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Siri Hustvedt in Barcelona, Spanien.

Literatur

Du wirst bestimmt einmal eine gute Krankenschwester

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Ein Porträt der Künstlerin als junge Frau: Siri Hustvedts Roman „Damals“ führt vor allem in das New York der späten siebziger Jahre.

Der neue Roman von Siri Hustvedt ist ein ausuferndes Gebilde. Es ist aber auch eine Spurensuche und Selbstvergegenwärtigung zu einer Stunde der Geschichte, in der Frauen sich wieder fragen, wo sie stehen und warum. Hatte die US-amerikanische Schriftstellerin im Vorgängerroman „Die gleißende Welt“ einen scharfen Blicke, viele scharfe Blicke auf die Situation von Frauen in der Kunst geworfen, so geht es in „Damals“ selbsterforschend und unverbrämt um „ein Porträt der Künstlerin als junge Frau“.

Der autobiografische Anteil wirkt dabei größer, als er ist – gerade erst hat Hustvedt im Interview mit dem englischen „Guardian“ darauf hingewiesen. Nein, sie sei in ihrem ersten New Yorker Jahr zwar pleite gewesen, habe aber nicht in Mülltonnen nach Essen gesucht. Nein, sie sei in ihrem ersten New Yorker Jahr zwar belästigt worden, aber nicht fast vergewaltigt. Ohnehin weist sie im Buch selbst den Weg in die Fiktion. Der spätere Mann der Protagonistin heißt nicht Paul (wie Paul Auster, den Hustvedt 1982 heiratete) und ist kein Schriftsteller, sondern er heißt Walter und ist Physiker. Der Vater der Protagonistin ist nicht Historiker, sondern Arzt. Darum kann er zu seiner medizinisch interessierten Tochter freundlich den markerschütternden Satz sagen: „Oh, du wirst mal eine gute Krankenschwester werden.“

„Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen“

Das Spiel mit Realität und Fiktion ist eine allgemein anerkannte Romankonvention, allerdings diesmal auch irritierend. „Damals“ wirkt nicht verspielt, es wirkt, wie das Ende des Spiels, die Suche nach dem Klartext. Faszinierend: Während die Protagonistin in „Damals“ versucht, die Vergangenheit zu rekonstruieren und eventuell zu begreifen, während es also um Fragen der Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst geht, wird die Leserin die Erzählerin S.H. vermutlich ständig mit Siri Hustvedt verwechseln. Man glaubt S.H. jedes Gefühl und fast jedes Wort. Das ist die Kunst des literarischen Schreibens.

Eine 23 Jahre alte Schriftstellerin in spe aus Minnesota (wie Hustvedt) sucht im New York von 1978/79 ihren ersten Roman. „Sie war auf etwas aus, was sie nicht wirklich verstand. Sie war auf eine Geschichte aus, die in ihr sang.“ Eine 61 Jahre alte Schriftstellerin sucht im New York von 2016/17 ihr früheres Ich, um zu verstehen „wie sie und ich miteinander verwandt sind“. Eine flüchtige Verwandtschaft. Denn „die Vergangenheit ist fragil, fragil wie Knochen, die mit dem Alter brüchig geworden sind“, und die Erinnerung eine unzuverlässige Kantonistin. Dazwischen wimmeln die Figuren eines intellektuell polierten, teils witzigen Detektivromans unter altklugen Kindern, um den es nicht allzu schade zu sein scheint.

Siri Hustvedt: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen. Essays über Kunst, Geschlecht u. Geist. Rowohlt. 525 S., 26 Euro.

Die Ich-Erzählerin S.H., das trifft sich fast zu gut, aber auch das glaubt man ihr, hat ihr Tagebuch von damals gefunden. Ihren Erinnerungen kann sie nun die sozusagen objektive, zumindest dem Damals nahe Version gegenüberstellen und dem Buch drei Ebenen geben. Eine ältere Frau erinnert sich, eine jüngere Frau erzählt von ihrem Tag, fiktive Spürnasen mühen sich mit fiktiven Problemen ab. Die jüngere Frau korrigiert die Erinnerungen der älteren, die ältere staunt über die Wehrlosigkeit der jüngeren, die allerdings auch selbst bereits mit dem Staunen darüber angefangen hat.

Es sind die (Tagebuch-)Szenen aus dem New York Ende der siebziger Jahre, die den größten Reiz von „Damals“ ausmachen. Einem verschwundenen New York, wie S.H. heute ohne Bitterkeit und ohne Einschränkung feststellt: schäbiger, verrauchter, bewohnbarer. Die Kakerlake in S.H.s winziger und mit selbstgebauten Möbeln und Büchern gefüllter Wohnung hat die Größe von Gregor Samsa. Aber S.H. tastet sich glücklich in ihrem neuen Leben voran, fabelhaft, wie die Autorin das Jungsein wirklich zu packen bekommt. S.H. liest – wie Siri Hustvedt ist sie eine rasende, vorurteilsfreie Allesleserin, zu ihren Göttinnen und Göttern gehören Djuna Barnes, John Ashbery oder (originell) Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven. S.H. liest, schreibt, zeichnet (im Buch gibt es Abbildungen, ohne die man leben könnte), redet, hat Sex und feiert. Als ihr Geld alle ist und die Mülltonnenfunde sie nicht mehr über die Runden bringen, sucht sie sich einen Job. S.H. weiß noch, dass sie keine Panik bekommen hat und kommentiert das mit einem ihrer gelegentlichen glasklaren Merksätze zum Leben in Amerika: „Ihre Hautfarbe und Klasse machten sie immun gegen diese Art von Pessimismus.“

