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Auf Wirkung verzichten: Das wäre Tod

In seinem neuen Roman "Sucht mein Angesicht" fragt John Updike auch nach der Dauer des Ruhms

Von JÜRGEN VERDOFSKY

In der Kunst stand die Malerin Hope Chafetz lange am Rande, im Leben als Frau großer Männer mittendrin. Sie ist Witwe zweier Monster der amerikanischen Moderne. Mit über fünfzig, immer noch Femme fatale, wird sie die Gattin des Sammlers der beiden. Die drei toten Männer werfen ihre Schatten. Mit der New Yorker Retrospektive zu ihrem achtzigsten Geburtstag in einem Jahr ist fest zu rechnen. Aber ganz sicher ist sich Hope nicht, mit ihren Valeurs in Grau, mit ihrer Minimal Art und nicht als Witwe der Giganten gemeint zu sein. So misstraut sie der jungen Kunsthistorikerin Kathryn, die "schwarz gekleidet, klappmessergleich" vor ihr sitzt. Diese will nur ihretwegen aus New York in das entlegene Haus in Vermont gekommen sein. Nach kurzer Schamfrist fallen Sätze, wie erwartet: "Wie die Bilder ihres ersten Mannes. (. . .) Attackiert von allen Seiten der Leinwand." Der erste Mann war Zack McCoy, Action Painter.

John Updike nennt auf den Vorsatzblättern seines Romans Sucht mein Angesicht nicht nur Psalm 27, der zum Titel führt, sondern auch zwei Quellen, Standardwerke über Jackson Pollock, An American Saga, und über den Abstrakten Expressionismus. Nie waren zitierte Quellen literarisch legitimer. Updike übergibt die Saga der amerikanischen Kunst dem ungehemmten Redefluss einer Frau. Sie liebt die krasse Wahrheit, ohne dass sie darauf schwört. Schnell wechselnde Bilder, Großaufnahmen, Überblendungen. Verschiedene Stile und Bewegungen, ganze Epochen mischen sich in fließender Gleichzeitigkeit. Updike besetzt auf der Königsebene der Kunst, der Effekt einer Wiedererkennung ist hoch und gewollt.

Zack McCoy, Hopes erster Mann, trägt Züge von Jackson Pollock, "Jack the Dripper". Um ihn tummelt sich die Clique der Abstrakten Expressionisten, das Charakterwort des Kritikers Robert Coates ist seit 1946 in der Welt. Hinter Bernie Nova und Onno de Genoog, Hopes zeitweiligem Geliebten, stecken die Maler Barnett Newman und Willem de Kooning, in Korgi ist Arshile Gorky zu erkennen. Die Brücke nach Europa schlägt der Emigrant Hans Hofmann, der im Roman als Hermann Hochmann für Hope zum Lehrer wird. Ein anderes Zeitalter führt Hopes zweiter Mann Guy ein. Als Pop-Art-Diva trägt er Züge von Andy Warhol, Claes Oldenburg und Jasper Johns. Damit Hope ihre große Rolle finden kann, stärken ihr nicht nur Pollocks Witwe Lee Krasner, sondern auch die leibhaftigen Malerinnen Agnes Martin und Helen Frankenthaler den Rücken. Updike öffnet Biographien, auch hier bleibt sein unendliches Thema die strapaziöse Wirklichkeit der Zweier-Beziehung. Aber die Kunst lässt er darüber nicht im Stich.

Ein Blick auf die Besetzungsliste lohnt, weil Updike einiges an Künstler-O-Ton zusammenträgt. Sätze wie "Die europäische Kunst nach Miró wurde geopfert für Künstler aus New York" stehen noch heute in der New York Review of Books. Aber Updike lässt den Kunstkritiker, der er auch sein kann, nicht über den Schriftsteller triumphieren. Alles bleibt ein Roman, nirgends stören Schlagwort und Attitüde. Auch die strengen Grenzen einer Interview-Dramaturgie sind bald vergessen, beide Frauen verstricken sich ungewollt. Sie belauern, umkreisen, umwerben sich, bis eine prekäre Beziehung entsteht und wieder verfliegt. Nach eigenem Bekenntnis gewinnt der 72-jährige Updike einen Teil seiner späten Wirklichkeitsnähe aus Erfahrungen mit Interviews. Wie keiner vor ihm schlägt er aus der ritualisierten Kulturtechnik literarischen Mehrwert.

Der Alltag der Genies

Hope und Kathryn "gewöhnen sich beide zu sehr an den Umgang miteinander. Sie sind wie Boxer, deren Reflexe in den letzten Runden nachlassen." Kathryn will mehr als nur Kunstgeschichte. Manche Nachfrage hat als Subtext: "Wollen Sie nicht etwas anderes sagen?" Kathryn wird Hope auch fragen, wie das so war mit dem Erfinder des Drip Painting im Bett. Habe sie nicht das zweite Genie in ihrem Leben, dieses ewige Wunderkind der Pop-Art, zum Hetero gemacht? Mit welchem aus der Liga der großen Namen hatte sie es noch? Große Namen sind erotisch, vor allem nachträglich. Wir sind im späten Alltag der amerikanischen Kunstgeschichte. Hope als Künstlerin, Muse, Geliebte oder auch nur als Überlebenshelferin, Hausputtchen, Mutter dreier Kinder. Von diesen Aufregungen will die Feuilletonistin nicht nur Nachricht, sondern Teilhabe. Hope hält manchmal inne, um nach einem inneren Monolog weiter zu sprudeln. Ein Leben lernt man kennen, indem man es erschafft, und sei es durch entfesseltes Reden, ungehemmtes Fragen. Zwei Frauen begegnen und erkennen sich. "Wie hübsch Sie waren.", sagt unvermittelt die Jüngere.

