+

Frankfurter Buchmesse - Diskussion

"Wir müssen sichtbarer werden"

  • schließen

Wie sieht die Zukunft der Buchkultur aus? Diese Frage beschäftigt auch unabhängige Verlage. Sie war Gegenstand einer Podiumsdiskussion am ersten Messeabend im Historischen Museum.

Wissen Menschen, dass manche Verlage nur zwei feste Mitarbeiter*innen haben? Was verdient man noch an Büchern? Und, wer liest überhaupt noch? Am Mittwochabend diskutierten unter dem Titel "Climate Change? Wie sieht die Buchkultur von morgen aus?" Christoph Links vom Ch. Links Verlag, kookbooks-Verlegerin Daniela Seel, Axel von Ernst vom Lilienfeld Verlag und Kyra Dreher vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels im Historischen Musuem in Frankfurt. Sie sprechen über die Zukunft ihres Buchmarktes. Den Markt der unabhängigen Verlage.

Die Ausgangssituation, die Moderatorin Manuela Reichart zunächst skizzierte, ist dabei wenig hoffnungsvoll: Einige wichtige Kleinverlage sind in letzter Zeit eingestellt worden oder insolvent gegangen, darunter der Münchener A1 Verlag und der Stroemfeld Verlag. Es mangelt an Leser*innen, aber vor allem an Geld. Viele der kleineren unabhängigen Verlage, die unter drei Millionen Jahresumsatz machen – und das ist die große Mehrheit der rund 1700 im Börsenverein organisierten Firmen – arbeiten nur noch kostendeckend. Viele unabhängige Verleger*innen bestreiten ihren Lebensunterhalt mit anderen Jobs und nehmen zur Finanzierung "Einladungen zu Podiumsdiskussionen an", scherzt Verleger Axel von Ernst.

Kleine Verlage kämpfen seit Jahren mit finanziellen Unsicherheiten. Erschwerend kam 2016 ein VG-Wort-Urteil hinzu. Seitdem kommen die Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft – rückwirkend bis 2012 – nur noch den Autor*innen und nicht mehr den Verlagen zugute. Es sei denn, Autor*innen stimmen einem Verlagsanteil freiwillig zu.

Verlagsarbeit ist oft unsichtbar

Ein Dilemma: Es gibt wenig Geld in den Verlagskassen, doch Leser*innen wollen auch nicht mehr Geld für Bücher bezahlen. Ein Zeichen mangelnder Wertschätzung? Das fehlende Verständnis für teurer werdende Bücher läge auch daran, dass viele nicht wüssten, welche Arbeit hinter der Entstehung eines Buches stecke – jenseits des Schreibens: „Wir stecken viel Zeit, Kraft, Arbeit in die Bücher. Sachbücher benötigen mindestens eine Verlagsarbeit von einem halben Jahr“, erklärt Christoph Links.

Was die Arbeit von Verlegern wirklich ausmache, das wüssten nur wenige branchenfremde Menschen. Da ist sich das Podium einig. Um unter anderem die Sichtbarkeit zu stärken, hat Axel von Ernst, mit 60 anderen Verleger*innen im Februar 2018 die „Düsseldorfer Erklärung“ verfasst. In dieser fordern die Verleger*innen eine staatliche Förderung ihrer Arbeit, schlagen den Aufbau einer „Bundeszentrale für literarische Bildung“ vor und die Einrichtung eines „Deutschen Verlagspreises.“ Die letzte Forderung, das erklärte die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, gestern in einer Pressemitteilung, wurde erhört. „Angesichts der angespannten Situation gerade kleinerer und anspruchsvoller Verlage wollen wir ein Zeichen für literarische Vielfalt setzen“, so Grütters. Ein „Deutscher Verlagspreis“ soll kommen.

