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Rückkehr der Wildnis

Der Wolf ist eine Nummer zu groß

Die Rückkehr von Wildtieren in den urbanen Raum löst neben Begeisterung auch zivilisatorische Urängste aus.

Von xpeko

Zuerst kamen die Insekten. Dann grasten Heidschnucken auf dem Mittelstreifen der Fahrbahn, ein Bär plünderte den Feinkostladen, und exotisches Wild machte sich in den Stadtparks breit. "Aber man gewöhnt sich an alles", heißt es in Michael Krügers lakonisch-verträumter Erzählung "Die Tiere kommen zurück", die kürzlich im Sanssouci Verlag erschienen ist. "Der Verkehr wurde insgesamt langsamer, weil viele Autofahrer auf die plötzlich und an uneinsichtiger Stelle die Straße kreuzenden Tiere Rücksicht nahmen. Nur der Gestank blieb. Kein Tier ließ sich bewegen, stets und ausschließlich die für die Notdurft eingerichteten Sandkästen (,Nur für Tiere, Kinder bleiben draußen!') zu benutzen, und die Müllabfuhr hatte große Mühe, die zum Teil beträchtlichen Haufen einzusammeln."

In der Geschichte des Dichters (und Leiter des Hanser Verlags) Krüger ist die plötzliche Veränderung der Großstadt-Fauna gleich doppelt selbstverschuldet und vielleicht auch herbeigesehnt. Zum einen ist da die ungewöhnliche und sicher durch die Klimaveränderung bedingte Hitze. Zum anderen hatte schon der bäuerliche Großvater des Ich-Erzählers mit einer solchen oder ähnlichen Invasion gerechnet. Kriegs- und Safari-Bilder waren ihm gegen Ende seines Lebens im Kopf immer stärker durcheinandergeraten, und auf dem Sterbebett hatte er prophezeit: "Die Tiere kommen zurück und werden sich rächen."

Geht man heute durch Berlin, sieht man zwar keine Elefanten durch Wohnstraßen ziehen oder Gorillas auf Dächern sitzen wie in den magisch-realistischen Bildern des Malers Quint Buchholz, die Krügers Erzählung illustrieren. Aber da sind Füchse, die am Brandenburger Tor seelenruhig die vierspurige Straße überqueren, Fischreiher, die im Tiergarten durch die Teiche waten, und Waschbären, die sich auf Dachböden ansiedeln oder Mülltonnen plündern. Auch Biber, Fischotter, Nutrias und Marderhunde wohnen in der Hauptstadt, und am Müggelsee liegt sogar ein Seeadlerhorst.

Gerade die Füchse seien definitiv "kein Waldthema", bestätigt Marc Franusch, Öffentlichkeitsbeauftragter vom Landesforstamt Berlin. An die zweitausend gäbe es in der Stadt, und sie hätten die Bezirke "flächendeckend" besiedelt. Allein oder in Gruppen von zwei bis drei Fähen und einem Rüden machen sie es sich in zum Teil recht kleinen Revieren von nur ein paar hundert Quadratmetern gemütlich, nähren sich von Abfällen und profitieren von dem Umstand, im Stadtgebiet nicht geschossen werden zu dürfen. Seit die Tollwut in Berlin in den frühen 90er Jahren erfolgreich bekämpft wurde, ist der Bestand kontinuierlich gestiegen, und unerschrocken schnüren die pelzigen Kulturfolger durchs städtische Leben, sei es am Kanzlerinnenamt oder in Einkaufsstraßen.

Auch die Wildschweine, von denen es in Berlin bis zu 8000 Stück gibt, brauchen kein Unterholz, um glücklich zu sein. Franuschs Kollege Thorsten Wiehle hat an der Argentinischen Allee, direkt an einem Wohnblock, eine Bache mit Frischlingen fotografiert, die da wochenlang ihre Runden zog, bevor sie sich entschloss, in den Wald zurückzukehren. Die Anwohner und von Füchsen oder Wildschweinen gewissermaßen Besiedelten - wobei Franusch umgekehrt und wohl ganz im Sinne Michael Krügers sagt: "Die Wildschweine sind die Ureinwohner dieses Gebiets, wir nur die Zugezogenen" - reagieren unterschiedlich. Da sind die, die verbotenerweise gleich zu füttern beginnen. Aber da sind auch jene, die das Problem mit dem Gewehr gelöst sehen wollen. Aufklärung nutze nicht in jedem Fall, sagt Franusch. Das unkontrollierbar Wilde sei für manche Leute schwer anzunehmen.

