Gedichte für Hitler

„Wir aber halten Deutsche Ehre hoch ...“

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Eine interessante Lektüre und dazu von unwiderstehlicher Komik: Ein Band mit „Gedichten für Hitler“.

Eine interessante Lektüre und dazu von unwiderstehlicher Komik: Ein Band mit „Gedichten für Hitler“.

Eine großartige Idee, sich einmal die Gedichte anzusehen, die während des Dritten Reiches auf den Führer gemacht wurden. Nicht die der Dichter, sondern die der Volksgenossen, die die Reichskanzlei mit ihren Texten bestürmten und davon träumten, dass der Führer sich an ihren Worten so berauschen sollte, wie sie es an seinen Taten taten.

Es sind allerdings auch Zuschriften darunter von Menschen, die auf einen kleinen Schnitt, eine nette Belohnung hoffen. Es ist wie jeder Blick in den Devotionalienhandel einer Religion, der man nicht angehört, eine interessante Lektüre und von unwiderstehlicher Komik.

Wer ein wenig vom Genuss dieser Texte ablenkt, ist der Mann, dem wir sie verdanken: Herausgeber Volker Koops Sinn für Humor scheint unterentwickelt. Jedenfalls macht er hier keinen Gebrauch davon.

Gleich auf der ersten Seite schreibt er: „Millionen Menschen waren der dämonischen Ausstrahlungskraft dieses Mannes (Adolf Hitler) bis zur Selbstaufgabe erlegen. Das unterscheidet Hitler im Übrigen wesentlich von dem anderen Diktator dieser Zeit, dem sowjetischen Staats- und Parteiführer Josef W. Stalin.“ Das ist einfach Blödsinn. Der Stalinkult hat – darauf weist Koop selbst hin, wenn er am Ende des Buches zum Beispiel an Kurt Barthel und Johannes R. Becher erinnert – ganz ähnliche Formen angenommen.

Die Verbindung der systematischen Vernichtung der politischen Gegner und ganzer Gruppen der Bevölkerung mit dem Bild eines Gottes, der in ekstatischen Aufmärschen gefeiert wird, haben beide Systeme zustande gebracht. Genau an dieser Stelle gibt es keinen Unterschied.

Ermüdende Belehrungen

Koop wird nicht müde, uns immer wieder zu erklären, wie verwerflich die Ansichten, der von ihm ausgegrabenen Freizeitpoeten sind. Das ist sehr ermüdend. Wer will sich schon durch ein Buch lesen, das ihm immer nur wieder sagt, wie schlimm die Nazis und ihre Anhänger waren.

Das macht ihn blind gegenüber den Qualitäten mancher dieser Texte. Zum Beispiel könnte man doch, statt lediglich von einem „aus Propagandafloskeln zusammengereimten Machwerk“ zu sprechen, einmal den Montagecharakter, das Collagierte daran, hervorheben. Wir kennen diese Technik aus der religiösen Lyrik nur zu gut, bei der es auch darauf ankommt, die entscheidenden Wendungen möglichst eng auf einander folgen zu lassen.

Hier sprechen schließlich keine Avantgardisten, sondern wir haben es zu tun mit den scheiternden Versuchen, der eigenen Gegenwart einen hymnischen Glanz zu geben. Das ist jedoch keineswegs etwas Nazi-Spezifisches. Das gehört in den Gemütshaushalt fast einer jeden von sich eingenommenen oder für sich einnehmen wollenden Existenz.

„Wer seine Ehre gibt aufs Spiel, / Von dem hält man nicht mehr viel. / Wir aber halten Deutsche Ehre hoch, / Trotz aller Verleumdung noch und noch. / Das muss in Deutschland wieder anders werden, / Alle müssen S.A. Männer werden. / Heil Hitler! Töne es jauchzend himmelwärts, / Dann geht’s mit uns auch wieder aufwärts.“

Das ist so ungelenk, dass man dem Autor tröstend über den Kopf streichen möchte.

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