11. November 1944: Das US-Militär erinnert mit einer Parade im befreiten Paris an den Sieg über Deutschland im Ersten Weltkrieg.
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11. November 1944: Das US-Militär erinnert mit einer Parade im befreiten Paris an den Sieg über Deutschland im Ersten Weltkrieg.

Geschichte

Wo Hitler seinen größten Feind sah

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Der Historiker Brendan Simms geht dem frühen Antiamerikanismus und Antikapitalismus des Diktators nach – und erklärt, dass dieser keinen Plan für eine Weltherrschaft hatte.

Sie erinnern sich an die großartigen zwei Minuten und 40 Sekunden, in denen Charles Chaplin als der große Diktator den Globus, einen Luftballon, in Händen hält, ihn zur Zimmerdecke kickt, sich auf seinen Schreibtisch legt und die Welt mit seinem Hintern in die Luft jagt. Er spielt und tanzt mit ihr zur Musik von Richard Wagners „Lohengrin“-Ouvertüre. Plötzlich platzt der Luftballon. Der Traum von der Weltherrschaft ist zerstoben.

Chaplins Film „Der große Diktator“ kam am 16. Oktober 1940 in die Kinos. In Chicago wurde er nicht gezeigt. Der Verleih befürchtete, die vielen dort lebenden Deutschstämmigen würden gegen den Film Sturm laufen. Dennoch wurde der Film einer der größten Kassenerfolge Chaplins. Am 11. Dezember 1941 erklärten Deutschland und Italien den USA den Krieg. Am selben Tag noch antworteten die USA ihrerseits mit einer Kriegserklärung. Das hatte mit Chaplins Film nichts zu tun: Ursache war der japanische Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember.

Die Szene wird jedem Leser von Brendan Simms’ Buch „Hitler – Eine globale Biographie“ einfallen. Der 1967 in Irland geborene Historiker ist Professor für die Geschichte europäischer Außenpolitik am Centre for Geopolitics der Universität Cambridge. In seiner 1050 Seiten umfassenden Biografie Hitlers geht er auf dessen Weltherrschaftspläne ein. Hitler, so schreibt er, habe keine gehabt. Niemals habe er ernsthaft daran geglaubt, die USA besiegen zu können. Hitler wollte „Lebensraum“, um Deutschland die Möglichkeit zu geben, neben dem „angloamerikanischen Kartell“ bestehen zu können. Dabei würden die slawischen Völker ausgerottet und ausgehungert werden. Aber zu keinem Zeitpunkt schwebte ihm eine Aufteilung der USA zwischen Japan und Deutschland vor, wie wir dies aus Philip K. Dicks genialer Dystopie aus dem Jahre 1962 oder aus deren Verfilmung „The Man in the High Castle“ (US-Fernsehserie 2015 bis 2019) kennen.

Hitler hatte keinen Plan für eine Weltregierung. Er wusste 1941, so Simms, dass die wirtschaftlichen Kapazitäten Großbritanniens und der USA die sämtlicher unter deutscher Herrschaft stehenden Territorien bei weitem überstiegen. Simms zeigt, wie das Ausmaß von Hitlers Machtträumen mit der Zahl der zu besiegenden Feinde stetig zunimmt. Niederlagen sind undenkbar für ihn, selbst taktische Rückzüge betrachtet er als Verrat. Die Welteroberung jedoch kommt – selbst als er das Gefühl hat, dass die ganze Welt sich gegen ihn stellt – nie auf seine To-do-Liste. Globale Träume, wie Chaplin sie Hitler träumen lässt, habe „der Führer“ in der Realität niemals gehabt.

Simms’ Buch eröffnet eine ungewohnte Perspektive auf Hitler. Er sieht dessen Anti-Amerikanismus als große Konstante seiner Weltanschauung. Der Cambridge-Professor verwendet für seine Darstellung der Entstehung von Hitlers Weltbild ausschließlich die jeweils zeitgenössischen Quellen. „Mein Kampf“, Hitlers Self-made-Mythos aus dem Jahre 1925, spielt also so gut wie keine Rolle für die Präsentation von Hitlers frühen Jahren.

Brendan Simms teilt die Auffassung der Mehrzahl der neueren Biografen, dass Hitler sich bis in den Ersten Weltkrieg hinein nicht sonderlich für Politik interessiert habe. Richard Wagner und die Architektur – darum ging es dem jungen Mann. Für Simms war es „nicht der Krieg, der Hitler prägte, auch nicht die Revolution, es war der Frieden“: Den Friedensvertrag von Versailles begriff Hitler mit Millionen anderen Deutschen als tiefe, gewissermaßen persönliche Demütigung.

Simms weist darauf hin, dass in den ersten überlieferten Äußerungen des Agitators die Territoriumsverluste des Deutschen Reichs kaum eine Rolle spielen. Beklagt werden vielmehr die Reparationszahlungen, die Deutschland für Generationen strangulieren würden. Die Propaganda des seit Herbst 1919 überaus erfolgreichen Redners erst der Deutschen Arbeiterpartei, dann der aus ihr hervorgegangenen NSDAP, richtete sich – das ist eine der zentralen Beobachtungen von Simms – gegen Großbritannien und die USA. Der frühe Antisemitismus Hitlers war ein Antikapitalismus. Es ging gegen „den Tanz ums goldene Kalb“ in Berlin und an der Wall Street.

