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Der Liedermacher Wolf Biermann.
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Der Liedermacher Wolf Biermann.

Wolf Biermann im Gespräch

Wolf Biermann: „Melancholie ist meine Hoffnung“

  • VonCornelia Geißler
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Der Dichter Wolf Biermann ist gelassener geworden, beim Thema Freiheit bleibt er wachsam. Ein Gespräch über Gott und mehr.

Herr Biermann, in Ihrem neuen Buch setzen Sie sich nach Themenkreisen geordnet mit Gott und Religion auseinander. Warum?

Das Buch ist eine Sammlung von alten und neuen Gedichten und Prosatexten, unterteilt in verschiedene Kapitel wie „Melancholie, meine Hoffnung“, „All meine Gläubigkeit“, „Meine Jüdischkajten“ oder ein Text über Johann Sebastian Bachs Kantate: „Ich hatte viel Bekümmernis“. Ich erzähle über meinen Glauben, der noch verrückter ist als der christliche, jüdische oder muslimische, denn ich glaube nicht an einen Gott, sondern an den Menschen. Dafür gibt es wahrhaft noch weniger gute Gründe.

In „Heimweh“ von 2006 heißt es: „Als Kommunistenketzer ward ich neu geboren“. Ist das Selbstkritik?

Gerade weil ich so kommunistisch geprägt war, musste meine Kritik an der DDR und dem SED-Kommunismus viel radikaler sein. Da hilft auch das Vorbild unseres radikalen Martin Luther. Der kritisierte den Papst nicht als einen irrenden Christen, sondern als den allerschlimmsten Teufel selbst. Solcher Glaube versetzt eben wirklich Berge: Und so besinge ich im Gedicht auch die frommen Polen, die, gestärkt im Glauben an ihre Schwarze Madonna, dem Putsch des allmächtigen Generals Jaruzelski gegen die Gewerkschaft Solidarnosc widerstanden.

Gucken Sie denn etwa bei Wahlen mit mehr Interesse auf den Osten?

Natürlich. Der Osten zottelt mehr an meinem Herzen. Erst in der DDR lernte ich Hamburger Kommunistenkind, dass der tiefe christliche Glaube an Gott ein Kraftquell sein kann gegen die stalinistische SED-Diktatur. Ich begriff, dass tapfere und ehrliche Christen eigentlich meine Verbündeten sind im Streit der Welt. Meinen Vers „Du, lass dich nicht verhärten“ sangen solche Häftlinge wie der Pastor Matthias Storck und seine Frau Tine im Stasi-Gefängnis. Mein Lied „Ermutigung“ steht aber inzwischen auch im offiziellen Gesangsbuch der Schwedischen Kirche: „Uppmuntran“. Diese wunderbare Zweckentfremdung gefällt dem gottlosen Biermann. Im moralischen Grunde sind wir eben Verwandte.

Da wir bei der Familie sind: Ihr Sohn Eliyah fährt, wie Sie, zur Frankfurter Buchmesse und stellt ein Buch vor, das er mit Marina Weisband zusammen veröffentlicht: „Frag uns doch. Eine Jüdin und ein Jude erzählen aus ihrem Leben“. Also er und sie beschäftigen sich gerade zur gleichen Zeit mit Religion.

Als Ungläubiger in einer christlich, jüdischen, muslimischen Gesellschaft führe ich einen lebenslangen Disput mit Gott, an den ich nicht glaube. In Ostberlin besuchte mich in der Chausseestraße eine Gruppe junger Theologen aus dem Westen. Einer schleimte aufgeklärt: „Also Wolf, das mit der Auferstehung, das ist natürlich Blödsinn!“ Dem musste ich heftig widersprechen, denn grade die Auferstehung halte ich für das Bedeutendste an dieser Schwindelstory vom Wanderrabbi Jesus Christus. Wie es in meinem Gedicht heißt: „Es gibt noch Gedichte nach Auschwitz. Und/ Es gibt sogar lustige Lieder. Wir/ Sind eben so. Wir gehn ganz und gar Zugrund./ Und erheben uns wieder.“ Mein Vater ist in meinen Liedern und Gedichten wiederauferstanden und so lebt er etwas länger.

Sie treten dort in einer Kirche auf mit „Mensch Gott!“. Werden Sie nun neu einsortiert?

