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Das Wirkliche am Ich

Durs Grünbein will nicht schriftlos leben. Neuere Reden und Aufsätze

Von Cornelia Jentzsch

Für ein Nachdenken gab es in den letzten Jahren für Durs Grünbein viele Anlässe: die Zuwahl in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die Entgegennahme des Premio Nonino in Salzburg, das Tokyo Summer Festival oder auch ganz einfach nur das Goethe-Jahr. In den Reden und Essays des neuen Bandes Warum schriftlos leben? geht es bei unterschiedlichsten Themen unter der Hand stets um die Dichtung und ihren Platz. Und spricht man über Dichtung, muss man von ihrem Urheber und seiner mehr oder weniger fragilen, zu verteidigenden Position sprechen. Nach Lesungen werde er oft von Zuhörern mit den drei typischen Fragen konfrontiert: ob das Dichten einträglich sei und seit wann, aber vor allem, warum er schreibe.

Die Verskunst, antwortet er, sei der Versuch, ein Fensterchen in die eigene schwindende Zeit einzusetzen. Nur "eigensinnigster Ausdruck bietet die minimale Chance, eines Tages anders als nur in sterblicher Hülle wahrgenommen zu werden". Die Voraussetzungen für diese antibiologische Unsterblichkeit sind denkbar einfach und jedem gegeben, der einem Mindestmaß an Alphabetisierung ausgesetzt war. Grünbein beruft sich auf den Willen, für die klassische griechische Philosophie das von der Vernunft bestimmte handlungsleitende Streben. Erst der Wille zum Geist und zur Schrift mache den Menschen zum Menschen.

Doch der Autor bezieht sich nicht nur hier auf die griechischen und lateinischen Klassiker. Dieser Fernverkehr ist seiner Meinung nach noch immer ein Muss für die moderne Literatur und ihre Schöpfer. Die antike Literatur stehe für das Nichttriviale, "im Lateinischen steckt der Befehl zum aufrechten Gang, das Alphabet zur Charakterbildung". Zur Verwandlung in den Dichter habe ihm die Begegnung mit den Ausgrabungsstätten von Herculaneum und Pompeji verholfen. In der antiken Tradition entdeckte er eine neue Heimat, die ihm im Gegensatz zu den Erfahrungen in der DDR eine tatsächliche zu werden versprach.

Was das sozialistische Ideal nicht schaffte, vermochte das römisch-griechische: Es grundierte dem Dichter die Schrift- und Denkzüge, verlockte ihn zur Adaption von Gedanken größeren Formates. Letztendlich gibt es aber noch einen weiteren und übergreifenderen Grund, zur Schrift zu kommen. Der unendliche Zufluchtsraum Gehirn, schreibt Grünbein, könne nur schriftlich bereist werden. Hierin ist die Dichtung allen anderen Kunstformen überlegen, denn diese sind, "sobald es um die inneren, traumhaften Zusammenhänge geht, auf das Wort angewiesen. Der Traum, und das stellt sich erst schreibend heraus, ist das Wirkliche am Ich".

Gegenüber der Musik besitze die Dichtung den Vorteil, dass sie zu intimeren Kontakten fähig sei, ihre Wege von Körper zu Körper zögen weniger raumgreifend. Die Musik sei selbstherrlich und grandios, neige eher zu Höhenflügen, da sie überdeterminiert und ungleich mehr hochgerüstet mit ihren Effekten sei. Einzig die Literatur träte der Zeit nackt gegenüber, durch ihre Armut ist allein sie prädestiniert zu einer besonderen Vertrautheit mit Chronos. Einem Dichter fehlten ganz einfach die Mittel zu jener totalitären Ästhetik, wie sie der "herrschsüchtige Wagner" vertrete. Auch mit der Architektur verglichen kommt die Kunst der Schrift besser weg. Noch in der kleinesten Gefängniszelle, so Grünbein, verschaffe eine Buchseite das Gefühl imaginärer Freiheit. Die Architektur, ja selbst schon eine beliebige Hauswand könne "einen dagegen zur Geisel, wenn nicht zum Gefangenen des Raumes" machen.

Es gibt im Grunde, so das dezente Fazit dieses Bandes, keine andere Disziplin oder Äußerungsform des Menschen, der nicht die Dichtung, "im Grunde so alt wie kaum ein anderes Handwerk", überlegen wäre. Sogar die Philosophie verdanke der Dichtung mehr als sie zugebe. Das vorsokratische Denken wäre nicht, was es ist, ohne den "Vorlauf poetischen Sprechens". Deshalb seien die wesentlichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts erneut der Kunst verfallen, erläutert Grünbein am Beispiel Adornos. Natürlich ahne ein Leser, wenn er den Autor mit obigen drei Fragen zu Leibe rückt, von all der Komplexität wenig: "Wie alle Konsumenten sieht er den Vorgang naturgemäß einseitig, entweder allzusehr vom Aufwand bestimmt, der ihm gewaltig erscheint, oder vom Ergebnis her, das ihm strenggenommen recht dürftig vorkommt."

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