nicht

„Der Mond schwimmt wie ein schmutziges Eigelb in der bickbeerblauen Suppe des Nachthimmels. Er sieht faulig aus und man hat das Gefühl, er müsse stinken.“ So schrieb Borchert. So signalisierte er: Ich bin ein Dichter. Das ist weit entfernt von der demonstrativen Kargheit der Nachkriegslyrik etwa Günter Eichs (1907-1972), dessen für Trümmer- und Kahlschlagliteratur stets herangezogenes Gedicht „Inventur“ so beginnt: „Dies ist meine Mütze,/ dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug / im Beutel aus Leinen.“

Der Verzicht auf Pathos, auf die große Geste war Borcherts Sache nicht. Er zog auf seiner Orgel gerne alle Register: Um uns zu sagen, dass wir nichts sind. „Pusteblumen“ sind wir, die der Wind verweht. Es regiert der Zufall. Immer wieder kommt der Hinweis darauf, dass wir keinen Gott haben, der sich unser annimmt. Das ist keine nüchterne Feststellung bei ihm, sondern Beschwörung eines erlebten Grauens, der grundsätzlichen Verlorenheit des Menschen.

Wolfgang Borchert.

Der Mond ein schmutziges Eigelb – das ist ein Nachklang des Expressionismus, dass er stinkt, könnte so in den Nachkriegsromanen des Curzio Malaparte (1898–1967) stehen, dass der Mensch ein Nichts ist, ein Produkt des Zufalls, dass kein Gott ihm hilft, das ist das Weltgefühl der europäischen Nachkriegszeit. Man findet es in Frankreich und nannte es dort „Existenzialismus“. Borchert hatte keine Zeit mehr, den Zusammenhang zu sehen, in dem er stand.

Wovon Borchert nicht schreibt

Es lohnt sich, ihn heute wieder zu lesen. Vielleicht interessiert heute mehr, wovon er nicht schreibt, als das, worüber er schreibt. Wer sich hineinziehen lässt in seine mäandernden Reflexionen, wer dem Tanzrhythmus seiner Sätze folgt, der erliegt womöglich erst ihrem Sog, den man so lange nicht mehr gespürt hat in der deutschen Literatur. Er wird sich fragen, ob die Behauptung nicht völlig irrig war, die Literatur habe erst einmal zu verzichten auf ihre Zaubermittel und müsse reinen Tisch machen, wenn sie mitgehen wolle in die neue Zeit.

Aber nach einer Weile Borchert-Lektüre stellen sich dem heutigen Leser ganz andere Fragen. Wie spricht der Mann von den Frauen? Sie sind Sehnsuchtsobjekte, feuchte Soldatenträume, Erinnerungen an Beziehungen, die keine waren, an Begegnungen, die Verführungen genannt werden, aber wohl eher Vergewaltigungen waren. Nirgends ein Bedauern darüber. Nirgends wird die eigene Geschichte infrage gestellt. Sie ist so, wie sie ist, und so muss sie akzeptiert werden. Dazu passt „das Mädchen, das eine Kompanie im nächtlichen Park verbrauchte“. Grammatisch bleibt unklar, wer hier wen verbrauchte. Genau darum geht es Borchert. Dieser Unterschied ist gleichgültig.

Es gibt keine Täter bei ihm. Es gibt nur Opfer. Sie sind im Grau der Trümmerlandschaften alle gleich geworden. In einem Artikel über KZ-Literatur schreibt Borchert: „Hatten die Häftlinge Hunger? Den haben wir auch. Häuften sich die Toten vor den Krematorien? Wenn es so weitergeht, werden sie das bald wieder tun… Und so weiter – das ist die Begründung der Ablehnung der KZ-Literatur. Ob sie zu Recht oder zu Unrecht besteht, kann heute keiner entscheiden.“ Dann aber kommt der Satz, mit dem Borchert sich dann doch positioniert: „Notwendig aber ist, dass die Menschen, die die ungeheure Gesetzlosigkeit des vergangenen Regimes erdulden mussten, diese Kapitel aus der dunkelsten Zeit unserer Geschichte aufschreiben, zur Warnung und Mahnung für die Toten und die Lebenden.“

