Adele Schopenhauer (1797 - 1849).
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Adele Schopenhauer (1797 – 1849).

Die Schopenhauers

„Wir sind auf hoher See“

  • Monika Gemmer
    vonMonika Gemmer
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Als Arthur Schopenhauer vor 160 Jahren starb, war er ein reicher Mann. Seine Schwester Adele Schopenhauer, Autorin wie er, hatte weniger Glück – auch, weil ihr Bruder sie hängen ließ. Mit dem Bankrott des Bankhauses Muhl eskalierte vor 200 Jahren ein lange schwelender Familienstreit.

Ich bin fertig mit dir“: An einem Wintertag des Jahres 1820 platzt Luise Adelaide Lavinia Schopenhauer, genannt Adele, der Kragen. Die 22-Jährige hat in Danzig zur Feder gegriffen und schreibt ihrem neun Jahre älteren Bruder Arthur einen Brief, in dem sie Zorn und Enttäuschung freien Lauf lässt. Sein Egoismus, davon ist die Schwester überzeugt, stürzen sie und ihre Mutter Johanna ins Unglück. Die Lage der beiden Frauen ist verzweifelt – auch, weil der Doktor der Philosophie, der Sohn, der Bruder, sich wieder einmal stur stellt.

Seit Monaten kämpfen Adele und Johanna Schopenhauer um ihr finanzielles Überleben. Das Danziger Bankhaus Muhl, wo sie fast ihr gesamtes Vermögen von 22 000 Reichstalern deponiert haben, erklärte sich für zahlungsunfähig. „Am Donnerstag vor acht Tagen“, notiert Adele Schopenhauer am 5. Juni 1819 in ihr Tagebuch, „traf uns der zerschmetternde Schlag: Muhl hat falliert.“ Ihre Mutter und sie, die alles zu verlieren drohen, reisen aus Weimar nach Danzig und ringen mit dem Konkursverwalter vor Ort um eine Lösung. „Wir sind auf hoher See, und die Lüfte schwellen alle Segel, vorwärts geht es oder in den Abgrund hinab.“

Auch Arthur Schopenhauer hat Geld bei Muhl, doch ihn trifft der Schlag weit weniger hart. Nach der Veröffentlichung von „Die Welt als Wille und Vorstellung“ ist der 31-Jährige gerade auf Italien-Reise, als die Nachricht vom Danziger Bankrott ihn ereilt. Seinen Anteil am Erbe des verstorbenen Vaters, exakt 19 183 Taler und sechs Groschen, hat er sich schon Jahre zuvor von der Mutter auszahlen lassen, bei Muhl jedoch nur ein gutes Drittel der Summe stehen. Pro forma bietet er Mutter und Schwester finanzielle Unterstützung an. Johanna Schopenhauer lehnt dankend ab – ihr Sohn hatte sein Angebot mit giftigen Seitenhieben auf seine Mutter flankiert, der er eine Mitschuld am Tod des Vaters gibt.

Der wohlhabende Kaufmann Heinrich Floris Schopenhauer hinterließ, als er 1805 mutmaßlich aus einem Fenster seines Hauses in Hamburg in den Tod sprang, ein Vermögen, das den Hinterbliebenen wirtschaftlich glänzende Bedingungen schuf. Sohn Arthur verwirklichte seinen Traum vom Philosophie-Studium, Mutter Johanna und Tochter Adele bauten sich in Weimar ein neues Leben auf. In ihrem Salon empfing Johanna Schopenhauer viele Geistesgrößen der Zeit zum Tee: Die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, den Maler Heinrich Meyer, das musikalische Wunderkind Felix Mendelssohn Bartholdy, den Dichter Christoph Martin Wieland, den Komponisten Carl Maria von Weber, die Schriftstellerin Bettine von Arnim, den Sprachwissenschaftler und Märchensammler Wilhelm Grimm – sie alle sah das junge Mädchen Adele in ihrem Wohnzimmer aufmarschieren.

Nachhaltig wird ihre Begegnung mit einem anderen berühmten Gast sein, dessen Gunst Johanna Schopenhauer durch einen Coup gewonnen hatte: Sie lud Christiane Vulpius in ihren Salon ein, als die Weimarer Gesellschaft noch pikiert die Nase rümpfte über Goethes nicht standesgemäße Ehefrau. Der dankbare Dichterfürst bildete fortan regelmäßig den Mittelpunkt der illustren Gesellschaft. Die enge Bindung, die zwischen Adele Schopenhauer und Johann Wolfgang von Goethe entstehen wird, hat hier ihre Grundlage.

Arthur Schopenhauer, der ebenfalls zeitweilig um Goethe herumscharwenzelte, war die ganze Lebensweise seiner Mutter ein Dorn im Auge. Johanna Schopenhauer verkörperte alles, was ihr Sohn an Frauen verachtete: Sie war emanzipiert, trat selbstbewusst auf, stand auf eigenen Füßen, hatte sich einen Namen als Reise- und Romanschriftstellerin gemacht. Etwa zeitgleich erschienen ihre Beschreibungen einer gemeinsamen Europareise und seine Dissertation „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“. „Wohl was für Apotheker“, unkte die Mutter. „Man wird es noch lesen, wenn von Deinen Schriften kaum mehr ein Exemplar in einer Rumpelkammer stecken wird“, zürnte der Sohn. „Von den Deinigen wird die ganze Auflage noch zu haben sein!“, antwortete sie. Zum endgültigen Bruch zwischen Arthur und Johanna Schopenhauer kam es, nachdem der 25-Jährige aus Furcht vor drohenden militärischen Auseinandersetzungen in Berlin 1813 kurzzeitig nach Weimar unter Mutters Rockzipfel verkrochen hatte. Bald schon wurde er ihr „überlästig und unerträglich“: „Alle deine guten Eigenschaften werden durch deine Superklugheit verdunkelt.“

Schriftlich zählte sie ihm seine Verfehlungen auf: „Dein Misstrauen, Dein Tadeln meines Lebens, der Wahl meiner Freunde, Dein wegwerfendes Benehmen gegen mich, Deine Verachtung gegen mein Geschlecht, Dein deutlich ausgesprochener Widerwillen zu meiner Freude beizutragen, deine Habsucht, Deine Launen, denen du ohne Achtung gegen mich in meiner Gegenwart freien Lauf ließest...“ Am Ende warf sie ihn raus. Die „Türe, die du gestern, nachdem Du Dich gegen Deine Mutter höchst ungeziemend betragen hattest, so laut zuwarfst, fiel auf immer zwischen mir und Dir“.

Beim Versuch zu vermitteln, blieb Adele Schopenhauer in den folgenden Jahren gänzlich erfolglose. „Man möchte lieber auf irgendeiner verzauberten Insel mit Ungeheuren sitzen als unter diese Menschen, die mit der größten Liebe einen totmartern“, klagte sie ihrer Weimarer Freundin Ottilie von Pogwisch, die 1817 Goethes Sohn August heiratet (sehr zum Verdruss Adeles, die in Ottilie verliebt ist).

„Nach Tische Adele Schopenhauer“, notiert Goethe senior nun immer öfter in sein Tagebuch. Die beste Freundin der Schwiegertochter geht in seinem Haus am Frauenplan ein und aus, er wird für die Halbwaise zum „lieben Vater“ und für die vielseitig Gebildete zum Gesprächspartner über Literatur, Kunst, Architektur, Theater. Goethe fördert und profitiert von ihren Talenten, engagiert sie als Schauspielerin, motiviert sie zu Rezensionen, zeigt stolz ihre meisterlich gefertigten Scherenschnitte herum. Ein „Eintrittsbillet“ in künstlerisch-intellektuelle Kreise nennt die Literaturwissenschaftlerin Anja Peters die Beziehung der jungen Schopenhauer zum alternden Goethe. Nun, das Ticket hat sie sich durchaus selbst erarbeitet.

Zunächst aber sitzt Adele Schopenhauer in Danzig und weiß nicht weiter. Zum Jahreswechsel 1819/1820 – die „ängstigende, tötende Ungewissheit“ quält sie so sehr, dass sie sich bereits als Gouvernante in Russland sieht – ein kleiner Lichtblick: Die Bank bietet die Auszahlung von 30 Prozent und eine jährliche Leibrente an. Der Vergleich, so heißt es bei Muhl, komme aber nur zustande, wenn alle Gläubiger mitziehen. Arthur Schopenhauer denkt nicht daran: Er fordert sein Geld bis auf den letzten Groschen zurück, droht Muhl mit Klage – und gefährdet damit die ganze Vereinbarung.

Adele Schopenhauer beschwört ihren Bruder, einzulenken: „Du nimmst uns dadurch für den Moment allen Lebensunterhalt, klagst Du, so machst du uns zu Bettlern, das überlege wohl.“ Doch er bleibt hart, verdächtigt Mutter und Schwester, hinter seinem Rücken für sich bessere Bedingungen auszuhandeln, bezichtigt sie offenbar sogar, seinen Tod herbeizuwünschen, um sich zu sanieren. Ein Vorwurf, „der mich vernichtend berührte“, schreibt die Schwester ins Tagebuch, „meine Seele ist von ihm geschieden.“

Ihm versichert sie, es „ehrlich und rechtschaffen“ mit ihm zu meinen, beschwört ihn, sie und die Mutter nicht „ins Elend“ zu stürzen: „Wir arbeiten ums Brot, denn wir sind Bettler“. Auch ein Versuch, ihn bei seiner Eitelkeit zu packen, scheitert: „Ohne Zweifel weißt du, dass du deine eigene Ehre weit mehr angreifst, da jeder Dir unsre Armut zuschrieben wird.“ Doch mit dem, was die Leute sagen, kann man einem Arthur Schopenhauer nicht drohen.

Mitte 1820 hat die Ungewissheit ein Ende: „Mein Schicksal ist entschieden; und wenigstens erträglich“, schreibt Adele Schopenhauer in ihr Tagebuch. Der Vergleich kommt zustande, trotz der Verweigerungshaltung des Bruders.

Er selbst geht als Gewinner aus der Angelegenheit hervor. 1821 gelingt es ihm, sein Geld in voller Höhe von Muhl zurückzufordern. Der kleine finanzielle Engpass, in den auch er geraten war – „Die Welt als Wille und Vorstellung“ war alles andere als ein Bestseller, ein Gericht verdonnert ihn zudem zu regelmäßigen Zahlungen an eine Frau, die ihn wegen Körperverletzung verklagt hatte, er muss sich als Dozent an der Universität zu Berlin verdingen – hat ein Ende. Schon Jahre zuvor hatte er der Welt verkündet, es nicht nötig zu haben, ein „Vielschreiber“ und „Honorarverdiener“ zu sein. Nun kann Arthur Schopenhauer, frei von materiellen Sorgen, sein Leben ganz dem Philosophieren widmen.

Mutter und Schwester indes werden die Folgen des Bankrotts für den Rest ihres Lebens spüren – verschärft dadurch, dass Johanna Schopenhauer von ihrem gewohnten Lebensstil kaum lassen mag. Ihre Tochter, eben noch reiche Erbin, nun junge Frau ohne Vermögen, muss in Weimar um Anerkennung kämpfen und – Geld verdienen.

Zögerlich greift sie auf ihr „symbolisches Kapital“ zurück, wie sie es nennt. Sie nutzt Kontakte aus dem mütterlichen Salon, knüpft Netzwerke, wendet sich an mehrere Verleger, darunter Brockhaus, der auch Werke der Mutter veröffentlicht, bietet Übersetzungen aus dem Englischen an. Weimar wird zu teuer, die Frauen verlegen ihren Wohnsitz an den Rhein. wo die Bonner Archäologin Sibylle Mertens-Schaffhausen ihnen ein Haus in Unkel zur Verfügung stellt. Die Lebensgefährtin Adele Schopenhauers ist es auch, die ihr weitere wichtige Kontakte in die Literaturbranche vermittelt und sie zum Schreiben ermuntert.

Die glaubt nicht recht an ihr Talent zur Schriftstellerei, doch irgendwo muss das Geld ja herkommen, und so schreibt sie, teils unter Pseudonymen, „ums Brot“. 1835 erscheinen „Die lothringischen Geschwister“ in der „Frühlingszeitung für Deutschland“ sowie Gedichte im „Morgenblatt für gebildete Stände“.

Zum Bruder sucht sie in diesen Jahren immer wieder Kontakt, nimmt Anteil an seinen publizistischen Aktivitäten. 1836, Arthur hat gerade „Über den Willen in der Natur“ veröffentlicht, spitzt sich die Situation für seine Familie erneut zu: Muhls Nachfolger stellt die Zahlung der Rente in Frage. Adele Schopenhauer bittet ihren Bruder um Rat, doch der lässt sie abblitzen. Die Frauen in der Familie sind wieder einmal auf sich gestellt.

Adele Schopenhauer unterrichtet, arbeitet als Theater- und Kunstkritikerin, wirkt an musikalisch-literarischen Projekten der Goethe-Enkel mit. In Jena, wohin die Schopenhauers umziehen, nutzt sie Kontakte in die Verlagsbranche auf für andere, etwa ihre Freundin, die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Nach dem Tod Johanna Schopenhauers gibt die Tochter deren Nachlass heraus, eine Unternehmung, die ihr finanziell endlich etwas Luft verschafft. Sie wird mutiger, veröffentlicht die „Haus-, Wald- und Feldmärchen“ (1844), das autobiografisch gefärbte Werk „Anna. Ein Roman aus der nächsten Vergangenheit“ (1845) und „Eine dänische Geschichte“ (1848).

Während längerer Italien-Aufenthalte an der Seite ihrer Lebensgefährtin Sibylle Mertens-Schaffhausen ist sie als Korrespondentin für deutsche Zeitschriften tätig, schreibt Kritiken und verfasst – ungewöhnlich für die damalige Zeit – einen Florenz-Reiseführer für Frauen. Er wird erst lange nach ihrem Tod veröffentlicht.

Adele Schopenhauer erliegt am 25. August 1849 im Haus ihrer Freundin in Bonn einem Krebsleiden. Ihr Bruder Arthur überlebt sie um elf Jahre. Bei seinem Tod am 21. September 1860 in Frankfurt soll er sein Vermögen verdoppelt haben. Nachkommen, die etwas davon hätten, gab es nicht, eine uneheliche Tochter starb früh. Als seine damalige Freundin schwanger war, ging der Philosoph erst einmal auf Italienreise. Eine Person aus seiner Umgebung aber machte sich damals doch Gedanken um die Zukunft von Mutter und Kind: „... ich suche, mir Geld zu verschaffen, um es dem armen Mädchen zu senden“. Es war seine Schwester Adele Schopenhauer.

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