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Geschichte

Wlodzimierz Borodziej ist tot: Ein streitlustiger Vermittler

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Zum Tod des polnischen Historikers Wlodzimierz Borodziej.

Im westukrainischen Lviv war es 2007 im Rahmen einer Tagung zur Geschichte der Stadt Lemberg zu einer bemerkenswerten Kontroverse zwischen dem ukrainischen Schriftsteller Juri Andruchowytsch und dem polnischen Historiker Wlodzimierz Borodziej gekommen, die die zahlreichen Deutschen unter den Anwesenden spürbar irritierte. Die Auseinandersetzung führte vor Augen, wie wenig die emotionalen Verletzungen, die die Vertreibungen in Wolhynien und Ostgalizien hinterlassen haben, auch nach 1989 Linderung erfahren hatten.

Komplizierte Bewegungen

Mit dem Verweis auf die Vertreibungen der polnischen Bevölkerung hatte der 1956 in Warschau geborene Wlodzimierz Borodziej deutlich gemacht, wie schwach die seit 1943 von ukrainischen Nationalisten betriebene Entpolonisierung im europäischen Bewusstsein verankert ist. Bis zum Juni 1944 verließen mehr als 300 000 Polen Ostgalizien aus Angst vor Angriffen ukrainischer Einheiten. Aus vielen Regionen zog die polnische Bevölkerung fast vollständig fort.

Im Kontext der Debatten um die kürzlich eröffnete Dauerausstellung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung war es ein wichtiges Anliegen Borodziejs, immer wieder auf die vielfältigen und widersprüchlichen Vertreibungsbewegungen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufmerksam zu machen.

Obwohl Borodziej ein gefragter Autor und Gesprächspartner auf vielen zeithistorischen Podien war, sind vergleichsweise wenige seiner Arbeiten ins Deutsche übersetzt. 2010 erschien seine „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ bei C. H. Beck, einige Jahre zuvor hatte der S. Fischer Verlag seine Arbeit über den „Warschauer Aufstand 1944“ publiziert. In einer mehrbändigen Studie (zusammen mit Maciej Górny) ist ferner sein Beitrag „Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912–1923“ enthalten.

In den politischen Debatten war Wlodzimierz Borodziej zugleich geschätzt und gefürchtet, weil seine Positionen selten vorhersehbar waren. In der Frage, ob in Berlin ein Denkmal errichtet werden solle, das an die sechs Millionen polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs erinnert, war er eher skeptisch und verwies auf eine allgemeine Inflation an Denkmalen. Die polnische PiS-Regierung kritisierte er für deren Haltung, an einem polnischen Opfernarrativ festzuhalten.

2008 war es zu einer scharfen Kontroverse um Borodziej gekommen, in der sein Historikerkollege Bogdan Musial ihm vorgeworfen hatte, seine wissenschaftliche Karriere der Förderung durch den polnischen Staatssicherheitsdienst SB zu verdanken, in dem Borodziejs Vater ein leitender Offizier war. Borodziej zeigte sich verletzt und entgegnete, die Gleichsetzung heute agierender Personen mit den Biografien ihrer Familienmitglieder wecke bei ihm „die schlimmsten Assoziationen“.

Am Montag ist Wlodzimierz Borodziej im Alter von 64 Jahren gestorben.

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