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Lukas Bärfuss beim Fototermin im schneeweißen Treppenhaus des Staatstheaters Darmstadt.

Büchnerpreisträger Lukas Bärfuss

Nichts zwingt uns zur Gewalt und zum Bösen

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Bei seiner Ehrung in Darmstadt geht Büchnerpreisträger Lukas Bärfuss  mit der europäischen Vergesslichkeit ins Gericht.

Das Problem sei, sagte der Schweizer Lukas Bärfuss am Samstagnachmittag in Darmstadt ohne Einschränkung, dass es „so etwas wie eine Entnazifizierung“ nie gegeben habe und stattdessen „die Kontinuität der nationalsozialistischen Eliten nach 1945 ungebrochen“ gewesen sei. „Sie sind also nicht plötzlich wieder da, die Nazis und ihr Gedankengut sind überhaupt nie weg gewesen, und jeder Demokrat, der darüber staunt, sollte sich vielleicht fragen, warum er es vergessen hat, und vor allem, wer uns all dies in Zukunft ins Gedächtnis rufen wird.“ Ohne die Zeitzeugen nämlich, die der Vergesslichkeit der Menschen bald nicht mehr entgegenwirken könnten.

Die eindrucksvolle Dankesrede des Schweizers, der im Staatstheater von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung den mit 50 000 Euro dotierten Georg-Büchner-Preis erhielt, hatte sich zuvor herangeschlichen, wie es einem Dramatiker geziemt. Der Bescheidenheit folgte die Selbstbezichtigung, aber beide Stilmittel wurden ihrer Zierlichkeit beraubt und in eine brachiale Offenheit geführt. Von den prämierten Arbeiten genüge keine „meinen eigenen Ansprüchen“, sagte Bärfuss durchaus grimmig, das vorliegende Werk stelle „lediglich die den widrigen Umständen abgerungene äußerste Möglichkeit dar“.

Zudem baue es auf dem Schmerz anderer auf. Er schenke Figuren eine Existenz, um sie anschließend leiden zu lassen. „Jeden Charakter, der meine Aufmerksamkeit erregte, muss man aufrichtig bemitleiden.“ In Anspielung – wobei das Wort Anspielung hier aus einer anderen, leichtfertigen Sphäre herüberweht – auf den Roman „Koala“ erklärte er: „Weniges war mir heilig, und auch mit der Fiktion kann ich mich nicht herausreden. Mein eigenes Brüderchen, dieser arme Mensch, war mir Material, seine Asche war mir Material, sein Schmerz, sein Leid, es war mir Material ... .“

Warum aber dies? Er sei, so Bärfuss, ein Schriftsteller aus dem Europa des 20. Jahrhunderts. „Welchen Faden ich auch immer aufnehme, hinter der nächsten oder spätestens der übernächsten Ecke führt er zu einem Massengrab.“ 1971 geboren, habe er nach dem Kalten Krieg zwar das Wunder seines friedlichen Endes erlebt, dann aber sei der Jugoslawienkrieg gefolgt, er habe die Gedenkstätte Auschwitz gesehen und sich mit Büchners Danton fragen müssen, „was es denn sei, was in uns lügt, stiehlt, hurt und mordet“. Es sei aber eben, so viel wisse man doch inzwischen, nicht „in uns“, so Bärfuss, es sei „zwischen uns, vor uns, es ist da, man kann es lesen, man kann es hören ... .“ Da sei kein „dunkler Pfuhl“, und es brauche „keinen Chirurgen, um uns das Böse aus den Leibern zu operieren, mit wachen Sinnen und empfindsamen Herzen können wir die Gewalt erkennen, wir können sie zur Sprache bringen“.

Wenn wir nicht immer wieder alles vergessen würden. Dagegen gelte es anzuschreiben. „Meine Poetik, meine Dramaturgie war mir nie Selbstzweck. Jeden Wohlklang verstand ich als eine Form der Memotechnik. Als Methode, um sich lebendig zu erinnern daran, was Menschen einander antun können, aber auch, dass es darin keine Fatalität gibt, kein Müssen.“ Der Beifall dauerte, die Leute standen auf, Akademiepräsident Ernst Osterkamp bedankte sich außerhalb der Tagesordnung und ausdrücklich.

