Literatur

Wie Zweitgeborene darüber denken

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Wolf Haas räumt im Frankfurter Schauspielhaus mit einem Mythos der Literaturkritik auf.

Es muss nicht ein Skandal dahinter stecken, wenn Zuhörer in großer Zahl zu einer Lesung kommen. Leiser Humor und schlichtes Auftreten können auch Erstaunliches bewirken. Seit einigen Wochen stellt der österreichische Autor Wolf Haas sein neues Buch „Junger Mann“, das unter diesem unspektakulären Titel im Verlag Hoffmann und Campe erschienen ist, auf einer Lesereise vor.

Die Geschichte, die der durch seine Brenner-Krimis berühmt gewordene Autors hier erzählt, wirkt eher unspektakulär. Es geht um das Heranwachsen und die erste Liebe eines Jungen, der (wie damals der Autor) zur Zeit der Ölkrise 1972 noch in der Pubertät steckt. Dennoch reichte das Frankfurter Schauspielhaus gerade aus, um für all die begeisterten Fans Platz zu bieten. Die Theaterbühne ist zunächst schwarz und leer. Nur ein viereckiger schwarzer Tisch mit einem einzigen Stuhl steht in der Mitte. Von hier aus wird Wolf Haas direkt zum Publikum sprechen, kein Moderator stellt sich dazwischen.

Zu Beginn räumt Haas gleich mit einem Mythos der Literaturkritik auf: „Der erste Satz soll angeblich besonders wichtig sein“, sagt er. Dieser Gedanke leuchte ihm als dem Zweitgeborenen in seiner Familie nicht ein. Lange habe er darum nach einem unauffälligen ersten Satz gesucht. „Vier Jahre hat das gedauert“, erzählt er.

Leise Selbstironie prägt den Ton des Autors. Wenn er liest, scheint er in sein Buch hineinzukriechen, manchmal kneift er seine Augen zusammen und spricht die Zeilen auswendig. Ohne den Erzählstrom zu unterbrechen, überspringt er einzelne Zeilen oder ändert Worte, die eher der Schriftsprache entsprechen. Im Vortragen lauscht er zugleich den verschiedenen Arten des Lachens, mit denen seine Zuhörer auf den versteckten Humor in seinen Zeilen reagieren.

Und gelacht wird viel an diesem Abend. Manchmal nur, weil Dialekt erst durch die Aussprache – wenn an der Grenze beim Zöllner beispielsweise ein bayrisches „A“ wie ein „O“ klingt – seine volle Wirkung entfaltet. „Das Wort ,Literpreis‘ habe ich mir dick unterstrichen“, sagt Wolf Haas zudem beiläufig, als er eine Tankstellen-Passage vorliest, „damit ich nicht aus Versehen ,Literaturpreis‘ sage!“

Am Ende der Lesung ist Haas kurz enttäuscht. „Ich hatte gehofft, dass Sie mitsprechen,“ sagt er lächelnd. So spontan zeigt sich das Frankfurter Publikum zwar nicht, doch gibt es lange Applaus. Wie bei einem Konzert hofft es auf eine Zugabe. Doch Haas kehrt nicht zurück. „Schade“, murmeln einige in den Zuschauerreihen.

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