„Keine langfristige Entspannung“

Der Verlagspreis soll dann in Zukunft Spitzenpreise vergeben und zusätzlich aus einer mittleren zweistelligen Zahl von Förderpreisen für Verlage bestehen. Sein Gesamtbudget soll mindestens so hoch liegen wie bei seinem Vorbild, dem Deutschen Buchhandlungspreis. Dieser wird mit einer Million Euro pro Jahr gefördert. Der Preis sei ein „guter Anfang“, wertet Kyra Dreher vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Es sei ein erster Schritt, der jedoch „keine langfristige Entspannung“ bringen wird, sagt hingegen Axel von Ernst. Damit ein Preisgeld kleinen Verlagen wirklich helfe, müsse es sehr hoch sein. Mit einer Dotierung von beispielsweise 20.000 Euro könne er zwei Bücher verlegen, danach werde er wieder mit den Büchern in seinem Verlag „die Welt beschenken“, wie er es immer tue. Durch einmalige Preisgelder sind keine langfristigen Planungen für die Verlage möglich. Doch eine längerfristige institutionelle Förderung ist problematisch, da die unabhängigen Verlage, genau wie Verlage hinter denen ein großer Konzern steht, als Wirtschaftsunternehmen eingestuft werden. Die Verleger*innen gelten als Unternehmer*innen, die Profite erwirtschaften müssen, und nicht als Kulturschaffende. Ein Vorbild, wie das anders laufen könnte, liefert die Schweiz. Dort werden unabhängige Verlage seit zwei Jahren projektunabhängig gefördert. Die Verlagsarbeit wird dort als bedeutende Rolle für die Kultur anerkannt.

Seit einigen Jahren arbeiten die Indie-Verlage intensiv an der Verbesserung ihrer Sichtbarkeit. Die Einführung des „Indiebookdays“, die Verleihung des „Hotlist“-Preises für Bücher aus unabhängigen Verlagen bei der Frankfurter Buchmesse und die Arbeit der Interessenvereinigung der unabhängigen Verlage in der Kurt Wolff Stiftung sind dafür Beispiele. „Wir sind viele gute Verlage und wir müssen sichtbarer werden. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir bei fehlender Wertschätzung auch böse werden können“, sagt Axel von Ernst. Die Vielfalt des deutschen Buchmarktes finde sich weder in Buchhandlungen noch auf den Lehrplänen der Schulen. Doch wenn immer weniger junge Menschen gerne lesen, dieses Kulturgut verloren gehe, dann ist auch die Bundeszentrale für politische Bildung gefragt, so die Meinung auf dem Podium. „Es wird sehr wenig Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht gelesen“, sagt Daniela Seel von kookbooks. Das sei schade, da das eine „Lebendigkeit und einen anderen Umgang mit Literatur“ schaffen könne.

Auch brauche es für eine echte Wertschätzung der Literatur und besonders der Arbeit von Autor*innen und Verleger*innen eine grundsätzliche Änderung der Förderungskultur, so Seel. Statt Institutionen zu schaffen, die Verlage längerfristig fördern könnten, gäbe es immer mehr Schreib- und Reisestipendien, für die ihre Autor*innen „irgendwelche Blogs füllen müssen“, statt wirklich an ihrer Kunst arbeiten zu können.

Eine „prekäre Situation“, „Alarmzeichen“, und „viele Baustellen“ – es fallen vemehrt negative Einschätzungen der unabhängigen Verleger*innen über den deutschen Buchmarkt an diesem Abend. Ein dystopisches Bild des Buchmarktes der Zukunft wollen sie aber nicht zeichnen: „Der Bedarf nach schönen Worten wird immer bleiben“, resümiert Axel von Ernst, und die Kleinverleger*innen arbeiteten trotz der Schwierigkeiten mit leidenschaftlicher Begeisterung für die Buchkultur. Ideen für die Verbesserung der Situation von Indie-Verlagen haben die Verleger*innen genügend. Um dafür die Weichen zu stellen, müsse bei der Politik allerdings der erste Satz der Düsseldorfer Erklärung ernstgenommen werden: „Literatur ist ein förderungswürdiges Kulturgut.“

In der Rubrik „Unter Dreißig“ berichten Studierende aus Berlin von der Frankfurter Buchmesse.

In einer vorherigen Version des Textes hatten wir vermeldet, dass der Verlag Klöpfer & Meyer insolvent wäre. Dem ist nicht so. Bei dem Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer ist die Situation wie folgt: Verleger Hubert Klöpfer sucht altershalber seit zwei Jahren einen Nachfolger für seinen wirtschaftlich gesunden Verlag.  Weil sich bislang kein Nachfolger gefunden hat - auch aufgrund der strukturellen Probleme in der Branche -  wird Hubert Klöpfer das Frühjahrsprogramm 2019 aussetzen. Die Suche nach einem Nachfolger läuft indes weiter.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion