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Die Kunst der Ulrike Edschmid: Mit Distanz autobiografisch zu erzählen.
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Die Kunst der Ulrike Edschmid: Mit Distanz autobiografisch zu erzählen.

"Ein Mann, der fällt"

Er wird es nie mehr tun

  • VonCornelia Geissler
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Ulrike Edschmids subtiler, wirksamer Roman "Ein Mann, der fällt".

Endlich haben sie eine Wohnung gefunden, mit ihren sechs Zimmern eigentlich zu groß. Es ist die erste, die sie bezahlen können, sie muss allerdings gründlich renoviert werden. West-Berlin im Sommer 1987: Sie stehen als Paar am Anfang, sind aber schon in der Mitte des Lebens. Ulrike Edschmid hätte ihren Roman damit beginnen können, wie sie und er unterm Teppichbelag beschädigtes Parkett finden, wie sie und er die Tapeten abreißen, unter denen Zeitungen mit „Bildern und Namen aus unserer Kindheit“ hervorkommen. Edschmid ist 1940 geboren, wenn sie die Luftbrücke und die Einführung der neuen deutschen Mark nennt, deckt sich das mit ihrer Biografie.

Sie beginnt den Roman jedoch nicht mit den Szenen vom Start eines Paars in die Gemeinsamkeit. Noch vor das erste Kapitel hat sie einen Abschnitt gestellt, eine knappe Seite nur, der die Voraussetzungen für die Zukunft dramatisch verändert. Ein Riss geht durch das Paar, so heftig, dass nur das grobe Wort Schicksalsschlag passt.

Während sie für ihre Arbeit unterwegs ist, werkelt er, Architekt von Beruf, in der Wohnung weiter. Hoch sind die Decken in dem Altbau, einem Eckhaus in Charlottenburg. Hoch ist die Holzleiter, mit der er sich in kleinen Hüpfern durchs Zimmer bewegen kann. „Ein Mann, der fällt“ heißt dieses Buch. Am 27. Juli 1987 stürzt er von der Leiter.

Ulrike Edschmid erzählt auf besondere Weise von einem Paar, das sich außergewöhnlichen Umständen stellen muss. Äußert reduziert schreibt sie nur von „er“ und „ich“, Namen tragen die Hauptfiguren nicht. Andere auftretende Personen sind durch ihre Berufe bezeichnet oder ihre Herkunft. Die Wohnung hat ihnen eine Griechin vermietet, im Erdgeschoss betreibt ein Spanier ein Restaurant, nachts oft unerträglich laut. Oben ziehen eines Tages Koreaner ein, die publikumsintensiven religiösen Riten folgen. Multikulturell war West-Berlin schon damals. Die Handlungszeit führt bis weit ins zusammenwachsende Berlin. Die Stadt entwickelt sich immer schneller.

Der Rhythmus für ihn und sie ist ein anderer, nachdem der Sturz die Wirbelsäule des Mannes gestaucht hat. Der Takt wird bestimmt vom Krankenhaus, von Operationen, vom Zeitfenster der Spezialisten, vom Rollstuhl, von Krücken. Aus den beiden ist ein ungleiches Paar geworden. Edschmid beobachtet aus der Perspektive der Frau; die hält die Erinnerung an den gemeinsamen Anfang nieder, verbietet sich Gedanken an die Zukunft. Einmal drängt sich ein Bild auf, wie er früher nachts zu ihr geschlichen ist, wenn er glaubte, sie schliefe schon. Sie schiebt es weg: „Er wird es nie mehr tun.“

Dieser Roman entwickelt sich aus einer privaten Wirklichkeit, die von der Autorin mit größtmöglicher sprachlicher Distanz überdeckt wird. Deshalb flieht sie an den Stellen, die die emotionalsten sein könnten, in den Stil einer Chronik. Nüchtern, in kleinen Etappen beschreibt sie, wie der Mann sich die Treppen hinabquält, wenn der Fahrstuhl im Haus blockiert ist, wie er die Straße überquert, dem Verkehr zum Trotz. „Er stellt sich seiner Langsamkeit. Er hält sie aus.“ So bleibt auch der Leser auf dem Beobachtungsposten, ist berührt, aber nicht betroffen.

Das ist die große Kunst der Ulrike Edschmid: Autobiografisch oder realistisch zu erzählen und doch einen Abstand zur Wirklichkeit zu halten. So schrieb sie „Frau mit Waffe. Zwei Geschichten aus terroristischen Zeiten“, recherchierte dafür den Weg zweier Frauen aus dem sauberen Nachkriegsdeutschland in die Radikalisierung: unemotional und genau. So funktionierte ihr Roman „Das Verschwinden des Philip S.“, eine dezente Spurensuche am Rand des linksterroristischen Milieus Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Die Erzählerin und ein später polizeilich gesuchter Mann teilen ein Stück Weg. Währenddessen veränderte sich die Gesellschaft.

In „Ein Mann, der fällt“ ist die Zeit- und Stadtgeschichte eingewoben. Mit Straßennamen setzt Edschmid Wegmarken: Lietzenburger Straße, Winterfeldtplatz. Der Architekt verfolgt, als er wieder arbeiten kann, weiter die behutsame Stadterneuerung, entwickelt Konzepte gegen den Abriss, was in den achtziger Jahren gegen den Trend war. Den Fall der Mauer erlebt sie an der Heinrich-Heine-Straße, wo er dem Gedränge nicht standhalten könnte. Auch hier bleibt sie auf dem Beobachtungsplatz, wohin das Leben sie gestellt hat, sie benutzt kein „Wir“, obwohl sie Teil der Menge ist: „Alle weinen, ich auch.“

Das Kreuzberger Architektenbüro sieht nun seine Aufgabe darin, in den östlichen Bezirken Berlins Verfall zu stoppen. Und nebenbei verändert sich das eigene Wohnen: „Alles wird anders. Unser Haus ist verkauft, die Mieten steigen.“ Kriege treiben Menschen von anderswo in die Stadt. Fremde Konflikte setzen sich auf der Straße fort. Einmal müssen alle Bewohner in Busse steigen und die Wohnungen werden durchsucht.

Ulrike Edschmid ordnet das aufwühlende Schicksal eines Paares, dem das Glück entrissen wurde, einer Erzählung über den Wandel Berlins unter. So entfaltet der Roman seine große Wirkung subtil, der Leser wird in das erzählte Leben verstrickt. Zeit heilt gar nichts, Zeit vergeht.

Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt. Roman. Suhrkamp, Berlin 2017. 190 S., 20 Euro.

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