Das ist nicht nötig. Ich bin immer auch in Kirchen aufgetreten und habe gelegentlich sogar in der DDR für Christen gesungen. Im Prager Frühling 1968 lockte mich der Pastor Karl Kleinschmidt zu einem Konzert für seine Kirche. Ihn und seine Glaubensbrüder und -schwestern begriff ich als meine Verbündeten. Kurz vor meiner Ausbürgerung sang ich, der total Verbotene, sogar unangemeldet in der Nikolaikirche in Prenzlau. Das war ein gelungener Coup des Jugendpfarrers dort. Unser gemeinsamer Nenner könnte mein Lied „Melancholie“ sein. Ich liebe die Melancholie, mit der ich gegen faule Traurigkeiten ankämpfe. Melancholie ist meine Hoffnung. Auch darüber habe ich im Buch geschrieben.

Wer ist eigentlich das Bodenpersonal Christi, von dem Sie immer wieder schreiben?

Das sind die, die davon leben, dass sie Gott den Haushalt führen. Einer von diesem Bodenpersonal, ein Pastor aus Naumburg, hat mir die Idee für den Buchtitel „Mensch Gott!“ geliefert. Er fand, ich hätte in der Ballade „Großes Gebet der alten Kommunistin Oma Meume in Hamburg“ so etwas wie Einsteins Formel gefunden für den Glauben in dieser Zeit: „Mensch, Gott! Wär uns bloß der erspart geblieb’n/ Der Stalin, meint’wegen durch ein Attentat“.

Das heißt, Sie hatten zuerst den Titel?

Nein, das Buchprojekt hatte ich schon länger vor. Der Titel ist poetisch gesehen eine wunderbare Komposition, in der der Appellativ steckt: Mensch, Gott, lass das sein! Oder: Mach es endlich besser. Faulenze nicht gleich nach dem siebten Tage! Und verbessere endlich dein Werk. Das freut Theologen, die ja predigen: Gott sei durch Christus Mensch geworden. Das Wort „Mensch Gott!“ ist eine ideale Kurzfassung der kompliziertesten Religionsdispute.

Es sind Gedichte aus vielen Jahren mit persönlichen Texten dazwischen. Ist es als ein Lesebuch gedacht?

Zur Person:

Wolf Biermann , geboren 1936 in Hamburg, ist Liedermacher und Lyriker. Er siedelte 1953 in die DDR über und veröffentlichte 1960 erste Lieder und Gedichte. 1965 verhängte man ein Auftritts- und Publikationsverbot gegen ihn. 1976 wurde ihm nach einer Konzerttour in der Bundesrepublik Deutschland die Wiedereinreise in die DDR verweigert.

Der einstige Dissident hat in der vergangenen Woche den Ovid-Preis des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland erhalten und gleich öffentlich weitergegeben an die Oppositionspolitikerin und Musikerin Maria Kolesnikova aus Belarus.

Sein neues Buch „Mensch Gott!“, beschäftigt sich mit Religion und „Querdenkern“ – und dem Erfolg von Protesten (Suhrkamp, 192 S., 22 Euro).

In diesem ironischen Sinne ist es so zu gebrauchen wie Gottes Bestseller, den man ja auch nicht liest. Man findet in der Bibel mal dies, mal das. Und das wäre auch der Unterschied zu meinen Memoiren.

Die sind noch bei Ullstein erschienen, mit dem neuen Buch sind Sie bei Suhrkamp. Warum haben Sie gewechselt?

Suhrkamp ist der ideale Verlag für diesen gottlosen Katechismus eines trotz alledem im Grunde immer „frommen“ Ungläubigen. Und es ist eine Ehre für mich, dass mein Disput mit Gott und seinen Fans in der legendären Reihe „Bibliothek Suhrkamp“ erscheint.

Im Februar hielt die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer eine Predigt im Berliner Dom. Würden Sie, da Sie vom Glauben an den Kommunismus sprechen, heute von der Klimareligion reden?

Die Mode-Ideen der Menschheit lösen einander ab, wie in einer Wellenbewegung. Das, was gerade wichtig ist, ist dann das Allerwichtigste überhaupt. Anders könnten Menschen kaum die Kraft aufbringen, sich im Weltenwirrwarr zu behaupten. Ich finde es logisch, dass besonders die jungen Leute sich um die Zukunft des Planeten kümmern. Also sehe ich auch diese Mode gelassen und mit großem Wohlwollen.

Mode klingt sehr hart. Mir gefällt meine eigene Frage nicht mehr.