Auch Kathryn zeigt mehr als sie will. Ihre nachgetragene Zuwendung gehört Zack nicht nur als Maler. Da muss Hope, die Zack durch sein Künstler- und Trinker-Leben trug, deutlicher werden. Zacks Bilder werden zu Signalen für die Vierziger-, Fünfzigerjahre. Er ragt aus der Cedar-Tavern-Clique in New York, die heute als Kern der Abstrakten Expressionisten vereinfacht wird. Der Krieg tobt, jeden Tag sterben hunderte Amerikaner, aber "das, was zählte, war das Malen." Der Tod, den der Künstler fürchtet, ist ein anderer. "Auf Wirkung verzichten: das wäre ja Tod", bekennt in einer anderen Zeit und Welt der deutsche Expressionist Ferdinand Hardekopf.

Nicht die Malerei zieht Hope zu Zack, sondern sein Eros. Sie sieht sich als die Frau, die ihn aus den "Strapazen von Manhattan", aus den endlosen Sauftouren gerissen hat. Im letzten Winkel von Long Island wird ein verfallenes Haus gekauft: der vertraute Updike-Topos vom Leben auf einer entlegenen Farm. Hier ist das Ende der Welt, nur die Elemente zählen, hier wird Zack zum Erfinder des Drip Paintings. "Vor ihm hatte noch niemand solche Fähigkeiten beherrschen müssen. (...) Ich glaube, dass es das war, dies Kraftvolle, das ihm so viel Publicity eintrug und so anziehend auf die breite Masse wirkte: Solche Männer kannte man sonst nur aus dem Kino."

Was Künstler lieben

Auf den Film von Hans Namuth, dieses "herumkommandierenden Deutschen", folgt Ende der Vierzigerjahre der Ruhm mit Life. Ein Erfolg ist ein Erfolg, aber was siegt im Künstler? Zacks Erschütterung ist immer wieder neu, es wird niemals leichter. Erfolg bleibt ihm zweifelhaft. "Wenn Zack bereit gewesen wäre, sich in Amerikas fabelhafte Tropfmaschine zu verwandeln, wäre er nach 1950 nicht am Ende gewesen. Er hätte sich nicht umgebracht. Zack hat sich in seinem Verhalten wiederholt, nicht aber in seiner Malerei." Hope ist als Ehefrau gefangen. Als sie nach langer Unterbrechung wieder selbst malt, sagt der Künstler an ihrer Seite, sie "sei miserabel darin, jede Frau wär das." Hope malt aus Selbstachtung und fängt an, sich nach anderen Malern umzusehen.

Verschwiegen wird der enthusiastischen Kathryn fast nichts. Alles sei anders, wenn man nicht nur den gefeierten Künstler, sondern auch den Trinker zu ertragen hat. Zack ist, als er mit 43 an einem Baum endet, "der Maler seiner Generation geworden, Vollbringer und Symbol in einem, aber er war in seinem Dauersuff zuletzt ein so unflätiger Rüpel gewesen, dass auch seine Witwe ein bisschen stank." Für einen Zack gibt es bald bei Sotheby Millionen, er selbst kannte nie richtig Geld.

Zwei Jahre nach Zacks Tod tritt Guy in Hopes Leben. Neuer Kunstbegriff, neues Leben, neue Gelüste. Eine Leichtigkeit des Seins. "Diese helle jungenhafte Kreativität (. . .) strömte nur so dahin, Idee auf Idee, eine nach der andern, Einfälle, auf die niemand sonst jemals gekommen war, (. . .) bis etwa '74, kurz bevor er mich verließ, als seine Arbeiten bombastisch wurden und ihre Pop-Bescheidenheit verloren." Guy handelt nach den Grundsätzen der Wirkung. Der verführerische Experimentator will immer im Trend sein, wenn es sein muss mit Drogen und Pornos. "Das eine tun und das andere nicht lassen, das war Guy." Nur für Hopes Kunst bleibt wenig Freiheit, sie bekommt drei Kinder. Wieder liebt ein Künstler nichts als seine Kunst.

Der Sammler und Geschäftsmann Jerome Chafetz fängt auf. Endlich kein Genie, sondern Aufmerksamkeit und Zuwendung. Jerry kauft das Landhaus in Vermont, Hope kommt zu ihrer Kunst. Wie lange dauert der Ruhm? "Die Tragödie des modernen, oder sollten wir sagen, postmodernen Künstlers ist, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit um so vieles kürzer ist als sein normales schöpferisches Leben."

Während die literarische Ostküste sich Updikes 21. Roman, Villages, widmet, gibt der Autor deutschen Medien Interviews zum Angesicht: "Lange Sätze. Eine Art Pendant zu Jackson Pollocks ?Drip'-Gemälden: Der Roman ist ?Drip'-Literatur. Hope verbindet einen Gedanken mit dem anderen, ein Bild mit dem nächsten." Die Idee einer "Drip-Literatur" ist eine Anverwandlung. Hier ist nichts getröpfelt oder gespritzt, auch wenn Sätze endlos fließen. Alles wird ausgemalt, jeder Sessel hat seine Geschichte. Experimentell ist nichts, Updike ist nicht Pollock. Es ist ein Updike, wie wir ihn kennen. Er bleibt ein Meister des Atmosphärischen und der Situation. Man kommt diesen Fabelwesen der Moderne wirklich nah und wird nicht anders können als diese Kerle neu zu mögen. Nur der Finanzmagier und Sammler bleibt so menschenfreundlich wie austauschbar. Dieser Typ scheint in New York vorzukommen. Immerhin, es gibt das Amerika des John Updike.

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