Borchert selbst macht aber genau das nicht. Nirgends fragt er zum Beispiel nach den Juden. Es gibt eine Stelle, da dachte ich, jetzt kommen sie. In einer Straßenbahn sitzen nach dem Krieg fünf „Entronnene“. Einer von ihnen sagt: Die Toten sind in der Luft. Noch hört man ihre Stimmen. „In der Luft sind sie. In der Nacht. Oh sie sind in der Nacht. Darum schläft man nicht.“ Aber Borchert spricht nicht von den Toten, die wirklich in Rauch verwandelt durch die Schornsteine gejagt wurden. Also nicht von denen, die tatsächlich in der Luft waren. Die Toten in der Luft sind bei ihm nur eine Metapher, die alle Toten meint: die Vergaser und die Vergasten.

Konzentriert aufs Eigene

Borcherts Stärke ist zugleich seine Schwäche. Er ist konzentriert auf das eigene Erleben. Das schafft den Sog. Aber dass er sich so gar nicht für das Erleben der anderen interessiert, lässt seine Texte in kollektivem Selbstmitleid verschwimmen. Sie werden dumm und sie machen dumm.

In „Das ist unser Manifest“ schrieb Borchert: „Wir lieben diese gigantische Wüste, die Deutschland heißt. Dies Deutschland lieben wir nun. Und jetzt am meisten. Und um Deutschland wollen wir nicht sterben. Um Deutschland wollen wir leben. Über den lilanen Abgründen. Dieses bissige, bittere, brutale Leben. Wir nehmen es auf uns für diese Wüste. Für Deutschland. Wir wollen dieses Deutschland lieben wie die Christen ihren Christus. Um sein Leid.“

Kein Wort über das Leid, das Deutschland anderen angetan, über die generalstabsmäßig geplanten und durchgeführten Völkermorde. Borchert schreibt stattdessen ausschließlich über das leidende Deutschland. Das ist der Grund für Borcherts großen Erfolg. Er lieferte eine Salbe, die nicht nur die Wunden heilte, die die Deutschen hatten, sondern auch die, die sie zugefügt hatten. Eine Wundersalbe. Borchert ahnte, was er da tat. Einmal legte er einer seiner Figuren den Satz in den Mund „Ich fühlte, wie ich langsam leer lief von der wirklichen Welt und voll wurde von mir selbst.“ Das existenzialistische Pathos der ersten Nachkriegsjahre – „unser Leben ist dem Zufall vorgeworfen, ausgeliefert, unvermeidlich“ – ist wahrscheinlich auch andernorts nichts als der Versuch, hinter einem Nebel aus Wörtern die konkreten Taten und Untaten der Zeit verschwinden zu lassen. Das Ungeheuerliche an den nationalsozialistischen Völkermorden und denen der Stalinära war ja, dass sie so offensichtlich keine Produkte des „grausamen gewaltigen Zufalls“, der „betrunken über die Dächer der Welt balanciert“ waren. Sie waren lange lauthals proklamiert worden, bevor sie mit großem Aufwand und beachtlicher logistischer Finesse durchgeführt wurden.

Der viel zu wenig gelesene Vertreter der Wiener literarischen Moderne, Alfred Polgar (1873–1955), schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg über die neueste deutsche Literatur, sie sei „einfach unlesbar, verqualmt, absichtlich nebulos…“. Er hatte so recht. Heute lesen wir das und begreifen nicht, wie man die Augen so fest verschließen konnte vor dem Leid der anderen, vor dem Leid, das man ihnen angetan hatte, so lange man die Macht dazu hatte. Liest man Borchert weiter, spürt man, wie ein winziger Gedanke langsam größer wird: Woher nehme ich die Sicherheit, dass ich mich anders verhalte. Ist die Lage des Anderen nicht auch mein blinder Fleck? (Arno Widmann)

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