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Wodka, Gleitmittel ins Vergessen

Von Berlin nach Moskau zu Fuß: Wolfgang Büschers ergreifender Reisebericht

Von Roland Mischke

Im "radiologisch-ökologischen Reservat" bei Tschernobyl ist Wolfgang Büscher, 51 Jahre alt, mit "Liquidator" Arkadij unterwegs. Der Ex-Offizier war Verantwortlicher bei der Abwicklung der Reaktor-Katastrophe 1986, kennt irrsinnige Bilder und Schicksale und kompensiert sie durch Strenge, Vegetariertum und lauten Verkündigungston. Arkadij gehört zu den "Russen mit ihrem feinen und manchmal überfeinen Sinn für die Apokalypse". Sie geraten an den Leiter des Heimatmuseums, der dem Gast "einen völlig zerschossenen deutschen Landserhelm" mit dem "darin steckenden Originalschädel" schenken will. "Der Name des Gefallenen stand auf der Innenkante des Helms, von dem unglücklichen Landser selbst schön leserlich geschrieben in dicken, dunkelblauen Buchstaben."

Eine typische Szene dieses Erzähl- und Erlebnisbuches, grundiert von russisch-deutscher Geschichte. Sein Autor hat sich per pedes auf den Weg gemacht, trotzt auf rund 2500 Kilometern Straßenräubern, Mafia, Regen und Sturm - "Der Osten gebrauchte die Regenpeitsche, wütend wie ein Kosak" -, ernährt sich tagelang von Wasser und Schokolade, wenn er kein "Ristoran" am Wegesrand findet oder der letzte "Univermag-Laden" sich gegen ihn verrammelt, und erträgt Einsamkeit, bis Tagträume und Katerstimmung ihn peinigen. Polen ist ihm zu wenig Osten: "Das Land und ich liefen aneinander vorbei." Es will sich tiefer in den östlichen Kulturkreis hineinbohren. Weißrussland, das Reich des Diktators Lukaschenko, empfindet er als "ungeheuer müde" und voller Misstrauen. Eine Frau fragt ihn über den Zaun hinweg: "Bist du ein guter Mensch?"

Dann die russische Provinz: Fade westlich übermantelt, das Rot des Kommunismus ist zum Rot von Coca-Cola mutiert. Brandgeruch überall, "speckig gegriffene Gläser und freudlose kleine Freuden". Wodka als Gleitmittel ins Vergessen. Hochsteckfrisuren hartleibiger Frauen, alte Männer auf öffentlichen Plätzen, deren Kriegsgerede stets im Refrain "Ojojojoj!" kulminiert. Junge Leute, "zuckerbäckersüß, Lebenshunger in den Augen", die sich zur Musik von "Ja ljublju teba" (Ich liebe dich) in Trance tanzen.

Männer in Büschers Alter, die ihn bewundern: "Also, nach Moskau wollen Sie gehen?" fragt ein Grenzbeamter. "Nu dawai" (Na dann, vorwärts). "Ich hatte seinen Segen. Wir gaben uns die Hand." Mehr noch sind es Frauen, die ihm wie eine Seilschaft entlang der Strecke Kost, Logis und menschliche Wärme bieten. "Die Resolutheit der russischen Frauen hat mit der Haltlosigkeit ihrer Männer zu tun. Sie geht bis zur Grobheit, kann aber von einem Moment auf den anderen in große Nachgiebigkeit, Zartheit und Fürsorge umschlagen." Das imponiert dem Marschierer. Wird er gefragt, bekennt er: "Ich liebe Russland." Und blickt in glänzende Augen.

Das ist der Bericht einer ganz persönlichen Osteroberung. Er gehört in den Deutschunterricht, hat den höchsten Reiseliteraturpreis verdient und schafft es, den magischen Realismus, mit dem etwa Gabriel García Márquez Lateinamerika erklärt hat, auf Mittelosteuropa auszuweiten. Alles ist voller Symbolik, verweist auf anderes, macht den Fußmarsch zum Bußweg. "Sie haben was gutzumachen, wie?" fragt ihn ein polnischer Intellektueller. Zugleich holt den Wanderer die Erkenntnis heim, wie wenig er, wie wenig wir vom Osten Europas wissen. "Ich hatte nicht einmal Reiseführerideen von den Städten."

Wolfgang Büscher hat dieses Buch durchkomponiert, seine Dramaturgie nimmt den Leser gefangen. Es ist vor allem Geschichtsaufarbeitung von unten. Der "Landstreicher" quert die Routen der Heere Napoleons und der Heeresgruppe Mitte, hält Andacht auf Schlachtfeldern und meditiert über polnische Eliten, Stalins Opfer von Katyn. Dass Gras darüber gewachsen ist, kann den beschwerlich Reisenden nicht irritieren. Sein Großvater war in Russland gefallen, als Schüler hing er einem betagten Wehrmachtsangehörigen an den Lippen, der von der Weite und Ungeheuerlichkeit Russlands schwärmte, und die Denkmäler und Kriegsveteranen mit den Ordensleisten lassen ihn nirgendwo vergessen, dass er Schritt um Schritt auf historisch kontaminierten Boden setzt. "Wenn das Land etwas im Überfluss hatte, waren es Monumente, die Erinnerung wog nach Tonnen." Er verspürt "etwas wie Mitleid mit dem Kommunismus" - "Alt war er. Ich ging durch sein gefallenes Reich" -, dann Wut, dann wieder Stille.

Den Rucksack, den Büscher trägt, leert er immer mehr. Das "Zwei-Hemden-zwei-Hosen-System" reicht ihm. In abgeschrabbelten Militärhosen, kahl geschoren und mit leidlichen Sprachkenntnissen strebt er durch eurasische Gefilde gen Moskau, wie seine Altvorderen. Zufallsbekanntschaften, Sympathiebegegnungen halten ihn in der Spur. Er blickt in wache Augen, hört ungeheuerliche Geschichten, begreift, dass zwischen den Völkern nichts vorbei, nichts vergessen ist, erlebt versöhnliche Gesten. Das macht auch das schwere Historiengepäck leichter. "Wer je einen Weg unter ähnlichen Umständen ging, weiß, dass ein Handschlag, ein einziges Wort die Macht hat, einen Verzagenden glücklich zu machen, bereit, den Weg noch einmal zu gehen und noch ein weiteres Mal, wenn es sein muss."

Wolfgang Büscher: Berlin-Moskau. Eine Reise zu Fuß. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2003, 237 Seiten, 17,90 €.

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