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So stellte sich ein unbekannter Künstler den Untergang der Titanic vor.

Literatur

„Wir fuhren auf der Titanic“

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Zur Neuauflage von zwei Standardwerken Eric Hobsbawms.

Eric Hobsbawm, der 2012 in London starb, zählt zu den bekanntesten Historikern weltweit. Er arbeitete am Birbeck College in London, wo er es zu einer Weltkarriere brachte. Hobsbawms alter Tutor soll dem Historikerkollegen Tony Judt (1948-2010) einmal erzählt haben, Hobsbawm sei der klügste Student gewesen, den er je unterrichtet habe. „Aber was heißt schon unterrichten – ihm konnte man nichts beibringen. Er wusste ja schon alles.“

Hobsbawms Buch „Das Zeitalter der Extreme“ wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Nicht anders ist es mit seinen Erinnerungen „Gefährliche Zeiten“, die er einmal als die B-Seite von „Das Zeitalter der Extreme“ bezeichnete. Nun sind die beiden Bücher in einer neuen Fassung der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft des Theiss Verlages erschienen. Das ist unendlich verdienstvoll, denn es gab die Bände nur noch als Paperback. Anhänger von Hobsbawm mussten, wenn sie die Bücher noch nicht hatten, für eine Hardcover-Ausgabe in die Antiquariate gehen oder im Internet stöbern.

Hobsbawm zu lesen, lohnt sich. Denn er wusste nicht nur mehr als andere Historiker. Er schrieb auch besser als die meisten. Judt, ebenfalls ein anerkannter Historiker Großbritanniens, meinte, dass besonders die ersten Kapitel der Autobiografie von Hobsbawm das Beste gewesen seien, was dieser je verfasst habe.

Eric Hobsbawm wurde 1917 im ägyptischen Alexandria geboren. Sein Vater stammte aus dem Londoner East End, die Mutter aus der K.u.K-Monarchie, der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Sie lernten sich während des Ersten Weltkriegs in Zürich kennen. Die Erinnerungen in „Gefährliche Zeiten“ beginnen jedoch in Wien. Dort führte die Familie eine ärmliche Existenz. Der Vater sei vor der Tür zusammengebrochen, nachdem er versucht habe, in der Stadt etwas Geld zu verdienen. Nur ein Jahr später stellte man bei Hobsbawms Mutter eine Lungentuberkulose fest. Sie starb im Juli 1931. Ihr vierzehnjähriger Sohn lebte fortan bei seiner Tante in Berlin. Besonders beeindruckend sind die Schilderungen aus der Zeit in der Hauptstadt des damaligen Deutschen Reiches. „Wir fuhren auf der Titanic, und alle wussten, dass sie den Eisberg rammen würden.“

Bereits der Gymnasiast fühlte sich zur Linken hingezogen – was, nebenbei gesagt, bis zu seinem Tode so blieb. Er ging auf Demonstrationen von Kommunisten. Er erlebte aus nächster Nähe die spalterische Energie, mit der nicht die Nazis, sondern die SPD von der KPD bekämpft wurde. Auf dem Heimweg von der Schule erfuhr er, dass Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. „Wer das Zeitalter der Katastrophe im 20. Jahrhundert in Europa nicht miterlebt hat, kann sich nur schwer vorstellen, was es hieß, in einer Welt zu leben, an deren Dauerhaftigkeit niemand glaubte, die nicht einmal als Welt bezeichnet werden konnte, sondern nur als Übergang zwischen der toten Vergangenheit und einer noch nicht geborenen Zukunft.“

Die Erinnerungen Hobsbawms sind eine hervorragende Einführung in das „außergewöhnlichste Jahrhundert der Weltgeschichte“ und geben dem Leser die Möglichkeit, den Lebensweg eines Menschen zu verfolgen, der so, wie er verlaufen ist, in keinem anderen Jahrhundert möglich gewesen wäre. Die temporalen Linien der Erinnerungen entwickeln sich parallel zu denen im „Zeitalter der Extreme“, einem weiteren Meisterwerk der Geschichtsschreibung.

Hobsbawm hatte bereits zwei Bände verfasst, „Das Zeitalter der Revolutionen“ und „Die Blütezeit des Kapitals“, die er als die weit verzweigten Auswirkungen der Doppelrevolution, der Industriellen Revolution in Großbritannien und der Französischen Revolution 1789-94, geschrieben hatte. Doch der dritte Band war der am meisten überzeugende und erfolgreichste. Hobsbawm prägte den Begriff vom kurzen 20. Jahrhundert, womit er die Spanne von 1914 bis 1989 kennzeichnete.

So beginnt sein Geschichtsepos mit dem Ausbruch und Verlauf des Ersten Weltkriegs, er analysiert die Oktoberrevolution in Russland, der Hobsbawm als Mitglied der Kommunistischen Partei große Aufmerksamkeit schenkt, sowie die Zeit des Nationalsozialismus. Die Phase von 1914 bis 1945 bezeichnet er als „Katastrophenzeitalter“. Doch aus der Katastrophe erwächst die Blüte der Wirtschaftswunderjahre. Ein beispielloser Wirtschaftsaufschwung in Ost und West bringt den Bürgern den alten Optimismus zurück. Besonders der Westen profitiert von beispiellosen Wachstumsraten, die Menschen erleben bis in die 70er Jahre hinein immer mehr Wohlstand.

Das kurze Jahrhundert stand zunächst im Zeichen von Gewalt, Chaos, Krieg und Völkermord, während die zweite Hälfte von Frieden und Wohlstand gekennzeichnet war. Hobsbawm, der weitsichtige Intellektuelle, erkannte bereits in den 80er Jahren, dass die Welt ihre Orientierung verloren hatte – die Auswirkungen sind in unserer Gegenwart spürbar. Die Ölkrise und die Konjunkturschwäche von 1973 bis 1991 waren als „Erdrutsch“ der Auslöser dafür, dass die Gesellschaften ihren Kompass verloren.

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