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Der Dramatiker Lars Noren.
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Der Dramatiker Lars Noren.

Nachruf auf Lars Norén

Wo der Kern der Wahrheit über uns steckt

  • vonStefan Michalzik
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Die Ausgelieferten: Zum Tod des schwedischen Schriftstellers, Dramatikers und Theatermachers Lars Norén.

Die Periode, in der ich Stücke über den Kapitalismus und den Zerfall der Bourgeoisie geschrieben habe, ist abgeschlossen“, hat Lars Norén um das Jahr 2000 herum geäußert. Das war die Werkphase, in der Stücke wie „Personenkreis 3.1“ (1998) auf die Bühnen kamen.

Es waren „Menschen außerhalb jeder Klasse“, mit denen sich der schwedische Dramatiker Lars Norén nun beschäftigte. Prostituierte, Drogenabhängige, Alkoholiker, Obdachlose, sowie, in „Schattenjungs“ (1999), die Insassen forensischer Kliniken, solchen also, in denen Vergewaltiger, Frauenmörder und pädophile Straftäter verwahrt werden. Sieben Fallstudien hat Norén zur Grundlage des Stücks gemacht.

Nicht eine psychologisch motivierte Forschung an den Ursachen hatte er dabei im Sinn, sondern vielmehr die gesellschaftliche Analyse sowie eine gesellschaftliche Debatte, die über eine eilfertige Aburteilung hinausweisen sollte. Mit seinem Gefängnisprojekt „Sieben drei“, das er 1999 mit drei neonazistischen Straftätern entwickelt hatte, setzte sich Norén dem Vorwurf aus, zu Rechtsradikalen nicht genug Distanz zu halten. Erst recht machte die Aufführung Skandal, als einer der Freigänger entwich und nach einem Bankraub auf der Flucht zwei Polizisten erschoss.

Er wolle, erläuterte Lars Norén seinen Ansatz der dokumentarischen Unmittelbarkeit eines „soziologischen Theaters“, eine Atmosphäre erzeugen, die das Publikum verunsichere, mittels eines Anscheins der Authentizität. „Mein Gedanke ist, dass die Ausgelieferten, die Diskriminierten den Kern der Wahrheit in sich tragen und dass sie es sind, die die Wahrheit über uns definieren.“

Sein Debüt waren Gedichte

Sein literarisches Debüt hatte der 1944 in Stockholm geborene Schriftsteller 1963 mit dem Gedichtband „Sirenen, Schnee“ gegeben. Es folgten zahlreiche weitere Lyrikveröffentlichungen sowie mehrere Romane. Anfang der siebziger Jahre hatte er zudem angefangen, für das Theater zu schreiben, von den neunziger Jahren an inszenierte er auch. 1998 wurde er für beinahe zwanzig Jahre Intendant des Riksteatern in Stockholm.

Mehr als deutlich August Strindberg, dazu Eugene O’Neill und Ingmar Bergman – das sind die Vorbilder für Noréns Beziehungsdramen wie „Nachtwache“ und „Dämonen“ und für Familienstücke wie „Bobby Fischer wohnt in Pasadena“, in denen aus boulevardhaften Dialogen langjährig schwelende Konflikte hervorbrechen. War der Anspruch des „gut Gebauten“, der geschliffenen Form und Sprache ablesbar, so uferten die Stücke doch zuweilen arg aus. Manche der Beziehungsstücke muteten wie mäßig überraschende Varianten des Allzu-Bekannten an; „Tricks or Treats“ (1989) etwa kam mit seinem kampfbereiten Doppelpaar einer Überschreibung von Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ nahe.

Einen entscheidenden Anteil an der Durchsetzung von Noréns Werken in Deutschland hatte Thomas Ostermeier. Im Jahr 2000 eröffnete er seine Intendanz an der Berliner Schaubühne mit „Personenkreis 3.1“, hinter dessen Titel eine verwaltungsbürokratische Bezeichnung von „Randgruppen“ steht. Zumal auf den deutschsprachigen Bühnen hat die Wahrnehmung der Stücke des einst weltweit vielgespielten Dramatikers zuletzt stark nachgelassen.

Am Dienstag ist Lars Norén im Alter von 76 Jahren in einem Stockholmer Krankenhaus an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

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