Wie sich aber das Große und Klare aus der Genauigkeit und Differenzierung entwickelt – wobei Bärfuss dann offenkundig gezielt nicht differenzierte, naheliegende Ortsbezeichnungen wie Schweiz, Deutschland, BRD, DDR fielen an keiner Stelle –, hatte man zuvor erleben können. Es war kein Widerspruch zu seiner Rede, im Gegenteil, dass die Dramaturgin Judith Gerstenberg in ihrer Laudatio auf Bärfuss’ Misstrauen gegen das „Umstandslose“ einging und sein Bewusstsein für die Künstlichkeit der Sprache. Die daraus erwachsende „Sachlichkeit im Duktus“ löse „interessanterweise Aggressionen aus. Oftmals fühlt sich das Publikum provoziert, weil es gewahr wird, dass die Ideen, die wir uns über uns als Gesellschaft gemacht haben, am Ende nichts nützen werden“.

Zuvor hatte der Wiener Philosoph und Kulturwissenschaftler Thomas Macho den mit 20 000 Euro dotierten Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa erhalten. Macho, der „in allem, was er forscht und publiziert, aufs Ganze“ gehe, so Laudator Karl-Markus Gauß, sprach über eines seiner favorisierten Themen, den Tod. Namentlich ging er auf Freuds Überlegungen zum Töten ein. Just 1915 denke Freud gegen seine Gewohnheit nicht über Vatermord, sondern Kindstötungen nach - des facto den wesentlichen Vorgang an den Fronten des Ersten Weltkriegs: Die ältere Generation (die männliche politische Elite dieser älteren Generation) habe die Tötung einer jüngeren, ebenfalls männlichen, beschlossen. Kompakt Machos Ausblick auf die Macht der Todesdrohung, gewöhnlich ein Mittel der (freilich nicht minder sterblichen) Herrschenden. „Wer sterben gelernt hat, hat verlernt zu dienen“, zitierte er schließlich Montaigne, der aktuellen Kompliziertheit dieser Formulierung sicher gewahr, ohne auf sie einzugehen.

Zu allererst hatte die ebenfalls Wiener Literaturwissenschaftlerin und -kritikerin Daniela Strigl den mit ebenfalls 20 000 Euro dotierten Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay erhalten. Laudator Lothar Müller fasste das Wesen ihres Arbeitens zusammen: „Ein Gedanke, der im Kopf von Daniela Strigl erwacht, hat es sehr gut getroffen, denn dieser Kopf gehört zum Reich des Witzes.“ Des Witzes, so Müller, im Lichtenbergischen Sinne, als „korrosive Kraft“ von erheblicher Prägnanz, und Strigl zitierte Georg Christoph Lichtenberg in ihrer Dankesrede auch noch lieber als Merck. Am liebsten aber zitierte sie Marie von Ebner-Eschenbach: „Es glaube doch nicht jeder, der imstande war, seine Meinung von einem Kunstwerk aufzuschreiben, er habe es kritisiert“, und öffnete so beiläufig den Blick ins digitale Zeitalter und auf eine häufig, aber nicht von ihrer Biografin Strigl unterschätzte Schriftstellerin.

Strigl erinnerte an Reich-Ranickis Wort vom „Irrationalen“, „Schwärmerischen“ als Sphäre der Dichterinnen, und an ihre Vorgängerin Hilde Spiel, die 1981 als erste Merckpreisträgerin mit leiser Ironie erklären musste, es scheine „keineswegs erwiesen“, dass „Frauen weniger geistesstark“ seien als Männer. „1981, das ist lang her, aber es ist nicht graue Vorzeit, und liest man das, erkennt man, dass es ihn doch gibt, den Fortschritt.“

Auch nutzte Strigl aber die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass Streitereien über passende Wortwahl „nicht selten vom Kern der Sache“ ablenkten. „Wer schön spricht, der beschönigt. Das Korrekte korrigiert die Verhältnisse nur in der Rede, nicht im Verhalten“, erklärte sie uns allen.

Für die Akademie, die ihrer Rolle als hellwache Beobachterin der von der Sprache nicht zu trennenden Verhältnisse gerecht wurde, hatte Osterkamp eingangs zwei neue Diskussionsforen angekündigt. Künftig sollen sie jeweils einmal im Jahr im Umfeld der Buchmessen angeboten werden: eine „Leipziger Debatte zur Literatur“ (2020 zum Thema DDR-Literatur „dreißig Jahre später“) sowie eine „Frankfurter Debatte zur Sprache“, die am 14. November in der Evangelischen Akademie auf dem Römerberg das Grundgesetz unter die Lupe nehmen wird. Unter den Mitdiskutierenden auch der neue Büchnerpreisträger.

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