Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.
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Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.

Literaten-Lebensläufe

Das Wissen, dass es endet

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Matthias Bormuth zeichnet die Wege von vier „Verunglückten“ nach: Jean Améry, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson, Ulrike Meinhof.

Sie waren hochbegabt. Auf dem Gipfel ihres Lebens näherten sie sich dem Ruhm, wurden gedruckt, kritisiert, bekämpft und waren nicht selten vielbeachtete und umstrittene Gäste in den Talk-Runden des Fernsehens, wenn es um Literatur oder Politik, Vergangenheitsbewältigung oder Zukunftsvisionen ging. Sie gehörten zur intellektuellen Elite der Bonner Republik. Jean Améry überlebte die Hölle von Auschwitz. Ingeborg Bachmann verlor sich im seelischen Dunkel ihrer großen dichterischen Existenz. Uwe Johnson blieb der geniale Einzelgänger, der an seiner „Heimatlosigkeit“ zerbrach. Ulrike Meinhof ging den weiten, schließlich brückenlosen Weg, der sie von den Höhen einer strengen protestantischen Ethik in den Abgrund des Terrorismus stürzen ließ.

De Schriftsteller Jean Améry.  

Schwere Depressionen suchten sie alle heim, und sie verzweifelten an sich und an den Weltenläufen. Matthias Bormuth spricht in seinen vier nachdenklichen Porträts „Die Verunglückten“ davon, dass „in allen Fällen suizidale Züge zu erkennen (sind), die erlauben, von säkularisierten Passionsgeschichten zu sprechen“.

Der in Österreich geborene Jude Jean Améry wird im besetzten Frankreich zum Widerstandskämpfer und in den Gefängnissen und Konzentrationslagern der Nationalsozialisten gefoltert. Seine in den Nachkriegsjahren geschriebenen Essays und Romane stehen unter dem Bann des Erlebten. Es sind nahezu immer „Bewältigungsversuche eines Überwältigten“. 1976 erscheint sein „Diskurs über den Freitod“. Ein Hoffnungsloser, der sich auf dieser Erde immer fremder fühlt, schreibt mit intellektueller Unerbittlichkeit über die Freiheit „Hand an sich (zu) legen“.

Berührend, bei Bormuth zu lesen, wie er verzweifelt, weil sein letzter Roman-Essay („Lefeu oder der Abbruch“) bei der Kritik nicht den Erfolg hat, den er sich so sehnlich wünscht. So muss er in der FAZ die leichtfertige und tief kränkende Überschrift über einer Rezension von Marcel Reich-Ranicki lesen: „Schrecklich ist die Verführung zum Roman“. Am 19. Oktober 1978, zwei Tage nach seinem Tod in Salzburg, berichtet die „Wiener Presse“: „Aus den Phiolen seiner Medikamente fehlten etwa fünfzig Tabletten.“ Das „Leben eines Schiffbrüchigen“ endet in einem Hotelzimmer.

Das Leben der großen Lyrikerin und Erzählerin Ingeborg Bachmann, schreibt rückblickend der Weggefährte und Freund Hans Magnus Enzensberger, „reicht für mehr als einen Roman ...“. Gedichtbände wie „Die gestundete Zeit“ oder „Anrufung des großen Bären“ begründen in den fünfziger und sechziger Jahren ihren Ruhm, zu „Malina“, einem der bedeutendsten Romane Österreichs, kommen wunderbare Erzählungen und eine Fülle von Prosafragmenten.

Das Buch:

Matthias Bormuth: Die Verunglückten. Bachmann, Johnson, Meinhof, Améry. Berenberg Verlag, Berlin. 247 S., 25 Euro.