Wobei ein vorsichtig äugender und dann menschenscheu weiter hastender Fuchs ja weniger beunruhigend ist als ein heranstürmender Haushund - allen Der-will-ja-nur-spielen-Versicherungen zum Trotz. Tatsächlich versetzt es viele Stadtbewohner eher in positive Aufregung, wenn sie unversehens ein Wildtier zu Gesicht bekommen. Manche trauen beim ersten Mal ihren Augen kaum, im Stadtraum ist die Natur ja das Unglaubwürdige geworden.

Aber in den letzten Jahren mehren sich die Berichte wie die eigenen Erfahrungen, man hat wiederholt von einem graubraunen und überraschend hochbeinigen Fuchs an der Schöneberger Apostel-Paulus-Kirche gehört und unterscheidet ihn von dem zur gleichen Jahreszeit stark rötlichen und niedrigen Tier, das sich am Kleistpark zeigt. Den Fuchs fernhalten muss natürlich, wer Kaninchen oder Geflügel in Draußenhaltung hat. Fürchten aber kann ihn eigentlich nur, wer prinzipiell etwas dagegen hat, dass einer seiner eigenen Wege geht.

150 Kilometer südöstlich von Berlin stellt sich die Rotkäppchen-Frage, wie man es eigentlich mit der Natur hält, mit noch anderer Brisanz. Seit zwölf Jahren leben - nach einer Zuwanderung aus Polen - wieder Wölfe in Deutschland. Inzwischen sind es rund 30 Tiere, verteilt auf drei Rudel in der sächsischen Lausitz und ein Wolfspaar in Süd-Brandenburg. Wölfe! Die Wild-Biologinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt, die im Wolfsbüro Lupus so genanntes Wolfs-Management für die Region betreiben und den Nutztierhaltern dabei ebenso zur Seite stehen wie den Jägern, haben reichlich zu tun, um den Anwohnern begreiflich zu machen, dass das Bild vom bösen Wolf den Märchen angehört.

Echtweltwölfe sind extrem menschenscheu und reißen nicht mehr Wild, als sie zum Leben brauchen. Lässt man die Hunde im Wald nicht frei laufen, schützt angemessen die Nutztiere und nimmt in Kauf, dass nicht mehr ganz so viele Hirsche geschossen werden können wie bisher, könnte man, versichern die Expertinnen, mit dem Wolf durchaus ein Auskommen haben.

Genau dieses Leben und Lebenlassen widerspricht den bisherigen Zivilisationsstrategien des sesshaft gewordenen Menschen allerdings im Innersten. Nicht nur ist der Wolf seit der Zeit der ersten Waldrodungen der mächtigste Nahrungskonkurrent und als solcher immer verdächtig. Sondern es wurde auch kein Maß dafür kultiviert, wann die menschlichen Bedürfnisse befriedigt sind. Wann das, was man hat, für den Augenblick genug ist und man den Rest getrost den anderen überlassen kann. Im Gegenteil.

Gleichwohl scheint das Wolfsmanagement in der Lausitz erfolgreich zu sein. Zumindest hat sich die Region mit einer Ausstellung, Wolfscamps und Wolfsnippes touristisch auf die Situation eingestellt, und noch ist das Wolfsvorkommen ja etwas Außerordentliches, zudem weiterhin Gefährdetes. Denn nur eine wachsende Population wäre langfristig überlebensfähig. Und die Ausbreitung der Wölfe ist zwar möglich, und Landesforstamtssprecher Franusch hält von den Gegebenheiten sogar eine Besiedlung der Randgebiete Berlins für denkbar. Aber mit dem Versuch einer "Bürgergewöhnung" an die wilden Grauen würde man sich seiner Ansicht nach "auf einen weiten Weg" machen. Der Wolf sei für die Vorstellungswelt in dicht besiedelten Gebieten "eine Nummer zu groß".

