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Medienrevolution

"Wir brauchen eine publizistische Ethik"

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Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen spricht in der FR über die permanente Gereiztheit der Gesellschaft.

Professor Pörksen, Sie beschreiben unsere gegenwärtige Kommunikationskultur als „die große Gereiztheit“. Wollen Sie Krisenprophet oder Netzoptimierer sein? 
Ich suche nach einer ambivalenzfähigen Haltung gegenüber dem Internet und der digitalen Kommunikation, schon weil ich selber jeden Tag mehrmals von der Position des Apokalyptikers in die des Euphorikers falle und umgekehrt.

Was euphorisiert Sie?
Wie schnell ich an Informationen von höchster Qualität herankomme: Vorträge, Zeitungsartikel, Blog-Einträge ... Ich erinnere mich aus meinem Studium noch gut der Stunden verschwitzten Leidens am Kopiergerät. Oder der Literatursuche: Wie viel Zeit habe ich an irgendwelchen Karteikästen gestanden! Was war das für ein Warten auf Bücher, die sich nach ihrem Eintreffen über die Fernleihe der Unibibliothek als unbrauchbar erwiesen!

Und was verdüstert Ihren Blick am meisten?
Die Macht der Desinformation, die Leichtgläubigkeit, die Kloake aus Hass und die Gewalt eines Mobbing-Spektakels, das neuartige Asymmetrien zwischen Anlass und Effekt, Ursache und Wirkung offenbart. Da begeht jemand einen winzigen Fehler, sagt irgendetwas Unbedachtes, und dann macht man aus ihm eine Horrorgestalt, einen Informationszombie, der in endloser Folge mit seinem eigenen Zerrbild konfrontiert wird.

Gibt es für Sie eine ikonische Geschichte?
Den Fall Lisa. Das war das damals 13 Jahre alte russischstämmige Mädchen aus Berlin, das 2016 einen Tag lang von seinen Eltern vermisst wurde und der Mutter anschließend erzählte, sie sei von drei „südländisch aussehenden Männern“ entführt und stundenlang vergewaltigt worden. In welcher Geschwindigkeit diese Lüge sich über das Netz bis zu einem Konflikt auf Regierungsebene zwischen Deutschland und Russland hochgeschaukelt hat – das hat etwas bleibend Verstörendes.

Wie tiefgreifend ist der „digitale Wandel“, von dem alle reden?
Die Behauptung der „Zäsur“ gehört zur Standardrhetorik im lauten Nachdenken über die Gegenwart. Wer von einer Revolution unseres Lebens redet, macht dieses Leben, aber auch sich selbst interessant und aufregend. Deshalb ist mir das Getöse von einer „Medienrevolution“ zwar verdächtig. Und doch meine ich, dass es in der Tendenz zutrifft. Die gegenwärtige Gesellschaft wird durchgeschüttelt und geplagt von den Wachstumsschmerzen der Medienentwicklung, hin- und hergerissen zwischen Zuständen der Aufregung, Nervosität und Panik angesichts des Ausmaßes von Überreizung, Pöbelei und Hass und dem verzweifelten Bemühen, all das in den Griff zu bekommen. 

Nun wird niemand den Geist mehr zurück in die Flasche bekommen. Umso lauter tönt überall der Ruf nach Medienkompetenz. Stimmen Sie mit Ihrem Plädoyer für eine „redaktionelle Gesellschaft“ darin ein?
Ich kann das floskelhafte Kompetenzgerede mittlerweile nicht mehr ertragen. 

Warum nicht?
Weil es für mich ein Symptom ist, Ausdruck der Tatsache, dass man sich einer leidenschaftlichen Wertedebatte unbedingt entziehen möchte. Seit Jahrzehnten hantieren Medienpädagogen und Bildungsplaner mit bestenfalls diffusen, im Zweifel technisch grundierten Kompetenzbegriffen. Was wir aber brauchen, ist eine konkrete publizistische Ethik. Und das Interessante ist: Seit der Entstehung des redaktionellen Journalismus im 19. Jahrhundert gibt es ein Ideal der guten öffentlichen Kommunikation mit einem konkreten Handwerkszeug für die Umsetzung ethischer Standards. Dieses Handwerkszeug ließe sich wunderbar nutzen, um zu mehr Medienmündigkeit zu gelangen – ein Ausdruck, der mir viel besser gefällt als die hohle Rede von der Medienkompetenz.

