Antonio Skarmeta.
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Antonio Skarmeta.

Chilenische Literatur

Wir schaffen das

  • Harry Nutt
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Zum 80. Geburtstag des chilenischen Schriftstellers Antonio Skármeta, der in den 1970er Jahren nach Deutschland zunächst ins Exil ging, um sein Land später auch als Botschafter zu vertreten.

In der Biografie des chilenischen Schriftstellers Antonio Skármeta stößt man immer wieder auf das Kino und den Film als wichtige Inspirationsquellen seines künstlerischen Schaffens. Das gilt nicht zuletzt für seinen berühmten Roman „Mit brennender Geduld“, der von der Freundschaft eines Postboten mit dem großen Dichter (und Literaturnobelpreisträger) Pablo Neruda handelt und schließlich in den mörderischen Putsch gegen die Allende-Regierung vor bald 50 Jahren mündet.

Ehe der Roman 1985 auf Deutsch erschien, hatte Skármeta ihn bereits in Eigenregie für das ZDF verfilmt. Es war wohl auch der Freundschaft mit dem Regisseur Peter Lilienthal zu verdanken, dass sich für Skármeta immer wieder Passagen ins Filmgeschäft ergaben. Im Berliner Exil, in das der Autor 1975 mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) gelangte, war das eine willkommene Abwechslung zur einsamen Arbeit am Schreibtisch. Seine Romane und Erzählungen filmisch zu nennen, wäre jedoch eine zu starke Verengung einer poetischen Sprache, in der es ihm immer wieder um die Schilderung der Begegnung von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus ging.

Im politisierten West-Berlin der späten 70er Jahre gehörte die Chile-Solidarität zum guten Ton eines linken Kulturmilieus, in dem man stolz darauf war, zu Ehren der Exilierten Salsa-Partys zu feiern und dabei zu Klängen der Gruppe Inti-IIlimani zu tanzen. Antonio Skármeta war hier ein gern gesehener Gast. Wenn er jedoch ein wenig Abstand von seiner Rolle als politischer Schriftsteller benötigte, zog es ihn mit seiner Frau Nora in den Südwesten Berlins auf die Trabrennbahn Mariendorf, wo sie gemeinsam einen anderen Aggregatzustand der brennenden Geduld erprobten. Skármeta hier zu erleben, bedeutete auch, einem Schriftsteller dabei zusehen zu dürfen, wie er anderen als eine Art teilnehmender Beobachter bei der Ausübung ihrer Leidenschaften beiwohnte.

Antonio Skármeta hatte sich fest in West-Berlin etabliert, aber als sich die chilenische Demokratie wieder stabilisierte, zögerte er nicht lange, in das Land zurückzukehren, das er bald 15 Jahre zuvor zu verlassen vorgezogen hatte. Er arbeitete an neuen Romanstoffen, nicht zuletzt der Auseinandersetzung mit der Herkunft seiner Familie aus Dalmatien. Ferner moderierte er im chilenischen Fernsehen eine Literatursendung, über die er sich ein ganz neues Publikum erschloss, und wurde auf verschiedene Weise doch immer wieder auch mit dem frühen Neruda-Roman konfrontiert. Als Michael Radford ihn 1994 unter dem Titel „Il postino“ mit Philippe Noiret erneut verfilmte, wurde dieser fünfmal für den Oscar nominiert. Später erfolgten Opern- und Musicalbearbeitungen, die Skármeta selbst vornahm.

„Aus der Ferne sehe ich dieses Land“ war Ende der 70er Jahre der Titel eines fürs Fernsehen gedrehten Films von Christian Ziewer, für den Skármeta das Buch geschrieben hatte. Es handelt vom Aufwachsen eines jungen Chilenen im westdeutschen Exil, in dem er trotz aller Annäherungsversuche ein Fremder bleibt.

Der erwachsene Schriftsteller und Filmemacher Antonio Skármeta aber war nun ein polyglotter Wanderer zwischen den Kontinenten, und es glich im Jahr 2000 einer leise-triumphalen Rückkehr, als er als gerade ernannter Botschafter seines Landes mit seiner Familie eine stattliche Villa im Berliner Grunewald bezog. Der einstige Exilant war nun in die Rolle des Staatsrepräsentanten geschlüpft, nicht ohne Rückversicherung. Seinem Präsidenten Ricardo Lagos hatte Skármeta das Versprechen abgerungen, weiter als Schriftsteller arbeiten zu dürfen. Ganz ohne eine Note zum Film verlief diese neue Aufgabe übrigens auch nicht. In der Botschaftsvilla hatte kurz zuvor Oscar Roehler zentrale Szenen seines Films „Die Unberührbare“ gedreht.

Die Anforderungen an den Botschafter aber kamen den Bedürfnissen des Künstlers immer häufiger in die Quere, so sehr er die Aufgabe, für chilenische Rotweine werben zu dürfen, auch genoss. Und so bat Skármeta nach drei Jahren, dass man ihn von seinen Aufgaben entbinden möge. In Berlin hatte er neue Bande geknüpft und alte Freundschaften aufgefrischt, aber die zweite Rückkehr nach Chile hatte auch etwas von einer endgültigen Rückkehr – unterbrochen von gelegentlichen Berliner Gastaufenthalten auf Einladung des DAAD.

In einem Interview im Jahr 2011 sprach er bei solch einer Gelegenheit auch über die in Chile gebräuchliche Floskel „Podemos!“, die ein trotziges Weitermachen nach schweren Rückschlägen signalisiert. Heute kennt hierzulande jeder die deutsche Entsprechung als „Wir schaffen das“. Antonio Skármeta feiert unterdessen seinen 80. Geburtstag bei guter Laune und Zuversicht. In den letzten Wochen erst hat er sich von einer schweren Krankheit erholt. Sein Gesicht ist schmaler geworden, aber sein verschmitztes Lächeln sagt: „Podemos!“

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