Was ja nicht heißt, dass man da nicht hineinwachsen könnte. Doch augenblicklich hadert man im urbanen Raum sogar noch mit der allerkleinsten Manifestation des wirklich Unkontrollierbaren, mit der Kopflaus nämlich, und lässt sich nur widerstrebend in die Demut einer Koexistenz zwingen. Alle paar Wochen, wenn wieder der Lausezettel an der Eingangstür des Kindergartens oder der Schule gehangen hat ("Es ist ein Fall von Kopflausbefall aufgetreten..."), fragen sich Eltern entnervt, warum es im Zeitalter touristischer Mondreisen eigentlich kein Mittel gibt, sich wirksam vor Parasiten zu schützen.

Wie schwer dieses Ausgeliefertsein auszuhalten ist, zeigt sich nicht nur daran, dass zur Bekämpfung dieser Tiere auf Kleinkindköpfen nach wie vor meist die Chemiekeule geschwungen wird. Sondern auch an der irrationalen, aber kaum zu verhindernden Stigmatisierung der Befallenen.

Kein Zweifel: Am beliebtesten ist das Wilde dort, wo es den eigenen Körper gar nicht oder höchstens dekorativ berührt. Dort ist es derzeit allerdings auffallend beliebt. In Berlin wird der Goldene Hirsch, der im Park neben dem Rathaus Schöneberg auf einer Säule thront (eine fast 100 Jahre alte, 300 Kilo schwere Statue, die daran erinnert, wer früher hier regiert hat) schon längere Zeit stolz auf T-Shirts getragen. Die dazu passenden "Heimat"-Taschen mit Hirschmotiv und Pilzstickerei gibt es von logstoff, und eine Boutique in der Nähe des Schöneberger Winterfeldtplatzes reüssiert mit einem ausgestopften Fuchs im Fenster. Am Potsdamer Platz macht Sony mit bonbonfarbenen Hasen für den neuen LCD-Fernseher Reklame, und Unter den Linden stellt die novotel-Kette das Schöneberger Wappentier in den Schatten eines gebäudehoch plakatierten Rothirschen auf elegantem Parkett.

Lauter Beispiele, in denen die heimatkundlichen Chiffren aus der Poplustigkeit der 90er ("Zehn kleine Jägermeister") in den Bereich des Unironischen überführt wurden und trotzdem in keiner Weise verdächtig sind. Der deutsche Hirsch muss nicht mehr kiffen, um okay zu sein. Es genügt schon, wenn er nicht röhrt.

Die Wiederkehr der Wildtiere hierzulande, sei es als Bild oder real (vgl. auch den Bericht zu Auswilderungen in der FR vom 25. März), ist ein Produkt aus vielen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Veränderungen im Naturschutz wie im Umweltbewusstsein spielen eine Rolle, die Öffnung der Ostgrenzen wie die Aufhebung der Grenzen von privatem und politischem Raum. Und natürlich (Riesenthema!) das Ende der arbeitsteiligen Leistungsgesellschaft. Die Zeit der Gewissheiten ist vorbei, zivilisatorisches Downsizen steht spürbar bevor.

Dass dies durchaus auch bedeutet, sich gegenüber der Natur ganz konkret und Tag für Tag um den eigenen Kopf und Kragen sorgen zu müssen, ist natürlich ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke. Aber die Zeichen verdichten sich: Ohne Spurenlesen und Terrainsicherung wird man in der Echtwelt langfristig nicht überleben können. Im Internet gilt das interessanterweise schon heute.

Michael Krüger/Quint Buchholz: Die Tiere kommen zurück. Sanssouci Verlag, München 2008, 48 Seiten, 15,90 Euro.

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