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Hier ist die derzeitige Familienministerin -  wo aber bleibt das überfällige Kinderministerium?
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Hier ist die derzeitige Familienministerin - wo aber bleibt das überfällige Kinderministerium?

Buchkritik

Wer wird Kinderminister?

Martin Lohmanns provozierende Einlassungen zum Thema Familienpolitik.

Von FRANZ ALT

Dies ist das Buch eines Familienmenschen. Es ist gewidmet "allen Kindern, Müttern und Vätern, für die Familie Priorität hat - weil sie wissen, wie entscheidend Familie für das ganze Leben ist." Familie ist kein Auslaufmodell, Familie hat Zukunft: Das ist das Credo des Autors. Was sich wie eine konservative Familienideologie anhören mag, ist das Plädoyer für eine neue Familienpolitik - und zwar eine "Familienpolitik ohne Etikettenschwindel", wie der Publizist Martin Lohmann in seinem neuen Buch betont.

"Eine Gesellschaft, die noch immer nicht die wirkliche Bedeutung von Familie und Kindern erkannt hat, wird keine Zukunft haben", postuliert der Autor. Kommt er damit nicht ein paar Jahre zu spät? Haben wir mit Ursula von der Leyen nicht endlich eine engagierte und durchsetzungsfähige Familienministerin? Unter Gerhard Schröder war Familienpolitik noch "Gedöns". Aber ist, wie Lohmann selbst formuliert, von der Leyen nicht "die blondeste Versuchung, seit es dieses Lächeln gibt"? Mit ihrem Elterngeld mache sie allenfalls "Frauenerwerbsförderpolitik", aber keine Politik für Familien und schon gar keine für Kinder.

Lohmann betont, dass er kein "politisch korrektes Buch" schreiben wolle, kein Buch "für weichgespülte Angsthasen", er schreibe vielmehr angst- und vor allem ideologiefrei. Das betont er allerdings so oft, dass man an dieser Angst- und Ideologiefreiheit zwischendurch seine Zweifel bekommt.

"Wo Familienpolitik draufsteht, muss auch Familienpolitik drin sein. Kinder gehören in den Mittelpunkt unseres Denkens." Steht aber dafür nicht genau die heutige Familienministerin mit ihren sieben Kindern? Lohmann meint, dass auch die Familienpolitik von der Leyens vor allem vom "Diktat der Wirtschaft, von den Vorgaben des Erwerbslebens gesteuert wird". Sein Mantra: Hauptsächlich Mütter, die ihre Kinder selbst erziehen wollen, und die Kinder selbst kämen zu kurz. Kinder würden als Objekt der Betreuung ver- und nicht als Subjekte der Entfaltung erkannt. Diese Familienpolitik ist für ihn ein "gigantischer Etikettenschwindel".

"Der Reiz des Familienlebens ist das beste Gegengift gegen den Verfall der Sitten." Dieses Zitat von Rousseau gefällt dem Autor - aber wird dadurch nicht zugleich die Idylle der heilen Familie über- und die außerfamiliäre vorschulische Erziehung unterschätzt? Gab es nicht schon zu Rousseaus Zeiten viele kaputte Familien und eine schlechte Behandlung von Kindern, die wir uns heute kaum noch vorstellen können? Erst die Reformpädagogik des 20. Jahrhunderts brachte die Emanzipation und Befreiung des Kindes. In der Zeit der "Schwarzen Pädagogik" (Alice Miller) waren Kinder im Normalfall gar keine richtigen Menschen, sondern allenfalls Objekte der Erziehung.

Der konservative Publizist und das engagierte CDU-Mitglied Martin Lohmann unterstützt die Position der familienpolitischen Sprecherin der Linken im Saarland, Christa Müller, Ehefrau von Oskar Lafontaine, die sagt, jene Kinder fühlten sich am unwohlsten, deren Eltern beide Vollzeit arbeiten. Der Beruf der Mutter, Lohmann schreibt "Die Berufung der Mutter", sei vielleicht der einzige, der die Bezeichnung Vollbeschäftigung verdiene. Die Forderung von Lohmann und Müller nach bezahlter Familienarbeit, die Forderung, Mutterschaft als Beruf anzuerkennen und die Forderung, das Familienmodell frei wählen zu können, sind Forderungen aus den Anfängen der Frauenbewegung. Aber die Forderungen Lohmanns sind zu einseitig auf die Mutter fixiert. Jedes Idealbild ist eine Projektion und damit eine Überforderung.

Zu Recht beklagt Lohmann, dass in der reichen Bundesrepublik Kinderreichtum noch immer ein Armutskriterium ist. Er wagt einen ganz neuen Familienentwurf, der vom Kind her denkt und die alten Klischees "Karrierefrau" oder "Heimchen am Herd" hinter sich lässt.

Aber da gebe es seit neuestem doch das Elterngeld, mag man einwenden. Lohmann dagegen fragt, ob es kindgerecht sei, dass die Erziehungsleistung eines Chefarztes vom Staat höher gefördert wird als die Erziehungsleistung seiner Helferin. Diese Art Familienpolitik unterscheidet tatsächlich in Kinder erster und zweiter Klasse. Ausgangspolitik dieser Politik ist nach Lohmann wiederum die Erwerbsarbeit und nicht das Kind. Die staatliche Ordnung, die Gesellschaft und die Wirtschaft müssten familiengerecht werden und nicht die Familie arbeits- und wirtschaftsgerecht.

Eine Familienpolitik, die auch bei der staatlichen Förderung das Kind und nicht das Erziehungsgeld für Eltern in den Mittelpunkt stelle, sei "ein Zukunftsmodell mit hohem Glückspotential". Diese These unterlegt der Autor mit neuen wissenschaftlichen Studien. "Meine Familie macht mich glücklich", sagen 68 Prozent der Deutschen, aber 95 Prozent der Eltern mit Kindern unter sechs Jahren. Es sind vor allem Eltern von Kleinkindern und Babies, die sich ohne Wenn und Aber als sehr glücklich bezeichnen. Martin Lohmann: "Es stimmt tatsächlich: Das wirklich Wichtige, das wirklich Wesentliche lernt man in der Familie".

Lohmann fordert ein Kinderministerium und ein Familienwahlrecht. Das Fazit seines "Zwischenrufs für mehr Bürgerfreiheit und das Ende der Bevormundung": "Kinderpolitik ist Familienpolitik, Kinderpolitik ist Mütterpolitik, Kinderpolitik ist Väterpolitik, Kinderpolitik ist Gesellschaftspolitik". Deutschland sollte endlich ein Kinderland werden,

Die Zeit sei reif für eine echte Familienpolitik. Das heißt: Die Gesetze dieser Republik sollten nicht nur auf ihre Umweltverträglichkeit, sondern auch auf ihre Kinderverträglichkeit geprüft werden. Betriebe bräuchten nicht nur Gleichstellungsbeauftragte, sondern vor allem Kinderbeauftragte. Das würde sich auszahlen, denn: "Politik für die Familien ist Politik der Nachhaltigkeit".

Martin Lohmann hat ein provozierendes Buch geschrieben, eine Anregung für eine neue Kinder-Kultur und eine kinderfreundliche Gesellschaft. Auch Kritiker können dieser Kardinalforderung des Autors zustimmen.

Martin Lohmann: Etikettenschwindel Familienpolitik.

Gütersloher Verlagshaus 2008, 222 Seiten, 19,95 Euro

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