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Die Woge der Panik und danach

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Von: Sylvia Staude

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Ein Teenager verschwindet an der Westküste von Irland. Die Mutter rennt, schwimmt, hofft, wartet.
Ein Teenager verschwindet an der Westküste von Irland. Die Mutter rennt, schwimmt, hofft, wartet. © REUTERS

Kein Satz, kein Wort zu viel: Eine Mutter und ihr adoptiertes Kind stehen im Zentrum der bewegenden Erzählung „Verschwunden“ des irischen Schriftstellers Colum McCann.

Aus einem einzigen Wort, das dem irischen Schriftsteller Colum McCann auffiel und ihn beschäftigte, entstand seine Erzählung „Verschwunden“: Das hebräische „Sh’khol“ bezeichnet Eltern, die ihr Kind verloren haben – in anderen Sprachen, so recherierte McCann, gibt es dafür keine Entsprechung.

Auf Deutsch ist die Erzählung, übersetzt vom famosen Dirk van Gunsteren, in der von Nikolaus Hansen herausgegebenen und ausschließlich Meeresgeschichten gewidmeten „Edition Kattegat“ erschienen. Denn es geht um einen Jungen, Tomas, der so gern im Wasser ist, dass seine Mutter ihm zu Weihnachten einen Neoprenanzug schenkt. Und dann ist der Junge morgens nicht mehr da, verzweifelt die Mutter. Und beginnt an einem Ort an der Westküste von Irland die zweitägige Suche nach dem verschwundenen Teenager.

Im Zentrum stehen die kaum mehr als 48 Stunden, in denen Rebecca, die Mutter, rennt und ruft und sucht, dann hinausschwimmt – sie ist eine exzellente Schwimmerin, sie muss aber am Ende selbst gerettet werden –, in denen sie wartet, in einer Art Betäubung, verstärkt von Beruhigungsmittel (die Polizei, Sanitäter sind mittlerweile da) und wieder sucht, diesmal mit anderen. „Es war der zweite Morgen, den sie draußen verbrachte. (…) So viele Suchmannschaften an den Stränden. (…) Gegen Mittag war sie so erschöpft, dass man sie nach Hause brachte.“

Ihr Mann, Alan, kommt, der sich inzwischen eine frische Familie zugelegt hat, der glattrasiert, schmal und affektiert geworden ist und gegenüber der Polizei ganz unerwartet von „meiner Frau“ spricht. Allan will wissen, warum sie an dem Morgen, an dem Tomas verschwand, so lange geschlafen hat. Er sagt Dinge wie: „Hast du ihm Grenzen gesetzt? Du weißt, dass er Grenzen braucht.“

Denn diese Geschichte handelt nicht von einem durchschnittlichen Teenager. Als er sechs Jahre alt war, haben Rebecca und Alan das gehörlose russische Kind adoptiert – weil es sich spontan nach Rebecca umdrehte, obwohl es sie nicht hören konnte. Sie nahm es als Zeichen.

Aber Tomas ist ihnen ein Rätsel geblieben, auch sieben Jahre und viele Therapien später noch. Die Diagnose der Ärzte lautet fetales Alkoholsyndrom. „Die Experten in Galway sagten, sein Verständnis sei minimal, aber sicher waren sie nicht; niemand war imstande, seine Tiefe auszuloten.“ Es spielt für Rebecca auch keine Rolle, sie liebt Tomas, sie ist seine Mutter, máthair. Sie glaubt, wenn sie ihn ruft, spürt er die Schallwellen.

Er zielt in den Kern der Dinge

Colum McCann, geboren 1965 in Dublin, Autor unter anderem des unglaublichen, flirrenden Nurejew-Romans „Der Tänzer“, Träger zahlreicher Preise, hat „Verschwunden“ poliert, bis kein Satz, kein Wort darin zu viel waren. Der Ire ist kein Freund von Sprachschnörkeln, er fächert nicht – wie es etwa sein Landsmann John Banville tut – mit Lust und Schalk seltene Wörter auf. Er erzählt schlicht, aber alles zielt in den Kern der Dinge, die da verhandelt werden. Ein Bändchen mit weniger als 70 kleinen Seiten Erzählung ist „Verschwunden“, dazu berichtet Nikolaus Hansen von „Spaziergängen mit Colum“.

Die knapp 70 Seiten genügen McCann, um Rebecca – sie ist Übersetzerin aus dem Hebräischen, darum fällt ihr in ihrem Leid „Sh’khol“ ein –, um auch Alan und Tomas mehr als nur oberflächlich zu skizzieren. Man sieht sie vor sich, obwohl jede längere Beschreibung fehlt. Man begreift und fühlt die Situation in Rebeccas Haus. Man bangt. „Die Polizisten kamen und gingen, als hätten sie es lange geübt. Sie schienen miteinander zu verschmelzen: fast als könnten sie die Gesichter tauschen. Es gelang ihr irgendwie, sie an der Art, wie sie Tee tranken, zu unterscheiden.“

Satz um sparsamen Satz möchte man zitieren, so perfekt fasst Colum McCann die Woge der Panik, dann die Stimmung zwischen Angst und Hoffnung, fasst sogar, scheinbar beiläufig, die Vorgeschichte der Figuren. Aber besser, Sie lesen „Verschwunden“ selbst.

Colum McCann: Verschwunden. Erzählung. A. d. Engl. von Dirk van Gunsteren. Dörlemann Verlag, Zürich 2016. 96 S., 15 Euro.

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