Wohlerzogen über dumme Witze lachen

S.H. lernt Männer kennen. Die meisten sind nicht sexuell, aber intellektuell eine Enttäuschung für sie. Sie ist eine gute und empfindliche Beobachterin, registriert, wie der Ehemann seine Frau beim munteren Abendessen im Freundeskreis zum Schweigen bringt. Jetzt fällt ihr auch auf, wie er – „eine Geste entspannter Kolonisierung“ – den Arm um die Stuhllehne seiner Platznachbarin legt. Es entgeht ihr nicht, wie Frauen an den Lippen redender (dozierender) Männer hängen. Wie sie wohlerzogen über dumme Witze lachen. Wie Männer nicht einmal lächeln, weil ihnen offenbar keiner beigebracht hat, unauffällig und freundlich zu sein. Zu Männern sagen freundliche Väter allerdings auch nicht: „Oh, du wirst mal eine gute Krankenschwester werden.“ Gegen energische Frauen sind Männer schnell gereizt, Frauen auch. „Merken Sie sich“, sagt die energische Patty zu ihr: „Die Welt liebt starke Männer und hasst starke Frauen.“

Siri Hustvedt: Damals. Roman. A. d. Engl. v. Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt, Reinbek 2019. 448 S., 24 Euro.

Malcolm kommt ihr wenigstens klug vor, und „ich, S. H., die unersättliche Studentin aller Bibliotheken, las jeden Band, der er mir empfahl ... Er las keines von den Büchern, die ich liebte – eine Wahrheit, die erst heute die Alarmglocken in meinen Ohren schrillen lässt“. Der Yale-Student, der sie nach einer Party in ihrer Wohnung überfällt, gehört dagegen zu denen, die es ohnehin gar nicht aushalten, einer blonden, großen, schlanken Frau zu begegnen, die mit ihnen über Philosophie reden will. Warum hat sie nicht verhindert, dass er in ihre Wohnung kommt? Eine verschrobene Nachbarin rettet sie.

Denn S.H. lernt auch Frauen kennen. Die Geschichte ihrer Nachbarin Lucy ist eine Tragödie, von Hustvedt skurril geschnitten mit einer Gruppe Hexen, der sich Lucy angeschlossen hat. Die Hexen hätten S.H. gerne in ihrer Mitte. S.H. weiß nicht recht. Die Leserin weiß auch nicht recht. S.H.s Abstand zur Magie ist jedenfalls größer als zur Psychoanalyse.

Die Gegenwart heißt Donald Trump

Die Gegenwart von „Damals“ sind Trumps USA, die nicht vom Himmel gefallen sind. S.H. erinnert sich, wie sie als Kind (mit dem Vater beim Hausbesuch oder etwas in der Art) angezischt wird: „Bist dir wohl zu schade für uns, was?“ „Die Menge ist Gefühl“, erklärt die S.H. von 2017, „und der große Mann ist ihr Weg von der Scham zum Stolz.“

„Damals“, so direkt, plastisch und analytisch, dann wieder so vergnügt theoretisierend und abschweifend, ist eine Spurensuche auch für Leserinnen (und hoffentlich Leser). Das gilt für jedes Buch, aber nicht jedes geht damit in die Offensive. „Wir alle leiden, und wir alle sterben“, schreibt die ältere S.H. einmal, „aber Sie, die Sie dieses Buch gerade lesen, sind noch nicht tot. Ich bin womöglich tot, aber Sie nicht. Sie atmen beim Lesen ein und aus, und wenn Sie eine Pause machen und Ihre Hand auf die Brust legen, fühlen Sie Ihr Herz schlagen ... .“

Einige Passagen in „Damals“ sind essayistisch. Das hat etwas Amerikanisches und viel Hustvedt’sches. Einen Aufsatz über Sören Kierkegaard konnte sie nicht wie geplant in einer Fachpublikation unterbringen, weil diese ausdrücklich Essays in Ich-Form ablehnte. Ironisch findet Hustvedt das im Zusammenhang mit Kierkegaard, einem Ich-Schreiber vor dem Herren. Zu lesen ist der Text nun im Essay-Band „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“, der über viele Fäden mit „Damals“ verknüpft ist. Sei es die Selbstverständlichkeit, mit der Buch und Leserin sich verbinden – „Jedes Buch, das mich verändert, wird ich“ –, sei es ein weiteres schönes Beispiel für die kleinen Abwertungen, die das Berufsleben einer Frau durchziehen (durchzogen haben?): „Sie sollten weiterschreiben“, erklärt der französische Altverleger zur erfahrenen Schriftstellerin. „Ich spreche nicht über Gefühle, aber ich schreibe viel über Gefühle. Lesen ist weiblich, schreiben ist männlich“, sagt Karl Ove Knausgard. Siri Hustvedt erklärt in Ruhe, warum solche Sätze – auch von Frauen gesagt, Frauen sagen ihr: „Sie schreiben wie ein Mann“, und meinen es als Kompliment – zwar allgegenwärtig sind, aber haltlos.

Der Essayband und „Damals“ erscheinen nun auf Deutsch vierzehn Tage vor dem Original. Uli Aumüller und Grete Osterwald haben sich die Mammutarbeit des zitatdurchsetzten Übersetzens störungsfrei geteilt. Der Roman „Memories of the Future“ wird in Großbritannien mit derselben Umschlagzeichnung herauskommen wie bei Rowohlt: Eine Hustvedt-Zeichnung (die, na so was, an einen Winnetou-Umschlag von Sascha Schneider erinnert) zeigt die Baroness von Freytag-Loringhoven nackt bei ihrer fiktiven Himmelfahrt. Für die US-Ausgabe steigt sie bekleidet auf, lustig bekleidet, aber bekleidet.

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