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Das wirre Europa

Ein Münchner Symposium zieht und öffnet Grenzen

Von Ruth Spietschka

Europas Grenzen - das sind nicht nur die Zäune und Befestigungen, die diesen Erdteil von anderen scheiden. Vielmehr durchzieht Europa ein Netz vielfältiger, sich gegenseitig überlagernder Grenzen: geografische, sprachliche und historische; politische, ökonomische und bürokratische; kulturelle, religiöse und ästhetische.

Um Licht ins Dickicht dieser dialektischen Beziehungen zu bringen, waren im Münchner Literaturhaus acht Schriftsteller aus verschiedenen europäischen Ländern zusammengekommen. Die Aufforderung, die Grenzen Europas zu erkunden, hieß nichts anderes, als nach der Identität Europas zu fragen. In Zeiten, da die europäische Einheit politisch ferner denn je erscheint und Globalisierungsdebatten dominieren, ist das weder eine rein akademische noch eine bloß schöngeistige Frage.

Schnell einig war man sich auf dem Münchner Podium darüber, dass Grenzen nicht per se zu verteufeln sind, sondern kulturelle Vielfalt erst ermöglichen. Für den Spanier Juan José Millás "beginnt Kultur mit der Differenz", für den Schweizer Hugo Loetscher "ist das Fremde ein essentieller Bestandteil des Eigenen". Damit wird das Problem der kulturellen Identität zu einer Frage der Spannung. Der 1929 geborene Loetscher hat im Lauf der Jahre beobachtet, "dass sich die europäischen Grenzen von Europa weg verschieben" und dass damit die Schwierigkeiten, sie zu definieren, immer größer werden. Ähnlich der Niederländer Geert Mak: In "Amsterdam, das ohne Emigranten nicht Amsterdam wäre," ebenso wie im westlich anmutenden Odessa, sei ihm die immense Kraft des "wirren Europa" begegnet.

Dass gemeinsame Erfahrungen - in diesem Fall Kindheit und Jugend im Ostblock - eine Verständigung über kulturelle Grenzen hinweg ermöglichen, bestätigten die jungen Autoren aus Budapest und Prag. Gerade zurück aus New York, das ihn an das Osteuropa der achtziger Jahre erinnerte und den Rückflug nach Europa als einen Flug nach Westen erleben ließ, präsentierte der 1970 geborene Ungar Péter Zilahy sein multimediales Projekt "Die letzte Fenstergiraffe", während der zwei Jahre jüngere Tscheche Jaroslav Rudiš im U-Bahn-Netz "Den Himmel unter Berlin" entdeckte.

Für eine ketzerische Provokation sorgte Robert Stiller, ein Pole jüdischer Herkunft, der Nationalsprachen und -literaturen wertend verglich. Dass er sich dabei nicht scheute, "höher- und minderwertige" namentlich zu nennen, musste gerade in München am 70. Jahrestag der nationalsozialistischen Bücherverbrennungen anstößig wirken. Mangels einer wirklich interkulturellen Moderation wurde freilich übersehen, dass Stiller nicht nur Grundfragen jeder Kanondebatte stellte, sondern auch das Dilemma qualitativ wie quantitativ unzulänglicher literarischer Übersetzungen gerade aus den so genannten kleinen Sprachen thematisierte. Die von Kulturstaatsministerin Christina Weiss in ihrem Grußwort erwähnte Aufstockung der staatlichen Übersetzungsfonds dürfte daran wenig ändern, ist sie doch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dennoch endete das Münchner Symposium nicht mit gemischten Gefühlen, denn auf dem Podium saßen diesmal nicht die bekannten Gesichter. Dass dort neue Namen zu entdecken waren, ist den in München ansässigen ausländischen Kulturinstituten und -beauftragten zu verdanken, die die Teilnehmer einluden. Auf Initiative des Literaturhauses hatten sie sich Anfang des Jahres im Schatten des drohenden Irak-Krieges zu einer engeren Zusammenarbeit entschlossen. Die Erkundung der gemeinsamen europäischen Grenzen soll erst der Anfang gewesen sein. Die von Christina Weiss im Dschungel der Brüsseler Bürokratie gewonnene Erfahrung, dass die europäischen Themen die sprödesten sind, wurde dabei in München widerlegt.

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