Woraus besteht dieses Handwerkszeug Ihrer Ansicht nach?
Ich nenne einmal die wichtigsten Instrumente oder, konkret gesprochen, die wesentlichen Regeln: Studiere die Quellen! Höre auch die andere Seite! Bleibe skeptisch! Sei dir bewusst, wie fehleranfällig jede menschliche Wahrnehmung ist! Das geht nicht nur die Medienprofis in Redaktionen an, sondern jeden. Weil heute jeder zum „Publizisten“, zum Sender von Inhalten geworden ist, sollte auch jeder wie sein eigener Redakteur handeln. Ich nenne das die „redaktionelle Gesellschaft“, auf die wir uns zubewegen sollten. Die Schule wäre dafür ein wichtiger Lernort, weshalb ich ein eigenes Unterrichtsfach vorschlage. 

Setzen Sie nicht darauf, dass die immer größere Vertrautheit mit dem Internet auch zu mehr Kompetenz führt – etwa im Hinblick auf den Umgang mit Quellen? Also eine Art sich selbst organisierender Mündigkeit? 
Leider nein, eher im Gegenteil. Weltweit weisen Untersuchungen ein schwindendes Quellenbewusstsein nach. Die Hälfte aller Leute, die über ihr Smartphone wischen, achten nicht auf die Herkunft dessen, was sie auf dem Display sehen oder lesen. Damit fehlt aber etwas Elementares für die Beurteilung der Qualität von Informationen. Erinnern Sie sich daran, in welchem Ausmaß im US-Wahlkampf 2016 noch die absurdesten Falschmeldungen Glauben fanden! Der Papst empfiehlt die Wahl Donald Trumps. Hillary Clinton hat mit der Ermordung eines FBI-Agenten zu tun ... Wenn Sie nun noch bedenken, dass Millionen von wahlberechtigten US-Amerikanern mit diesem Unsinn konfrontiert waren und Trump am Ende einen Vorsprung von nicht einmal 100 000 Stimmen hatte, dann ist die Behauptung nicht allzu gewagt, dass Fake News die US-Präsidentschaftswahl entschieden haben. Bedrückend!

Die „redaktionelle Gesellschaft“ als Vision – heißt das: Am Journalistenwesen soll die Welt genesen?
Damit würde ich mich missverstanden fühlen. Die redaktionelle Gesellschaft ist um Himmels willen keine, in der Journalisten das Sagen haben und uns erklären, was eine gute Quelle ist. Die redaktionelle Gesellschaft ist vielmehr eine, die um die Bedeutung und den Wert guter Kommunikation weiß. Die Ideale des guten Journalismus sind Teil der Allgemeinbildung, und es gibt eine intensive öffentliche Auseinandersetzung über kommunikative und publizistische Standards. Dieses permanente Streiten und Reden ist für jeden liberal denkenden Menschen schon ein Wert an sich.

Und der Journalismus?
Muss sehr viel dialogischer werden, transparenter, auf Augenhöhe mit seinem Publikum. 

Noch dialogischer? Wissen Sie eigentlich, wie viel Zeit wir inzwischen jeden Tag in den Leserdialog investieren – und was das kostet?
Für die betriebswirtschaftliche Seite dieses Problems – und die Refinanzierung des Qualitätsjournalismus ist ein Problem – hat im Moment niemand eine Lösung, leider. Und doch glaube ich, dass es in Zeiten von Medienverdrossenheit und Glaubwürdigkeitsverlust keinen anderen Weg gibt. Und vielleicht muss der „Dialog“ ja nicht immer ein 1:1-Kontakt zwischen Journalist und Leser sein. Es würde sicher schon helfen, wenn die Journalisten auf der Ebene ihrer Beiträge das eigene Vorgehen offenlegten, also nicht nur Sachverhalte erklärten, sondern auch ihre Arbeit. 

Lässt sich die #MeToo-Kampagne in Ihren Entwurf einer neuen Form von Dialog zwischen den Medien und ihrem Publikum einpassen?
Absolut. Wir erleben hier ein wirkmächtiges Zusammenspiel zwischen den Medien und den „vernetzten Vielen“ – oder, wie ich sagen möchte, zwischen der vierten und der fünften Gewalt. Das Thema „sexualisierte Gewalt“ wurde von Betroffenen auf die Agenda katapultiert und im Netz mit ungeheurer Wucht verbreitet. Journalisten haben dann die Vorwürfe überprüft, weitere Fälle gesucht, den Opfern eine Stimme gegeben, Zusammenhänge hergestellt und Analysen geliefert. Das eine bedingte das andere. Und was die Rolle des Journalismus betrifft, so zeigt zum Beispiel der Fall des Regisseurs Dieter Wedel, wie wichtig, ja entscheidend die akribische, umsichtige und unerschrockene Recherche ist – samt der Entschlossenheit, die Rechercheergebnisse letztlich auch zu veröffentlichen. 

