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Der Schriftsteller Ror Wolf 2008 in seiner Wohnung in Mainz.

Nachruf

Zum Tod von Ror Wolf: Ein vollständiges Ruhigwerden. Weiter nichts

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Sein Werk aber bleibt in Bewegung: Zum Tod des Dichters Ror Wolf, der 87-jährig in Mainz gestorben ist.

Am besten greift man einfach ins Regal, man hat ja einen ordentlichen Haushalt: „In jeden ordentlichen Haushalt gehört auch ein Bücherschrank oder Regal mit Büchern.“ In dem Regal-Segment, in dem die Autoren mit W anfangen, steht unter anderem das große, schwarze Hardcover-Buch im Schuber „Raul Tranchirers vielseitiger großer Ratschläger für alle Fälle der Welt“ von Ror Wolf, erschienen 1983 im Anabas-Verlag. Es ist kaum zu übersehen. Es verlangt geradezu, in die Hand genommen zu werden. Man darf das tun, einfach so und begründungslos, der Autor hat es erlaubt: „Das Buch, das mich interessiert, das ist das Buch, das man aus dem Schrank nimmt, wahllos aufschlägt, in dem man auf jeder Seite anfangen kann zu lesen und in dem man immer, gleich, wo man anfängt, den Einstieg findet, in dem es also unwichtig ist, was vorher oder nachher passierte.“

Genau genommen ist, was vorher passierte, gleichgültig, jedenfalls für die Bücher Ror Wolfs. In ihnen steht zwar geschrieben, was geschieht und geschah, was davon zu halten wäre und was von Wichtigkeit sein könnte; aber sie liefern keine Berichte, die auf Chronologie und narrative Konventionen angewiesen wären. Sie liefern allenfalls eine „Fortsetzung des Berichts“, wie der erste Roman von Ror Wolf hieß, erschienen 1964 im Suhrkamp Verlag.

Zum Tod von Ror Wolf: Erinnerung an Schriftsteller und „Fußball Poet“

Ror Wolf, der sich nicht allzu oft zu poetologischen Fragen äußerte, schrieb unter dem Titel „Meine Voraussetzungen“ in dem ebenfalls bei Suhrkamp (1972) erschienenen Büchlein „Über Ror Wolf“: „Die Komposition tritt an die Stelle der durchgehenden Handlung, und darum ist jeder Satz so wichtig wie der andere, jeder schraubt sich in den folgenden und der letzte der noch lange nicht der allerletzte ist, soll im Leser selbst weiterrotieren.“

Ror Wolf hat, das deutet sich hier an, ein literarisches Werk geschaffen, das immer noch in Bewegung ist. Ein Werk, das über den, ach, leider begrenzten Lebenshorizont seines Autors hinaus rotieren wird.

Wenn man es in Gattungen unterteilen will, besteht es aus Hörspielen; aus Romanen, die mehrgleisig umherschweifen; aus Gedichten, die einen ständig überraschen, gleichwohl penibel endgereimt sind; aus Sprachfragmenten, die in sorgfältiger, überaus mühevoller Kleinarbeit aus der Wirklichkeit herausgeschnipselt und zu fein gebauten Kunstwerken zusammengesetzt sind. Er war ein einsamer Meister der Collage, nicht nur auf dem Gebiet der Sprache, sondern auch auf dem der Bildenden Kunst. Und er hatte Zeit seines Lebens ein treues, aber nie übermäßig zahlreiches Publikum und eine bewegte Verlags-Geschichte. Was sein Werk bei aller inneren Bewegtheit nie tut: Es rotiert nicht um sich selbst. Es dreht sich um die Welt, in sie hinein, aus ihr heraus, über sie hinweg. Es wendet sich ihr forschend zu oder überdrüssig von ihr ab. Es lächelt melancholisch kopfschüttelnd über Vergangenes und Gegenwärtiges und über die Trivialität der gültigen Ordnungen in der Welt, es erfindet ständig neue Ordnungen, Zusammensetzungen, Konfrontationen, Sequenzen. Aber es spielt kein Spiel einfach nach den alten Regeln mit.

Nachruf auf Ror Wolf: Der Dichter gab sich eine Not-to-do-Liste vor

Ror Wolf hat selbst, geradezu programmatisch, eine unvollständige Not-to-do-Liste aufgestellt: „Keine raunenden Botschaften; keine Ideologien, denen man zunicken könnte; keine dampfenden Bedeutungen; keine abhebbaren Tendenzen; keine echten Anliegen; keine Bildungsbrocken für Leser, die ihre Lektüre allein danach aussuchen; keine verbindlichen Aussagen; keine Ideen vom großen und ganzen; keine Charaktere, die nach psychologischen Richtlinien agieren; keine Moral; aber: Spiel, Heckmeck, Hokuspokus, Burleske, Wortakrobatik, Spaß; Spaß, der freilich an jeder Stelle umschlagen kann in Entsetzen.“

Gut, das mit dem Spiel hat einen mindestens doppelten Boden. Es gab doch ein Spiel, bei dem Ror Wolf zwar nicht aktiv mitgespielt, dem er aber viel Spracharbeit gewidmet hat, und weil der Fußball in unserem Land so ungemein populär ist, war der Dichter eine Zeit lang sogar in Sportreporterkreisen halbwegs bekannt. „Punkt ist Punkt“ hieß das Epoche machende Werk und erlebte sogar auflagenmäßig nennenswerte Taschenbuch-Ausgaben.