Moralisch rigide („Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“) mischt sich die in Klagenfurt geborene und aufgewachsene Dichterin ein in die Geschehnisse ihrer Zeit – an der sie angesichts der deutsch-österreichischen Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen ebenso leidet wie angesichts der nie endenden Kriege und der demokratischen Defizite, die sie auch in der westlichen Welt zu erkennen meint. Die Büchnerpreisträgerin von 1964 zieht sich immer mehr zurück, lebt in Zürich und Rom, reist viel, und die wachsende Alkohol- und Tablettensucht erfordert monatelange Klinikaufenthalte. Das fiktive Schreiben, sagt Ingeborg Bachmann in einer ihrer Frankfurter Poetikvorlesungen, habe alle sprachliche und weltanschauliche Gewissheit verloren.

Es ist ein leidenschaftliches Leben, von Männern mitbestimmt, die sie verlassen. Paul Celan und Max Frisch zählen zu den schwierigen Geliebten, an denen sie nach der Trennung zu zerbrechen droht. „Zu Bachmanns Lebensgesetz“, schreibt Bormuth, „gehörte die Freiheit, der Liebe in all ihren Bewegungen folgen zu dürfen“. In der Nacht zum 26. September 1973 erleidet sie bei einem Brand in ihrem Zimmer schwere Verletzungen. Ingeborg Bachmann stirbt am 17. Oktober in einem römischen Spital. Wohl nicht zuletzt ist es der radikale Drogenentzug im Krankenhaus, der ihr Leben beendet. „Ich will nichts mehr für mich. Ich will zugrunde gehen“, heißt es in „Böhmen liegt am Meer“.

Bachmanns Briefpartner und Freund Uwe Johnson ist ebenfalls ein Gefährdeter. Nach seinem deutsch-deutschen Wechsel in Richtung Westen (1959) bleibt der in Pommern geborene Schriftsteller, der in Güstrow aufwächst und in Leipzig studiert, ein Heimatsucher. Ein empfindsamer, schwieriger Intellektueller ist der Autor der meisterhaften „Jahrestage“, der mit dem Scheitern seiner Ehe seelisch zusammenbricht. In der „Skizze eines Verunglückten“ verarbeitet Johnson das traumatische Erlebnis des ehelichen Verrats, den er nie überwinden wird.

Schließlich zieht sich Uwe Johnson auf die Themse-Insel Sheerness on Sea zurück. Hier trinkt er sich vom Leben in den Tod. Im Februar 1984 ist es so weit. „Biographisch ist der suizidale Zug in seinem Denken“, schreibt Bormuth, „auch an einem Gedicht Fontanes festgemacht worden, das Johnson in einer Sendung für den Norddeutschen Rundfunk als ihm wertvoll bezeichnet hatte: Leben; wohl dem, dem es spendet / Freude, Kinder, täglich Brot, / Doch das Beste was es sendet, / Ist das Wissen, dass es endet, / Ist der Ausgang, ist der Tod.“

Auf den ersten Blick überrascht es, dass Bormuth in die Reihe der Verunglückten auch die als RAF-Täterin endende Ulrike Meinhof aufgenommen hat. Aber rasch wird deutlich, dass die linke Intellektuelle und viel beachtete Kolumnistin („Konkret“) mit ihrer nahezu absoluten moralischen Konsequenz auf alle „bürgerlichen Sicherungen“ verzichtet, „weil sie sich das Elend der Menschen so auf den Leib rücken ließ“ (Helmut Gollwitzer).

Ein konsequentes Leben ist es, das an seinem Rigorismus scheitern muss. Die hochintelligente Tochter aus bürgerlichem Haus, die sich für den „Kampf gegen den Atomtod“ engagiert, gerät durch ihre Heirat mit dem zwielichtigen „Konkret“-Herausgeber Klaus Röhl in die Hamburger Schickeria. Nach der Baader-Befreiung im Mai 1970 in Berlin taucht sie in den terroristischen Untergrund ab.

Der Wirklichkeitsverlust im Denken und Handeln der Ulrike Meinhof endet in einer Katastrophe. Am Ende werden die Depressionen der isolierten und von ihren RAF-Mithäftlingen gedemütigten Gefangenen unerträglich und führen am 9. Mai 1976 zum Suizid in einer Zelle des Hochsicherheitstrakts im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim.

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