Ich könnte mit Goethe antworten: „Den Dummheiten seiner Epoche entgeht kein Mensch ganz.“ Das trifft auf uns alle zu, und das versteht sich: auch auf Goethe selber. Wenn man das Leben einigermaßen hinter sich gebracht und sich einigermaßen tapfer eingemischt hat in die eigenen Angelegenheiten, dann sieht man das ganze Koordinatensystem in dieser Perspektive. Ich kam in den Westen zu der Zeit, als die Proteste in Gorleben liefen. Ich war damals auch dagegen, dass die Konzerne, die Geld mit Strom verdienen, ihren Atommüll irgendwo hinschmeißen. Also bin ich hingefahren und habe ein Lied gemacht: „Gorleben soll leben“. Aber wenn Sie sich das genauer ansehen, werden Sie lachen. Es ist ein Lied für die friedliche Nutzung der Atomkraft. Ich hatte in dieser Frage eine andere Meinung. Und bis heute halte ich den Ausstieg aus der friedlichen Nutzung der Atomenergie für einen Fehler.

Das kam in Gorleben sicher nicht so gut an.

Jeder missversteht so gut er kann. Wenn ich mich nützlich machen will für Leute, die mir zuhören, muss ich ihnen sagen, wo wir übereinstimmen und in welchen Punkten wir nicht übereinstimmen. Wohl wissend, dass wir uns alle irren können.

In den einführenden Worten über all Ihre „Gläubigkeit“ schreiben Sie unter anderem: „Querdenker sind weder Denker noch im guten Sinne quer ... Verschwörungstheoretiker sind keine Theoretiker, und Endzeitpropheten waren nie Propheten.“ Warum mussten die mit ins Buch?

Denen gehört meine ehrliche und tiefempfundene Verachtung. Am meisten quält es mich, wenn diese Leute ein Wort in den Mund nehmen, das ihnen eigentlich explodieren sollte zwischen den Zähnen: Freiheit. Das sehe ich als einen politsexuellen Sprache-Missbrauch im schlimmsten Sinne. Das tut mir weh. Und deswegen kann ich nicht gelassen darüber parlieren. Es ist eine Beleidigung für all die Menschen auf der Welt, die in diesem Moment, während wir hier sitzen, gegen wirkliche Unterdrückung kämpfen. Aus solchen guten Gründen habe ich meinen Ovid-Preis auch Maria Kolesnikova weitergegeben, die in Belarus auf Geheiß von Lukaschenko im Gefängnis sitzt. Das ist ja keine galante Geste. Das ist Notwehr gegen den Vormarsch der Diktaturen in manchen Welten. Denken Sie an Nordkorea oder an Hongkong oder Myanmar. Das sind Katastrophen, die mich noch viel mehr erschüttern als Naturkatastrophen.

Den Preis hat Ihnen der Exil-PEN zuerkannt. Der protestierte wie auch der deutsche PEN-Club im Sommer gegen den repressiven Umgang mit der Schriftstellervereinigung in Belarus. Haben Sie die Hoffnung, dass solche Proteste etwas bewirken können?

Ich habe nicht nur die Hoffnung, ich erlebte es sogar selber. Zum Schrecken der Obrigkeit wurde ich 1965 in das PEN-Zentrum der DDR gewählt, das war damals in diesem scharf kontrollierten Verein zur Verteidigung des freien Wortes die letzte geheime Wahl. Als ich 1976 aus Deutschland nach Deutschland ins Exil vertrieben wurde, haben sich dreizehn DDR-Schriftsteller mutig zusammengefunden, haben ihre Ängste und die üblichen Konflikte untereinander überwunden und einmütig eine Petition dagegen geschrieben.

Ihre Ausbürgerung war der Anfang vom Ende der DDR.

Das sagen manche Historiker, und das schreibt man gelegentlich im Feuilleton. Der Satz ist wohl richtig, aber zugleich viel interessanter falsch: Kein Staat bricht zusammen, weil ein paar Schriftsteller einen Brief schreiben. Die unerwartete Petition hat die Bonzen der DDR geärgert, aber nicht ins Wanken gebracht. Panisch erschüttert hat diese Machtidioten, dass dann Tausende Namenlose, vor allem junge Leute – Arbeiter, Studenten, Schüler – diese freche Bittschrift unterschrieben und zudem fantasiereich und noch viel radikaler protestierten. Erst wenn das Volk rebelliert, zittern die Machthaber – so wie jetzt Wladimir Putins Kanaille Alexander Lukaschenko in Minsk. Dazu liefere ich Ihnen für Ihre Leser ein treffendes Wort: „Freiheit ist die einzige Ware auf der Welt, deren Preis sinkt, wenn die Nachfrage steigt.“

Interview: Cornelia Geißler

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