Wolfs sprachliche Arbeit am Fußball hatte Rhythmus, Eleganz, Tempo, ermüdete nie und hatte einen unbändigen Drang zum Tor; sie konnte sich messen mit dem, was die Besten – Netzer, Beckenbauer, Müller – auf dem Platz vermochten. Oder ist das jetzt ein unpassender Vergleich? Jedenfalls gehören die „10 Rammer & Brecher Sonette“, und nicht nur sie, zu den ewigen Höhepunkten in der künstlerischen Schnittmenge zwischen Fußballreportage und Dichtkunst.

Dichter Ror Wolf: 1988 erhält er den Hörspielpreis

Als Lyriker war Ror Wolf ein später Erbe Dadas und ein Meister der gereimten Lakonie und der spielerischen Anverwandlung klassischer Formen. Fußballweltmeisterschaften fasste er bündig in barocker Sonettform zusammen. Für existentielle Zusammenhänge wie das menschliche Leben und das Wetter genügten vier Verse für ewige Gültigkeit unter dem Titel „wetterverhältnisse“: „es schneit, dann fällt der regen nieder, / dann schneit es, regnet es und schneit, / dann regnet es die ganze zeit, / es regnet und dann schneit es wieder.“

Dem Fußball galten auch einige seiner „Radio-Collagen“ wie „Rückblick auf große Tage“ und „Cordoba Juni 13 Uhr 45“. Wer Ror Wolf nicht lesen wollte, konnte ihn also hören, und seine Verdienste um die literarische Gattung des Hörspiels seit den fünfziger Jahren können kaum hoch genug eingeschätzt werden. Für sein Hörspiel „Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika“ erhielt er 1988 den Hörspielpreis der Kriegsblinden.

Geboren wurde er als Richard Georg Wolf am 29. Juni 1932 in Saalfeld, Thüringen. Die Zeiten waren nicht angenehm. Seine Mutter wurde 1946 inhaftiert und kam erst nach einem Jahr frei, der Vater war in Kriegsgefangenschaft, den Haushalt führte eine Angestellte. Richard Georg Wolf interessierte sich für Literatur, Leichtathletik und Jazz, aber in der beginnenden DDR interessierte es kaum jemanden, woran junge Leute interessiert waren. So dass er nach dem Abitur Betonbauer wurde; seine Bewerbungen um ein Studium wurden abgelehnt. 1953 verließ er via Berlin die DDR, geriet zunächst nach Niedersachsen, dann nach Stuttgart, ging verschiedenen Beschäftigungen nach und begann 1954 ein Studium in Frankfurt.

Ror Wolf: Besondere Beziehung zur Stadt Frankfurt

Die Stadt hatte er auch ausgewählt, weil ihr der Ruf einer deutschen Jazz-Hauptstadt eignete. Horkheimer, die Mangelsdorff-Brüder und vor allem Adorno beeinflussten ihn stark. Er begann zu schreiben und wurde Mitarbeiter der Frankfurter Studentenzeitschrift „Diskus“, für die er Literatur-, Theater- und Jazzkritiken schrieb. Er zog nach Hamburg, heiratete, ging zurück nach Frankfurt, war Redakteur beim „Diskus“, Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk und lebte ab 1963 als freier Schriftsteller.

Sesshaftigkeit war ihm nicht vergönnt. Ror Wolf lebte in Basel und St. Gallen in der Schweiz und in Frankfurt, in Berlin und in Mainz, dann in Wiesbaden und schließlich Mitte der siebziger Jahre, nach von einem Biografen gezählten 34 Umzügen, in Mainz. Dort ist er am vergangenen Montag, 17. Februar, nach längerer Krankheit gestorben. Bis zuletzt hat er, wenn möglich, an seiner Autobiografie gearbeitet.

Im schon zitierten „großen Ratschläger“ findet sich unter dem Lemma „Tod“ die tröstliche Notiz: „Wir haben uns überzeugt, dass es gar nicht so fürchterlich ist mit dem Tod: ein einfaches Einschlafen, ein langsames Vergehen, ein Abkühlen bis zur Todeskälte, ein vollständiges Ruhigwerden. Weiter nichts.“

Von Hans-Jürgen Linke

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