Sie sprechen auch von einer Autoritäts- und Reputationskrise im Netz. Sind Sie in Sorge um Leitfiguren, Idole, Lichtgestalten oder befürchten deren Dauerdemontage durch eine gleichmacherische, alles nivellierende Kommunikation? 
Wir leben heute in einer beständigen Schizophrenie: Wir wollen bewundern, und wir wollen entlarven. Wir möchten verzaubert werden, und wir möchten entzaubern. Beides! Und beides gleichzeitig! Also suchen wir auch das charismatische Vorbild, das wir anhimmeln können, und suchen zugleich den Antihelden, den „Typen zum Anfassen“, der so ist „wie du und ich“ – nahbar, immer erreichbar, völlig normal. Und all das findet statt in einer Medienwelt, die auf grelle Weise überbelichtet ist. Nie kamen uns unsere Idole vermeintlich so nah. Nie zuvor war die öffentliche Bewunderung so einfach, aber auch die Entzauberung. Ein peinliches Foto auf Instagram, eine heimlich aufgenommene Tondatei, ein kompromittierender Videoclip – und schon stürzt der Filmstar, der Spitzenpolitiker, die moralische Autorität ins Bodenlose.

Bewunderung setzt doch ein Gefälle voraus, einen Abstand, eine Hierarchie – all das, was die digitale Kommunikation im Web 2.0 zu überwinden vorgibt. 
Das trägt genau ja zum Grundgefühl der permanenten Gereiztheit bei, eben weil wir bewundern wollen, ohne dies lange aushalten zu können. Aktuell bestes Beispiel in Deutschland ist ...

... Martin Schulz?
Exakt. Schulz wurde hochgejubelt, geradezu vergöttert zum Heilsbringer der SPD. Man sah in ihm den authentischen Politiker mit Ecken und Kanten. Er selbst hat sich dann sehr weit geöffnet, sich ganz persönlich gezeigt – und ist dann in Höchstgeschwindigkeit demontiert worden, als Lügner, Heuchler und Karrierist.

Hoch hinauf, tief hinunter, der „Paternoster-Effekt“ – welche Rolle messen Sie hier den Medien zu? Das in der Politikersprache geläufige Begriffspaar „hochgeschrieben, runtergeschrieben“ tut ja so, als wären die Medien die treibenden Kräfte.
Ich glaube, es gibt ein verstörendes Zusammenspiel zwischen Medien, Politikern und den einigermaßen schizophrenen Publikumsinteressen. 

Gibt es daraus ein Entkommen?
Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Wir sehen und wirken daran mit, wie Helden in immer rascherer Folge aufsteigen und verglühen, gerade noch verehrte Götter ihre Götterdämmerung erleben. Und gleichzeitig steigen populistische Antihelden auf wie Donald Trump, die sagen: „Eure moralischen Maßstäbe interessieren mich einen feuchten Dreck!“ Oder wir erleben Akteure, die sich mit maximaler Selbstkontrolle unangreifbar zu machen versuchen.

An wen denken Sie da?
Zuerst und vor allem an Angela Merkel. Sie ist für mich die eigentliche Medienkanzlerin. Wir dachten ja immer, dieses Etikett sei für Gerhard Schröder reserviert mit seinem Wort, zum Regieren genügten ihm „Bild, Bams und Glotze“. Aber genau betrachtet passt es für Merkel noch erheblich besser. Sie betreibt die maximale Abschottung der Hinterbühne – und dies mit großem Erfolg. Sie verweigert häufig die klare Festlegung, die eindeutige Positionierung. Wenn man so vorgeht, dann gleitet der Empörungsfuror der gereizten Gesellschaft einfach ab. Es gelingt nicht, Angela Merkel an den Marterpfahl ihrer eigenen Ansprüche zu binden, weil sie diesen Pfahl erst gar nicht eingerammt hat. Das macht sie so erfolgreich. Aber ist das eine gute Nachricht für die Kultur der politischen Debatte? Ehrlich gesagt, ich glaube das nicht. 

Interview: Joachim Frank 

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