Das Buch

Hitler – Eine globale Biographie. A. d. Engl. v. Klaus-Dieter Schmidt. DVA, München 2020. 1050 S., 44 Euro.

Seine ersten politischen Vorträge hatte Hitler im August 1919 noch in seiner Reichswehreinheit gehalten. Er gehörte damals zu einem „Aufklärungskommando“ der Propagandaabteilung der Rest-Reichswehr. In der, erklärt Simms, dominierte die Auffassung, der internationale Kapitalismus sei für die Niederlage Deutschlands verantwortlich. Diesem Topos folgte Hitler in seinen frühesten überlieferten Reden.

Die Auffassung des Historikers Ernst Nolte, dass der Nationalsozialismus als eine Reaktion auf die Verheerungen der Russischen Revolution entstanden und also eine Antwort auf den Bolschewismus sei, findet keine Stütze in den ersten Äußerungen Hitlers. Noch zwei Jahre nach der Oktoberrevolution verliert er kein Wort über Kommunismus, Bolschewismus und die Sowjetunion.

Natürlich ist es einigermaßen gewagt, aus dem Fehlen bestimmter Erklärungsmuster in den wenigen erhaltenen Texten der Zeit darauf zu schließen, dass sie bei Hitler damals keine Rolle gespielt hätten. Aber selbst als kurz darauf die Sowjetunion erwähnt wird, steht sie nicht im Zentrum von Hitlers Polemik. Simms schreibt: „Vorläufig betrachtete Hitler die Slawen als Opfer des jüdischen Kapitalismus, ein Schicksal, das sie mit den Deutschen teilten, und hoffte auf ein Wiederaufleben der ‚wahren‘ russischen Seele in der Sowjetunion. Noch deutete nichts auf territoriale Ansprüche auf Gebiete im Osten hin. Mitleid, nicht Feindschaft bestimmte seine damalige Haltung gegenüber den Russen.“

Man wird wohl auch davon ausgehen müssen, dass Hitler seine Reden dem jeweiligen Publikum anpasste. Dabei war er kein bloßer Opportunist. Er widersetzte sich zum Beispiel mit der ganzen ihm zur Verfügung stehenden Energie den damals grassierenden Forderungen nach einem bayerischen Separatismus. Er war, obwohl er sich gerne als „Bajuware“ bezeichnete, ein deutscher Nationalist, für den Berlin selbstverständlich die Hauptstadt des Deutschen Reiches war.

Hitlers Antisemitismus, so Simms, kam später als sein Antiamerikanismus, überschwemmte dann aber alle anderen Vorurteile. US-Präsident Roosevelt zum Beispiel wird von Hitler kaum noch erwähnt, ohne dass er als Getriebener des jüdischen Finanzkapitals charakterisiert wird. Am Ende zieht sich alles auf die Judenvernichtung zusammen. Anfang 1942 lebten die meisten europäischen Juden noch. Ende des Jahres waren sie tot.

Hitlers Judenhass wurzelte, so Simms, „weniger in seinem Hass auf die radikale Linke als vielmehr in seiner Feindschaft gegenüber der globalen Hochfinanz“. Max Horkheimer hatte in den ersten Septembertagen 1939 den Aufsatz „Die Juden und Europa“ geschrieben. Viel zitiert wurde daraus der Satz: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Simms paraphrasiert: „Wer nicht über Hitlers Antikapitalismus reden möchte, sollte auch über seinen Antisemitismus schweigen.“

Es gibt jede Menge eindrücklicher Beobachtungen auf diesen tausend Seiten. So beschreibt Simms gleich am Anfang, wie Hitler im Hochsommer 1918 die ersten amerikanischen Soldaten sah: „groß gewachsene Menschen, Menschen unseres eigenen Blutes, die wir selbst jahrhundertelang abgeschoben hatten und die jetzt bereit waren, das Mutterland selbst in Grund und Boden hineinzutreten“.

Für den Gefreiten Hitler war klar: Die ausgewanderten Deutschen haben nicht nur die USA groß und stark gemacht; sie sind auch selber größer und stärker als die Daheimgebliebenen. Sein Ziel war es fortan, Deutsche zu züchten, die nicht ihm ähnelten, sondern den Amerikanern. Die einst Abgeschobenen kommen zurück und rächen sich fürchterlich, dafür hatte Hitler sogar Verständnis. Das einen ablehnende Vaterland muss damit rechnen, eines Tages selbst abgelehnt zu werden.

Wer die Hitler-Notiz über die „großen“ heimkehrenden Amerikaner liest, erinnert sich dabei womöglich, so wie ich selbst, an die Legende, die Azteken hätten die spanischen Truppen für heimkehrende Gottesboten gehalten. Eine kolonialistische Wandermythe, die das blutige 20. Jahrhundert mitgeprägt hat.

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